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OlTO HARRASSOWITZ
BUCHHANDLUNG
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■ ■ ; VOM ALTEN UND NEUEN TESTAMENT
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IN IHREM A^ERHÄI^TN
ZUR WORTÜBÄRLIEFERÜN G
W. KOHLHAMÄR. VERLAG • STUTTGART-BERLIN
Beiträge
zur Wissenschaft vom Alten Testament
Herausgegeben von Rudolf Kittel .
2^weite Folge
I.Heft: Die Lade Jahves Und das Allerheiligste des Salömoriischen
^' . .. Tempels^ ■.■-■./ '^:..-^ ■.''[■ .' ^-'' ':'■■':' ' '.^ :.' ; ■^^
Von H. Gressmann, 8». 72 S. 192Ö. RM. I.5Ö ;
2. Heft: Jahyist und Elohist in den Königsbüchern.
Von Immanuel Benzinger. 8°. 76S. 1921. RMi I.50
3. Heft: Psalmenstudien. >; v;
Von Max Löhr. 8«. 53 S. 1922. RM. I.— -
4. Heft: Das Erkennen Gottes bei den Schriftpropheten. -
Von J. Hänel., 8". 268 S. 1923. RM. 5,7er ^ -
5. Heft: Beiträge zur Eritstehungsgeschichte der Septuaginta.
Von Johannes Herrmann und Friedrich Bäumgärtel.
8 ». IV und 98 S. 1923. RM. 2.70 ■
6. Heft: Die Altäre des salomonischen Tempels.
Von Dr. Joh. de Groot. 8». VIII und 88 S. 1924. RM, 3.20
7. Heft: Die hellenistische Mysterlenreligiori und das Alte Testament.
Von Rudolf Kittel. 80. IV und 100 S. 1924. RM. 3.20
8. Heft: Texte und Untersuchungen zur vörmasoretischen Gram-
matik des Hebräischen. I.Masoreten des Westens.
Von Paul Kahle. Mit Beiträgen von Dr. Israel Rabin Und 30 Lichtdruck-
tafeln. 8°. XII, 89, 66 und 27 S. 1927. RM. I4.4O
9. Heft: Texte und Untersuchungen zur vörmasoretischen Gram-
matik des Hebräischen. II. Die Transkriptionen von der
Septuaginta bis zu Hieronymus.
Von Franz Wutz. I. Lieferung. 8°. IV und 176 8.1925, RM. 6.30 ■
2. Lieferung. 8°. S. .177— 569. 1932. RM. 30.—
10. Heft: Beiträge zur syrischen und jüdischen Geschichte.
Kritische Untersuchungen zur Seleukidenliste und zu den beiden ersten
Makkabäerbüchern. Von Walther Kolbe. 8°. IV u. 174S. 1926. RM. 5.40
11. Heft: Das kultische Problem der Psalmen.
Versuch einer Deutung des religiösen Erlebens in der Psalmendichtung
Israels. Von Gottfried Quell. 8". IV und 160 S. I926. RM. 5.40
W. KOHLHAMMER /VERLAG IN STUTTGART
DIE WUNDERÜBERLIEFERUNG
DER SYNOPTIKER
IN IHREM VERHÄLTNIS
ZUR WORTÜBERLIEFERUNG
VON
LIC. OTTO PERELS
W. KOHLHAMMER • VERLAG • STUTTGART-BERLIN
1934
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DIE WUNDERÜBERLIEFERUNG
DER SYNOPTIKER
IN IHREM VERHÄLTNIS
ZUR WORTÜBERLIEFERUNG
VON
LIC. OTTO PERELS
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W. KOHLHAMMER • VERLAG • STUTTGART-BERLIN
1934
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BEITRÄGE ZUR WISSENSCHAFT
J-^ VOM
^ .% ALTEN UND NEUEN TESTAMENT ,
Begründet
von
RUDOLF KITTEL t
Herausgegeben
von
ALBRECHT ALT und GERHARD KITTEL
VIERTE FOLGE HEFT 12
(Der ganzen Sammlung Heft 64)
Die erste Folge der „Beiträge" (Heft l — 25)
ist bei J, C. Hinrichs in Leipzig
erschienen
Druck von W. Kohlhamraer in Stuttgart / Printed in Germany
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1.05'J67
Meinen Eltern
Inhalt.
Seife
Einleitung- . . . • 1
1. Kapitel.
Das Ineinander von Worf und Wunder.
I. Das Wort in den Wundergeschichten 3
1. Das Material 3
2. Die Beurteilung 14
II. Das Wunder in der Wortüberlieferung 18
1. Jesu Worte über seine Wunder 18
2. Die äußere Verankerung der Wunderüberlieferung innerhalb
der Wortüberlieferung 21
2. Kapitel.
Das Nebeneinander von Wort und Wunder.
I. Die synoptische Gesamtauffassung von der Wort- und Wunder-
überlieferung 24
II. Die Einzelgestaltung der Wundergeschichten im Vei*hältnis zu
den Ausspruchgeschichten 30
1. Der Aufbau der Wundergeschichten 30
2. Das Verhältnis zu den Ausspruchgeschichten 58
3. Kapitel.
Zur vorsynopUsdhen Gesdiichie der Überlieferung.
I. Die Möglichkeiten 74
II. Außersynoptische Wunder 77
III. Der wahrscheinliche Entwicklungsgang der Wunderüberlieferung 89
IV. Die Entwicklung der einzelnen Geschichten ...... 93
V. Antwort auf Einwände vom Standpunkt der Zweiquellentheorie 101
VI. Überblick über das Material einzelner Teile der synoptischen
Überlieferung- 104
Schlußbemerkung 107
Literatur.
Abrahams, L, Studies in pharisaism and the gospels. Cambridge 1917.
Albertz, Martin, Die synoptischen Streitgespräche. Berlin 1921.
Bauer, Walter, Das Leben Jesu im Zeitalter der neutestam entlichen Apo-
kryphen. Tübingen 1909.
Bauernfeind, Otto, Die Worte der Dämonen im Markusevangelium.
Stuttgart 1927.
Behm, Johannes, Die Handauflegung im Urchristentum. Leipzig 1911.
Blau, Ludwig, Das altjüdische Zauberwesen. Straßburg 1898.
Bornhäuser, Karl, Das Wirken des Christus durch Taten und Worte.
2. Aufl. Gütersloh 1924.
Bnltmann, Rudolf, Die Geschichte der synoptischen Tradition, 2. Aufl.
Göttingen 1931.
Buiämann, Wilhelm, Synoptische Studien, Bd. 1—3. Halle 1925/31.
Deißmann, Adolf, Licht vom Osten, 4. Aufl. Tübingen 1923.
Dibelius, Martin, Die Formgeschichte des Evangeliums. Tübingen 1919.
— Zur Formgeschichte der Evangelien (Theol. Rundsch. N. F. Bd. I). Tü-
bingen 1929.
Fascher, Erich, Die formgeschichtliche Methode (Beiheft 2 zur ZNW).
Gießen 1924.
Fiebig, Paul, Jüdische Wundergeschichten des neutestamentlichen Zeit-
alters. Tübingen 1911.
— Rabbinische Formgeschichte und Geschichtlichkeit Jesu. Leipzig 1931.
Grundmann, Walter, Der Begriif der Kraft in der neutestamentlichen
Gedankenwelt. Stuttgart 1932.
Harnack, Adolf, Sprüche und Reden Jesu, Leipzig 1907.
Hempel, Johannes, Untersuchungen zur Überlieferung von Apollonius
von Tyana (Beitr. z. Rel-Wiss. Heft 4). Halle 1921.
Hen necke, Edgar, Neutestamentliche Apokryphen. Tübingen 1924.
Herzog, R., Die Wunderheilungen von Epidaurus. Leipzig 1931.
Hoskyns, Edwin C, Jesus der Messias (in „Mysterium Christi". Ber-
lin 1930).
Joel, D., Der Aberglaube und die Stellung des Judentums zu demselben
(Jahresber. d. Fränkelschen Stiftung). Breslau 1881.
Jordan, Hermann, Was verstand das älteste Christentum unter Wunder?
(Neue kirchl. Zs. Bd. 23). 1912.
Kittel, Gerhard, Die Probleme des palästinischen Spätjudentums und
das Urchristentum. Stuttgart 1926.
— Der historische Jesus (in „Mysterium Christi". Berlin 1930).
Kloster mann, Erich, Das Matthäus evangelium (Handb. zum N.T. hrsg.
V. Hans Lietzmann, Bd. IV), 2. Aufl. Tübingen 1927.
— Das Markusevangelium (Handb. zum N.T. hrsg. v. Hans Lietzmann,
Bd. III), 2. Aufl. Tübingen 1926.
«_^ —
Köhler, Ludwig, Das formgeschiclitliche Problem des Neuen Testaments.
Tübingen 1927.
Meyer, Eduard, Ursprung und Anfänge des Christentums. Bd. 1 — 3.
Stuttgart 1921.
Reitzenstein, R., Hellenistische Wundererzählungen. Leipzig 1906.
Schlatter, Adolf, Das Wunder in der Synagoge (Beitr. z. Ford. ehr.
Theol. Jg. 16, H. 5). Gütersloh 1912.
— Der Evangelist Matthäus. Stuttgart 1929.
— Der Evangelist Johannes. Stuttgart 1930.
— Die Geschichte des Christus. Stuttgart 1921.
Schmidt, Karl Ludwig, Der Rahmen der Geschichte Jesu. Berlin 1919.
Schniewind, Julius, Zur Synoptikerexegese (TheOl. Riindsch. N. F.
Bd. 2). Tübingen 1930.
Traue, Georg, Die Wunder Jesu als Wort Gottes. Gütersloh 1931.
Wein reich, Otto, Antike Heilungswunder (Rel.-gesch. Vers. u. Vorai-b.
Vni, 1). Gießen 1909.
Weiß, Johannes, Das älteste Evangelium. Göttingen 1903.
— (in : Die Schriften des N. T. Bd. I, 3. Aufl. 1917.)
Wrede, William, Das Messiasgeheimnis in den Evangelien. Göttingen 1901.
Zeichenerklärung.
Erste auftretende Person A, ß, ^, je nachdem, ob direkte Rede,
indirekte Rede oder Handlung.
Zweite auftretende Person B, ß, ^^
Dritte „ „ C, y, X
Vierte „ „ D, d, ^.
E: Einleitungen, die mit der Sache noch nichts zu tun haben.
25: Einleitungen, die die Geschichte vorbereiten.
G: Erzählende Sätze innerhalb der Geschichte.
H: Eintritt des Wunders.
Kr.: Krankheitsschilderung.
K: Konstatierung der Heilung an einer Handlung.
W: Wirkung auf die Zuhörer.
2B: Wirkung auf den Hilfesuchenden.
V: Verbreitungsverbot.
U: Verbreitung der Kunde von Jesus.
Einleitung.
Die vorliegende Untersudiung stellt sidb. die Aufgabe, das Ver-
hältnis der Gestaltungen zu untersudien, die die beiden Seiten der
Tätigkeit Jesu, sein Wortwirken und sein wunderkräftiges Han-
deln, bei den ersten drei Evangelisten erhalten haben ^). Die Frage
ist die: Ist es historisdi richtig, wie es Bultmann tut, auf der einen
Seite die fireien Logien und Aussprudigeschiditen (Apophthegmata)
als Redestoff, auf der anderen Seite die Wundergeschichten mit dem
übrigen Erzählungsstoff zusammenzufassen, oder muß nidit viel-
mehr das gesamte Gesdiichtenmaterial als Einheit den ungerahmt
überlieferten Logien gegenübergestellt werden? Sdmiewind ^)
deutet eine Einteilung dieser Art an, indem er dem ganzen
Material der Markusüberlieferung als Haggada die Haladbia
der „Q-Quelle" zur Seite stellt. Auch Dibelius^) und Fasdier"*)
haben sich, in dieser Riditung geäußert. Die Antwort wird
stark davon beeinflußt werden, ob man mit Biütmann die Ent-
stehung der Wundergesdii(h.ten überwiegend der hellenistisdien
Sphäre zuweist und sie damit von vornherein von dem größten Teil
der Wortüberlieferung isoliert oder ob die Form der überwiegenden
Zahl der Wundergeschicihten nicht auf eine ursprünglich unhelle-
nistische Gestalt der meisten zu dieser Überlieferungsgruppe gehö-
renden Stücke schließen läßt. Im letzten Fall müßte das historische
Redit zur Isolierung der Wundergeschiditen bei der formgeschicht-
lichen Einteilung des Gesamtmaterials erst erwiesen werden. —
Das Ergebnis der Arbeit muß natürlich von Bedeutung sein für das
Urteil über den historisdien Wert der verschiedenen Teile der
synoptischen Überlieferung. — Es muß zunädist die Aufgabe sein,
1) Auf die Widitigkeit dieses Problems weist Deifimann S. 330 hin.
2) S. 135 f.
5) Z u r Formgesdiidite S. 201 f. Dibelius bringt aber die Wunder-
geschiditeh aufs neu© in Isolierung, indem er nur die Ausspruchmaterial
enthaltenden mit den Wortgeschichteu zu den „Paradigmen" rechnet,
während der größte Teil als „Novellen" für sich bleibt. Sielie unten
S. 57 f.
4) Fasdier S. 139.
Peiels. 1
die Verwobenheit des Wort- und Wundermaterials zu klären,
damit dann die Untersudiung des Verkältnisses der beiden Uber-
lieferungsgruppen in der Gesamtauffassung und Einzelgestaltung
durch die Evangelisten erfolgen kann und sdiließlidhi auch ein
Urteil über die gesdiichtlidie Entwicklung der einzelnen Teile der
Gesamttradition möglidi ist.
1. Kapitel.
Das Ineinander von Wort und Wunder.
I. Das Wort in den Wundergeschichten.
Wie steht es mit der Yermiscliuiig des Wort- und Wunderberidites
in der syiioptisdien Überlieferung? Es steht fest, daß gemäß der
Zusammensetzung der synoptischen Evangelien aus Einzelstücken
die Vermischung von A.ussprudi- und Wunderbericht nicht stark
ist. Doch ist zur Klärung zuerst die Betraditung und Beurteilung
all dessen, was in rein formalem Sinn Wort Jesu in den Wunder-
geschidhiten ist, notwendig. Es ist nicht erforderlich, die einzelnen
Geschichten durchzugehen, um bei jeder die Bedeutung der darin
enthaltenen Worte festzustellen, die sie innerhalb ihres Aufbaues
haben. Das wird vielmehr im zweiten Kapitel geschehen. Hier kann
das Material gleich unter Loslösung von den Einzelgeschiciiten in
systematisdier Ordnung zusammengestellt w^erden.
Den Hauptteil der Worte in den Wundergesdiichten bilden die
Maditworte Jesu, also Aussprüche, die den Vollzug des Wunders
unmittelbar bewirken. Zuerst seien die Worte aus den Gesdiiciiten
genannt, die in allen vorhandenen Uberlieferungsformen ein Hei-
lungswort in direkter Rede darstellen: In der Geschichte von dem
Besessenen in der Synagoge von Kapernaum (Mk. 1, 25; Lk. 4, 35):
(pi|au)6riTi Ktti ^He\9e eH (Lk. dTr') aiixoO ; bei der Aussätzigenheilung
(Mt. 8, 3; Mk. 1, 41; Lk. 5, 13): 0e\uj, Kaeapi(T0TiTi ; bei der Hei-
lung des Gichtbrüchigen (Mt. 9, 6; Mk. 2, 11; Lk. 5, 24):
eYepGeig dpöv crou
iriv K\ivr|v Kai uirate
eig TÖv okov crou.
aoi \tfuj, eyeipe Kai apag
TÖ kXiviöiov aou tto-
peuou ei5 töv oikov gov.
croi \efuj, ^Veipe apov
TÖV KpdßaTTÖv crou Kai
uTTttTe €15 Tov oiKov crou.
Bei der Heilung der verdorrten Hand ist die heilende Wirkung mit
dem Befehl (Mt. 12, 13; Mk. 3, 5; Lk. 6, 10) verbunden:
^KTeivöv crou xrjv x^xpa. \ eKieivov xriv x^iP*^« I ^Kieivov iriv x^ipd crou.
Die Auf erweckung des Jünglings zu Nain geschieht durch das Wort
(Lk. 7, 14) : veaviaKe, croi \eTUJ etepGriTi. Der Taubstumme wird durch
das Wort (Mk. 7, 34) ecpcpaOd geheilt, der verkrümmten Frau sagt
Jesus (Lk. 13, 13) Yuvai, djroXeXucrai dTiö ins aaOeveiac; crou. Die
Verfluchung des Feigenbaumes (Mt. 21, 19; Mk. 11, 14)
Tai eiq töv doiva.
juriK^Ti ei? TÖV daiva ^k (Jou \xr\-
beis KapTTOV 901x01.
enthält nur Lei Matthäus die sofortige Wunderwirkung. Doch ist
die später eintretende Erfüllung des Fluchs, die Markus bericiitet,
gleichfalls auf das Wort Jesu zurückzuführen. Nur indirekt ist bei
zwei Synoptikern das Austreibungswort an die Dämonen des gera-
senischen^) Besessenen gerichtet; Markus und Lulcas sagen (5, 15
bzw. 8, 32) Kai eireTpeiiiev auToig, während Matthäus (8, 32) das
direkte viirdf eie bringt. Markus und Lukas haben vorher — ein
einzigartiger Fall — bereits ein erfolglos gebliebenes Heilungswort,
Markus 5, 8: ^HeXQe tö irveOiiia tö ciKdeapTov iv. tou dvBpiOiTOU. Lu-
kas 8, 29 in indirekter Rede : irapri'fTeXXev fap tu) irveufiaTi Tip axa-
GdpTiu dHeXGeiv dirö toO dvGpüuTTOu. Nur Markus hat in direkter Rede
das sturmstillende Wort (4, 39) oiiiuTra, 7r€q)i|LiüU(7o. Matthäus und Lu-
kas sagen indirekt : lTr6Tijar|ö"ev . . . Denselben Fall haben wir bei der
Heilung des epileptischen Knaben. Mk. 9, 25 : tö dXaXov Kai kuj-
q)öv TTveöjua, ifuj emTdffcruj ö"oi, iBekQe ^H aiiTou Kai juriKeTi eiaeX-
Qriq eig auTÖv. Matthäus und Lukas bringen auch hier ^rreTiiari-
ö"ev . . . Gemeinsam mit Lukas führt Markus ein direktes
Wunderwort in der Gesciidtite von der Tociiter des Jairus an
(Mk. 5, 41; Lk. 8, 54): TaXiGd Koufx . . .
TÖ Kopdcriov, ö"oi Xetuu, ^yeipe.
In dieser Erzählung bringt Matthäus audb indirekt keinen Hinweis
auf ein %viinderwirkeiides Wort.
In den bisher aufgeführten Fällen, in denen das wunderbare
Handeln Jesu durch sein Wort wirksam wurde, besciiränkte sidi
dies Wort darauf, das Wunder selbst zu befehlen. Ein Grund wird
in den Machttaten Jesu niciit angegeben. Die Menschen und Ver-
hältnisse treten an ihn heran, und er wirkt unter ihnen als der
Herr, ohne den Grund seines Tuns offenbar zu mach^en. Anders ist
es bei einer Anzahl H>iilungsgesciiich.ten, wo Jesus in Zusammen-
hang mit dem Genesung schaffenden Wort den Glauben des Bitten-
den als Ursache seiner Hilfe angibt. In der Greschichte von der blut-
f nissigen Frau wird uns das Wort berichtet (Mt. 9, 22; Mk. 5, 34;
Lk. 8, 48):
n iraig,
eteipou.
1) Der Einfachheit halber ist in der ganzen Arbeit der Ortsname
„Gerasa" der Markusüberheferung gebraucht.
(Tou (TeciuKev ae.
Gutaiep, IT) TTicTTis (jou üeauj-
Kkv ae • uTTttTe ei? elprjvriv Kai
iCrGl IJTlliS CtTTÖ Tfis lidcTTlTOS
CTOU.
eÖTCtTep, f] TTltTTlS
(TOU a^ffuuKev (Te*
TTOpeOou ei? efpri-
vr|V.
Bei Markus und Lukas ist infolge der eigenartigen Gestaltung
dieser Gesdiidite die Heilung bereits vor diesem Wort erfolgt, es
ist nur Bestätigung. Dodi ist die Parallele zu dem Heilungswort
des Matthäus deutlich. In der Gesdbddite von der Kanaanitin heißt
das Heilungswort (Mt. 15, 28; Mkdien ausgestaltenden Worten, die meist nur bei
einem Evangelisten zu finden sind, sind die Speisungsgesdiidhiten.
Gemeinsam ist das Wort (Mi 14, 16; Mk. 6, 37; Lk. 9, 13): ööte aö-
Toig lijueis cpaT^iv (Lk.: cpayeiv i))iieTc;). Matthäus bringt dann das
Wort (14, 18) : cpepexe [loi Jjbe aCiToiii;. Markus hat einen Dialog
über die Anzahl der Brote, beginnend mit der Trage (6, 38):
TToffoug dpiou? ex^xe; uTrafexe l'öexe. Lukas bringt den Befehl, daß
das Volk sich lagern solle, im Gegensatz zu Matthäus und Mar-
kus in direkter Rede (9, 14) : KaxaKXivaxe amoxx; KXiOia? avd irev-
xrJKOVxa. In der Gesdiidite von der Speisung der Viertausend ist die
Situationsschilderung, die Mt. 14, 14; Mk. 6, 34 in der ersten
Speisung gegeben ist, Jesus in den Mund gelegt (Mt. 15, 32;
Mk. 8, 2, fast wörtlich übereinstimmend) : OTrXafXViroiaai eTti xöv
öxXov, oxi ^bx] f||Liepai xpeT? 7Tpoa|Li^vouaiv jioi Kai ouk ^x^vaiv xi
cpdYUJö"iv. Ktti diToXöö'ai aöxoi)? vrioxeig oü GeXui, |Lir|Troxe ^KXuGujffiv
^v x^ 65uj. Mt. 15, 34; Mk. 8, 5 folgt die Frage aus Mk. 6, 38:
TTÖoous dpxoug ex^Te;
Da die Beurteilung, die sich an diese Zusammenstellung anzu-
schließen hat, sich z. T. nidit nur auf die Worte Jesu in den
Wundergeschichten, sondern auf das gesamte Gesprächsmaterial
beziehen muß, sollen nach demselben Gesichtspunkt, wie die Jesus-
aussprüdie aufgezählt wurden, die Worte der anderen Menschen
in den Wundeirgeschiditen folgen: Zuerst die Bitten der Hilfe-
suchenden an Jesus, die den Maditworten des vorigen Abschnittes
entsprechen. Wir haben sie in der Aussätzigenheilung, Mt. 8, 2;
Mk. 1, 40, Lk. 5, 12, in der Seestunngeschichte Mt. 8, 25; Mk. 4, 38;
Lk. 8, 24, der Bitte Petri, auf dem Meer wand^^ln zu dürfen, Mt. 14,
28 und, bei seinem Versinken, gerettet zu weirden, Mt. 14, 30;
sc3iließlich dem Ruf der Blinden in der von Matthäus berichteten
Heilmig, 9, 27. Etwas größeren Ramn nehmen die Bitten der Hilfe-
suchenden in vier Geschichten ein: es sind die Worte des Jairus,
Mt. 9, 18; Mk. 5, 25; lk. 8, 42 (indirekt) und die auf je zwei Bitten
verteilten des Hauptmanns von Kapemaum, Mt. 8, 6 und 8 f.; Lk. 7,
3 f f . und 6 ff., des Vaters des epileptischen Knaben, Mt. 17, 15 f.;
Mk. 9, 17 f.; Lk. 9, 38 ff. und Mk. 9, 22 (fehlt bei Matthäus und
Lukas) und des bzw. der Blinden von Jeridio, Mt. 20, 50 f.; Mk. 10,
47 f.; Lk. 18, 38 f. Indirekt ist von Bittworten erzählt bei der Hei-
lung der Schwiegermutter Petri, Mk. 1, 30; Lk. 4, 38; nidit bei Mat-
^
thäus; bei der TauLstummenlieilung, Mk. 7, 32 und der Blinden-
heilung bei Bethsaida, Mk. 8, 22.
An Worten, die nidhit Bitten sind, aber, mit dem. Wunder selbst
in festem Zusammenhang stehen, sind vor allem die Aussprüche
der Dämonen zu nennen. An vier Stellen haben wir soldie über-
liefert: die erschreckte Abwehr Jesu als des Messias in der A,us-
treibungsgeschichte in Kaperaiaum, Mk. 1, 24; Lk. 4, 34 und bei
Gerasa, Mt. 8, 29; Mk. 5, 7; Lk. 8, 28, die Namensangabe in der
zweiten Dämonenerzählung, Mk. 5, 9; Lk. 8, 30 und endlich die
Bitte der Dämonen, in die Schweine fahren zu dürfen, Mt. 8, 31;
Mk. 5, 12; Lk. 8, 32 (indirekt). Weiter ist die Antwort des Blinden
von Bethsaida auf Jesu Frage, ob er etwas sähe, hier zu nennen,
Mk. 8, 24. A,uße(ndem gehört zu dieser Gruppe das Wort der Jünger,
das ihr Erstaunen nach dem Meervvrandeln ausdrückt, Mt. 14, 33 und
die Worte des geheilten Samariters, Lk. 17, 15 f. (indirekt) und des
Volkes nadi vielen Wundertaten: Mk. 1, 27; Lk. 4, 36 — Mt. 9, 8
(indirekt), Mk. 2, 12; Lk. 5, 26; Mt. 9, 33 — Mt. 12, 23 — Lk. 7, 16 —
Mt. 8, 27; Mk. 4, 41; Lk. 8, 25 — Mk. 7, 37 — Lk. 18, 43 (indirekt).
In diesen Zusammenhang gehört auch die nur indiirekt, Mk. 5, 18;
Lk. 8, 38, geäußerte Bitte des Geheilten von Gerasa, bei Jesus
bleiben zu dürfen.
Als einem zweiten Thema dienend sind in folgenden Geschiditen
Worte anzusehen: In der Fischzug-Erzählung das zögernde Wort
Petri (Lk. 5, 5) und seine ehrfurchtsvolle Rede nach, dem Fang,
Lk. 5, 8, in deiB Gesdiich,te von der Kanaanitin ihre schlagfertige
Antwort auf Jesu Gleichnissprudi, Mt. 15, 27; Mk. 7, 28 und in der
Geschichte vom epileptischen Knaben die Frage der Jünger am
Schluß, Mt. 17, 19; Mk. 9, 28. Weiter sind die Angriffe der Gegner
hier zu nennen: ihr Vorwu/rf wegen der Sünden vei^gebung, wenn
er auch nicht offen ausgesprodien wurde, Mt. 9, 3; Mk. 2, 7; Lk. 5,
21 und der Zweifel an dem Recht der Sabbatheilung, der nur Mt. 12,
10 und Lk. 13, 14 offen geäußert wird. Indirekt wird die Auffor-
derung der Bewohner von Gerasa berichtet, Jesus solle ihr Gebiet
verlassen, Mt. 8, 34; Mk. 5, 17; Lk. 8, 37.
Der Ausgestaltung der Erzählung dienen folgende Worte: in der
Blutflüssigen-Gesdiidhite die bei Mk. 5, 31 und Lk. 8, 45 überlie-
ferte Zurückweisung der Frage Jesu, wer ihn berührt habe, durdi
die Jünger bzw. Petrus. Die Worte der Jünger in der ersten Spei-
sungsgeschicJite, Mt. 14, 15; Mk. 6, 35 f.; Lk. 9, 12 -- Mt. 14, 17; Mk. 6,
14
57; Lk. 9, 15 — Mk. 6, 58, in der zweiten Speisimgsgesdiidit©, Mt. 15,
55; Mk. 8, 4 — Mt. 15, 54; Mk. 8, 5. Das Wort der Jünger in der
Matthäusfassung der GesdiidbLte von der Kanaanitin, Mt. 15, 25 und
sdiließlidi das berukigende Wort der Menge zu Bartimäus, Mk. 10,
49 sind gleichfalls zu nennen.
Grundsätzlidi ist es beneditigt zu urteilen, daß in erzählenden
Gesdiidbten mit viel direkter Rede sich eine Tendenz der ausgestal-
tenden volkstümlichen Erzählungsweise bemerkbar mache und sie
deshalb bei sonst gleichen Umständen jünger sind als die einfacher
erzählten^). Auf die synoptischen Wundergeschichten läßt sich
dieser Satz aber nur mit großen Einschränkungen anwenden. Ein
großer Teil des in ihnen enthaltenen Wortmaterials ist ihnen
wesensmäßig zugehörig. Da die Lage so ist, daß der allergrößte
Teil der Wundergeschichten Jesu Tat als mit dem Wort vollzogen
beschreibt, wäre es selbstverständlich falsch, die hierhergehörigen,
oben ^) als erste Gruppe aufgezählten Worte als Kennzeichen junger
Gestaltung anzusehen. Daß vielmehr ein großer Teil der Wunder-
geschichten — in bezug auf das Machtwort sogar der größte — eine
den Ausspiuchgeschichten parallele Gestalt aufweist, in der das
Avunderwirkende Wort dem entscheidenden Logion der Ausspruch-
erzählungen entspricht, weist das zweite Kapitel nadi (S. 24 ff.).
Auch die Bitten der Hilfesudienden °), die den Fragen an Jesus in
den Ausspnichgeschichten entsprechen, sind zum Kern der Wunder-
gesdiiditen zu rechnen. Doch werden dabei, namentlich bei langen
Krankheitsschilderungen, hin und wieder auch jüngere gestaltende
Kräfte anzunehmen sein. Ebenfalls gehören zum eigentlichen Be-
stand der Wundergeschidbten — dort wo sie vorhanden sind — die
den Glauben betreffenden Worte, die Verbreitungsverbote und die
übrigen, oben als zweite Gruppe aufgezählten Worte ''^). Ihre Fas-
sung ist stets kurz und rein sachlich, so daß formale Bedenken
gegen sie nicht bestehen. Auch die hierher gehörenden nicht von
Jesus gesprochenen Worte ^) sind stets inhaltlich mit der betreffen-
den Wundergeschichte fest verknüpft. Allein in dem zweiten und
4) Vgl. Bultmann S. 340 ff.
5) Siehe S. 3 ff.
6) Siehe S. 12 f.
7) Siehe S. 6 ff.
8) Siehe S. 13.
15
dritten Dämonenwort, in der Austreibungsgesdiidite bei Gerasa
wird man Zeichen jüngerer Gestaltung erblicken dilrfen.
Die Worte der dritten Gruppe ®) sind nidit zur Wunder-, sondern
zur Aussprudiüberlieferung zu rechnen. Es ist uns hier Wunder-
und Ausspruchgut in äußerer Veimisdiung überliefert. Das spricht
keineswegs gegen das Alter, da wir nicht ganz reine Uberlieferungs-
typen postulieren dürfen. Der historischen Wirklichkeit werden
unsere Evangelien, so wie sie sind, bestimmt näher stehen, als wenn
sie Wunder und Ausspruch, in voller — auch äußerer — Getrennt-
heit brächten ^^). Da diese Worte zum Ausspruchgut gehören und
ihre eigenen Themata haben, einen eigenen Kern, den sie darbieten,
und nur durch die äußere Situation mit der betreffenden Wunder-
geschiichte verknüpft sind, ist es auch hier falsch, den oben ^^) auf-
gestellten Grundsatz anzuwenden, der nur für die Erzählungs-,
nicht für die Redeüberlieferung gilt. Eine ursprünglich getrennte
Überlieferung von Wunder und Ausspruch ist nur an drei Stellen
anzunehmen, wo sie durdi die synoptische Tradition nahegelegt
wird: Bei dem Sabbatheilungsspruch, Mt. 12, 11, den Lk. 14, 5 mit
einer anderen Heilung verknüpft, dem Wort von der Aussdiiließung
Israels vom Gottesreidi, Mt. 8, 11 f., das Lk. 15, 28 — 30 außerhalb
der Wunderiiberlieferung bringt und der Belehrung der Jünger
am Ende der Geschichte vom epileptischten Knaben bei Mt. 17, 20,
die bei Lk. 17, 6 ebenfalls innerhalb der Ausspruciitradition er-
scheint^'). Eine innerliche Vermisdhiung von Wunder und Aus-
sprucii, etwa Symbolisierung des Wunders durch das Wort oder
Verwendung zur Beglaubigung des Ausspruciis, die Zeidien einer
späteren Entwicklung: wäre, haben wir in der synoptischen Tradi-
tion im allgemeinen nicht ^). Trotz äußeren Ineinanders stehen in
den hier in Frage kommenden Geschichten Wort- und Wunderüber-
lieferungen inhaltlich selbständig nebeneinander.
A,nders als mit den Worten der drei ersten Gruppen steht es mit
denen der vierten^"*). Sie enthalten im allgemeinen nichts sachlich
9) Siehe S. 8 ff. und S. 13. 10) Siehe unten S. 91.
11) Siehe S. 14
12!) Es sollen hier nur die Worte genannt werden, die vom Ge-
sichtspunkt dieses Kapitels als nicht ursprünglich zur Wim-
derüberlieferung gehörig zu redmen sind.
13) Siehe unten S. 16 f.
14) Siehe S. 11 f. und 13 f.
j[6
Wichtiges und können darnm leidit als jüngere Ausgestaltung
gelten. Das Kriterium, ob sie als soldie anzusehen sind oder nidit,
liegt darin, ob etwas Individuelles in ihnen gesagt ist oder ob sie
nichtssagend und allgemein sind. Unter, diesem Gesichtspunkt
mödite man nur zwei Worte nicht als jung ansehen: Das Wort der
Jünger in der Geschichte von der Kanaanitin, Mt. 15, 23: „Entlasse
sie, denn sie schreit hinter uns her", entspricht dem besonderen
Charakter dieser Geschichte. Und audb. das Wort an die Trauern-
den vor der Erweckung des Mädchens (Mt. 9, 24; Mk. 5, 39; IJc. 8,
52) ist ein Zug mit staiken Besonderheiten. Die übrigen Worte der
vierten Gruppe tragen diese Merkmale nicht. Welche Worte sind
dies? Der Ruf an den Mann mit der verdorrten Hand (Mk. 5, 3;
Lk. 6, 8), der Einwand der Jünger bzw. des Petrus in der Markus-
und Lukasfassung der Blutflüssigen-Geschidbite (5, 31 bzw. 8, 45),
das iiiri K\aie an die Mutter des Jünglings zu Nain (Lk. 7, 13), sämt-
liche direkte Rede in den Speisungsgeschichten (Mt. 14, 15 f.; Mk. 6,
55— 37a; Lk. 9, 12— 13a. — Mt. 14, 17 f. — Mk. 6, 57b— 38. — Llc.9,
13b. — Lk. 9, 14. — Mt. 15, 32; Mk. 8, 2 f. ~ Mt. 15, 35 f.; Mk. 8, 4 f.),
drei Worte Jesu in der Geschichte vom epileptischen Knaben (erste
Frage; Befehl, den Knaben zu bringen, Frage nach dem Alter der
Krankheit), von denen zwei nur bei Markus stehen (Mk. 9, 16. —
Mt. 17, 17; Mk. 9, 19; Lk. 9, 41. — Mk. 9, 21) und zwei Worte in
der Bartimäus-Gesduchte, die gleidifalls Markus allein hat. (Den
Befehl, den Blinden zu rufen und das Trostwort des Volkes an ihn,
Mk. 10, 49.) In diesen sieben Geschichten ist also, zum mindesten
in bezug auf die eben angeführten Worte, an verhältnismäßig
junge Gestaltung zu denken. Für die Richtigkeit der Beobachtung
spricht, daß es ein kleiner Kreis von Geschichten ist, der von ihr
betroffen wird: von den angeführten sieben Wundern geben
nur fünf in allen überlieferten Fassungen den Anstoß, während in
der Blutflüssigen-Geschichte Matthäus, in der Bartimaus-Geschichte
Matthäus und Lukas ohne die Ausgestaltung sind. Die sich hieraus
ergebende positive Feststellung für den größten Teil der Überlie-
ferung sei noch einmal hervorgehoben.
Ein Einwand von der inhaltlichen Seite erhebt sich gegen einige
Wundergeschiditen, bei denen die inhaltliche Scheidung zwischen
Wort und Wunder nicht streng' eingehalten ist, wo das Wunder der
Darstellung einer Lehre dient und das Wort das Wunder in dieser
Weise verwendet. Derartige Zweckhaftigkeit des Wunders setzt
^ 17
bereits eine stärkere Reflexion voraus und macht die Ursprünglidi-
keit unwahrscheinlich.. Im Untersdiied von der vorigen Gruppe wird
man bei diesen Wundem nidit nur die formale Gestaltung als
sekundär anzusehen haben, sondern — sofern sich nicht ein anderer
früherer Sinn nachweisen läßt — die ganze Erzählung. Das Meer-
wandeln Petri (Mt. 14, 28 — 31) ist wahrscheinlich in dieser Weise
zu verstehen. Durdi die ganze Darstellung und besonders das öXiYO-
TTiö'Te, ei^ Ti eblcTTacra? wird man auf den Gedanken gebradit, daß
das Wunder eine Demonstration der Kraft des Glaubens sein soll.
Solange Petrus glaubt, tragen ihn die Wellen; sobald er zweifelt,
versinkt er. Es fragt sidb, ob ebenso auch die vorher stehende Ge-
schichte von Jesu Meerwandeln Darstellung seiner Glaubenskraft
sein soll. Dodi ist das wohl nicht anzunehmen. Die Geschichte
ist zu lehrhaftem Zweck sekundär erweitert. Im jetzigen Zu-
sammenhang ist auch das Wunder der Verfluciiung des Feigen-
baums eine derartige zur Aufzeigung der Kraft des Glaubens
bestimmte Erzählung, wie die daran anschließenden Logien
beweisen (Mt. 21, 18—22; Mk. 11, 12—14; 20—24). Wahrsdiein-
lich lag aber ursprünglich entsprechend dem Gleichnis Lk. 13,
6 — 9 eine AUegorisierung für das Verhalten und Sdiicksal Israels
vor. Auch das wäre Unterordnung des Wunders unter eine Aus-
spruciipointe. Der dritte Fall, der hier zu nennen ist, betrifft die
wunderbare Beschaffung der Tempelsteuer (Mt. 17, 24 — 27). Jesus
hat gesagt: Die Söhne sind frei vom Census, aber um den Anstoß
zu vermeiden, soll er gegeben werden. So widerspräche die Hand-
lung dem Grundsatz. Dieser Widerspruch wird dadurch aufgeho-
ben, daß das Wunder geschieht. Dieses wird zur Darstellung des
Wortes: „Die Söhne sind frei". Endlich ist nocii Petri Fischzug (Lk.
5, 1 — 11) zu nennen, der mit dem Wort an Petrus: „Von nun an
wirst du Mensdien fangen" schließt. Freilich ist hier fraglich, ob nur
der Beruf des Fischers, wie bei Mt. 4, 19; Mk. 1, 17 mit der Aufgabe
des Jüngers verglichen werden soll, oder ob auch der reiche Fang
Bild für den Erfolg der Arbeit ist. Wahrscheinlich liegt hier eine
AUegorisierung des Wunders nicht vor.
Die eben aufgezählten Wunder stehen den johanneischen näher
als die übrigen synoptischen. Sie sind der Anfang der Entwick-
lung, die zur johanneischen Wunderdarstellung führt. Doch sind
zwei Untersdiiede nodi deutlich:
Pereis. o
18
1. bei Johannes sind es nicht Lehren, die in dem Wunder zur
Darstellung kommen, sondern die Gaben und Kräfte des Christus
werden im einzelnen an ihnen deutlich. Dazu wäre allein das Tem-
pelsteuerwunder eine Parallele;
2. bei Johannes ist nicht das Wunder in den Dienst des Wortes
getreten, sondern das begleitende Wort erläutert den eigentlichen
Sinn des Wunders, das dabei seine ganze Wichtigkeit behält.
Abgesehen von den hier angeführten drei Wundergesdiichten ^^)
steht in der gesamten synoptischen Überlieferung das Wunder
innerlich selbständig neben dem Ausspruch Jesu^"), und auch die
äußere Vermischung der Wunder- und Ausspruchüberlieferung ist,
gemessen am Gesamtmaterial, nicht sehr stark.
II. Das Wunder in der Wortüberlieferung.
Es folgt die Untersuchung über die Art und Weise, wie sich Jesu
Wundertätigkeit in denjenigen Teilen der Überlieferung, die sich
eigentlich mit seinen Worten besdiäftigen, d. h. entweder sie als
reines Spruchgut überliefern oder sie in Ausspruchgeschichten ent-
halten, widerspiegelt. Dabei ist zweierlei zu scheiden. Es muß sich
einerseits darucm handeln festzustellen, welciie Stellung die Wunder
Jesu in seinen Reden und Aussprüchen einnehmen, wie er sidi selbst
darüber äußert. Neben dieser stark auf den Inhalt gehenden Unter-
suchung ist andererseits die Feststellung der rein äußeren Veranke-
rung der Wunderüberlieferung innerhalb der Wortüberlieferung
notwendig. Hierbei kommen als Material außer den Äußerungen
Jesu über seine Taten alle übrigen Worte in Frage, die seine
Wundertätigkeit voraussetzen, weiter alle Stellen, wo diese außer-
halb seiner eigenen Worte in den Ausspruchgeschiditen erwähnt
wird.
Auffällig gering ist die Zahl der Stellen, wo in den Worten Jesu
von seinen Wundern die Rede ist. Es sind alles Situationen, wo die
15) Über die Berichte von der wunderbaren Beschaffung der Eselin
und des Abendmahlsraumes, bei denen zwar das Wunder auch unselb-
ständig, aber nidit in Vermisdiung mit Atissprudigut steht, siehe unten
S. 22.
16) Wenn die Evangelisten vielleicht auch bei diesem oder jenem
anderen Wunder an symbolische Ausdeutung gedacht haben mögen, so
haben sie diese Gedanken jedenfalls keinen Einfluß auf die Texte
gewinnen lassen.
^ ^ 19
Wirksamkeit der Wunder, den Glauben an Jesus zu schaffen, in
Frage gestellt ist. Zuerst die Antwort auf die Anfrage des Täufers.
Jesus beantwortet die Frage, ob er der Kommende sei, mit einem
Sprudi, der die Endverheißungen des Jesaja und sogar nodi größere
Gaben als gegenwärtig hinstellt (Mt. 11, 4 f.; Lk. 7, 22 f.). Daß
dabei die leiblidie Hilfe nidit bildlidb, sondern wörtlidi zu verstehen
ist, ist im jetzigen Zusammenhang sicher, und auch ein ursprünglich
anderer Sinn in Jesu Mund läßt sich nicht wahrscheinlich madb.en '^'').
Jesus weist auf seine Wundertätigkeit und sein Predigen als das
hin, woraus man sein Wesen erkennen kann. Ähnlich wendet er in
der Synagogenpredigt in Nazareth (Lk. 4, 18 — 21) ein Jesajawort
unbefangen auf seine Worte und Taten an.
Eine andere Erwähnung des Wunders findet sich in dem Weheruf
über die galiläischen Städte (Mt. 11, 20—24; Lk. 10, 13—15). Auf
Grund der Machttaten konnte Umkehr von ihnen erwartet werden.
Daß sie diese Wirkung nicht hatten, verursacht Schuld. Ebenso zeigt
ein Wort Jesu im Anschluß an das Gespräch über den Sauerteig
(Mt. 16, 9 f.; Mk. 8, 17—21), daß er auf Grund der Wunder, hier
der Speisungen, Glauben erwartet. Der Nachridit von den Nadi-
stellungen des Herodes begegnet er mit dem Spruch, der besagt,
daß sein Lebensgang und Lebenswerk bestimmt sei, ohne daß der
Fürst einen Einfluß darauf üben könne (Lk. 13, 31 — ^^33). Er spricht
dabei von seinem Dämonenaustreiben und Heilen.
In der Antwort auf die Anklage des Teufelsbündnisses haben wir
die ausführlichste Äußerung Jesu über sein Wundertun — speziell
sein Dämonenaustreiben. Er weist zuerst den Vorwurf zurück: der
Satan wird sich nicht selbst vernichten. Dies Wort haben wir bei
allen Evangelisten (Mt. 12, 25 f.; Mk. 3, 23—26; Lk. 11, 17—18).
Dann bringen Matthäus (12, 27) und Lukas (11, 19) die Frage, in
wessen Namen denn die Pharisäer ihre Dämonenheilungen vollbräch-
ten. Darauf folgt bei Matthäus (12, 28) und Lukas (11, 20) das Wort
17) Dagegen Klostermann, Matthäus S. 95, nadi Wellhausen. Dessen
ganzer Beweis ist darauf ausgebaut, daß das „Sehen und Hören" im
Augenblick der Antwort Jesu vor sich gehen soll, wo er all diese Hilfs-
taten sicher nicht ausgeführt hat. Lukas ist tatsächlich dieser Meinung.
Nadi der — älteren — Matthäusfassung aber ist diese enge Auslegung
nicht berechtigt. Jesus weist die Johannes jünger auf seine ihnen durch
Sehen und Hören bekannte Wunder- und Verkündigungswirksamkeit
hin.
20
Jesu, in dem er deutlidi den Hintergrund seiner Wunder nennt:
ei bä kv 7rveö|LiaTi (Lk. baKTuXm) GeoO (Mt. if\h) iKßdXXiJü rd öai-
)Li6via, dpa ^qpGacrev ecp' v\xa<; f] ßaoriXeia toö GeoO. Es folgt der
Satz, daß die Voraussetzungen für die Wunder in deri Bindung des
Starken durdi ihren Vollführer bestehe (Mt. 12, 29; Mk. 3, 27;
Lk. 11, 21 f.). Das nimmt Jesus also für sich in Anspruch. Seine
Wunder sind Wirkung des Gottesgeistes in ihm. Wer diesen Geist
schmäht, hat eine unvergebbare Sünde begangen (Mt. 12, 32;
Mk. 3, 29; Lk. 12, 10). Lukas bringt dies Wort an anderer Stelle.
Auch, die Anknüpfung mit öid toOto X^tiu i)|liTv (Mt. 12, 31) und
d^1^v XefUJ iJ|LiTv (Mk. 3, 28) sprichit gegen die Ursprünglidikeit an
dieser Stelle. Der Inhalt verbürgt aber, daß das Wort in einen ähn-
liciien Sinnzusammenhang gehört. Zu erwähnen ist nodi das im
Anschluß an den Wunderbericht der Jünger gesprochene Wort vom
Sturz des Satans (Lk. 10, 18), das inhaltlich mit dem von der Bin-
dung des Starken zusammengehört.
All diese Worte Jesu haben ein Gemeinsames: sie rechnen mit
seiner Wunderwirksamkeit und ordnen sie in die Gesamtheit seiner
Tätigkeit ein. Die Wunder zeigen, daß er der Kommende ist, der
den Starken gebunden hat, daß mit ihm die Gottesherrschaft
kommt. Sie sollen die Menschen zum Glauben führen. Ihr Miß-
erfolg, der Anstoß an ihnen, ist Anlaß zum Weheruf, verursacht
die unvergebbare Sünde. Bedeutsain ist die geringe Zahl der Worte
Jesu, die seine Wunder erwähnen. Jesus spricht nur da von seinen
Wundern, wo der Anlaß dazu durch die Worte oder das Verhalten
anderer an ihn herangetragen wird^^). Diese Tatsachen zeigen, daß
keine Reflexion über die Bedeutung des Wunders vorliegt. Jesus
tut die Wunder nicht zu seiner Beglaubigung, er lehnt das gefor-
derte armeiov ab^®). Er verweigert den Einwohnern von Nazareth
die gewünsciite Machttat (Lk. 4, 23 ff.). Er ist wesensmäßig als der
Christus der Heiland und Helfer und an seinen Taten als solcher
zu erkennen. Darum entscheidet sich, an ihnen der Mensch; sie
werden zum Glaubensanlaß oder zum A,nstoß. Und diese Entschei-
dung ist Gegenstand der Verkündigung Jesu in den angeführten
Worten. Es fehlen in der Ausspruchüberlieferung Stellen, an denen
18) Hier macht freilich Lk. 4, 18—21 eine Ausnahme. Den Anlaß
bietet da der Inhalt der Jesajastelle.
19) Siehe unten S. 24 f.
21
die Wunder irgendeine Ausdeutung erfahren oder als Beweis hin-
gestellt werden. Eine innerliche Vermischung von Aussprudi- und
Wunderüberlieferung hat also auch, in der ersteren nicht statt.
So sehr die innere und äußere Selbständigkeit der beiden Über-
lieferungsgruppen ein gutes Zeidben für die synoptische Tradition
ist, so wenig Vertrauen würde es für sie erwecken, wenn die
Wunder Überlieferung innerhalb der übrigen Teile der Evangelien
gar keine Erwähnung fände. Hierfür sind die genannten Jesus-
worte von großer Wichtigkeit. Sie verankern die Wundertradition
in der Worttradition. Solch eine Verankerung erfolgt aber niciit
nur durch die bereits angeführten Worte, sondern durch alle Stellen
innerhalb der Worttradition, die Jesu Wunder voraussetzen.
Das ist bei einer Anzahl Jesusworten der Fall, die sicii nicht auf
seine eigenen Wunder beziehen, sondern auf die seiner Nachfolger.
In den Aussendungsreden ist der Auftrag zur Heilungstätigkeit an
die Jünger in direkter Rede Mt. 10, 7 f. und Lk. 10, 9 enthalten;
indirekt wird Mt. 10, 1, Mk. 3, 15 und 6, 7, Lk. 9, 1 f. davon bericii-
tet. In der Form der Verheißung spricht Jesus Lk. 10, 19 f. und im
zugesetzten Markussciiluß 16, 17 f. von den Wundern der Jünger.
Der Spruch von dem kleinen Glauben, der große Taten vollbringt
(Mt. 21, 21; Mk. 11, 22 f.; Lk. 17, 5 f.) und die Selbstverständlichkeit,
mit der Mt. 7, 22 von den Madbttaten seiner Naciifolger spridit, sind
gleichfalls nur verständlicii, wenn sie mit Jesu eigener Wunder-
tätigkeit rechnen.
In zwei Ausspruciigeschichten finden sich außerfialb der Worte
Jesu Sätze, die auf seine Wunder Bezug nehmen oder sie voraus-
setzen. Das ist der Fall in der Gesdhichte von der Verwerfung in
Nazareth, wo die Folgen der Wunder Jesu (Mt. 13, 54; Mk. 6, 2)
erwähnt sind und sogar ein kurzer Wunderbericht vorliegt (Mt. 13,
58; Mk. 6, 5), und in der Geschichte vom fremden Exorzisten (Mk.
9, 38 — 41; Lk. 9, 49 f.). Sch^werlidi würde jemand im Namen Jesu
Dämonen ausgetrieben haben, wenn es der Meister selbst nicht
tat^).
Anhangsweise sei noch das Material zusammengestellt, das außer-
halb der eigentlichen Wunder- und Ausspruchtradition von Jesu
20) Vielleicht gehört auch die Geschichte von der Frage nach der Voll-
macht Jesu hierher (Mt. 21, 23—27; Mk. 11, 27—53; Lk. 20, 1—8). Dodi
liegt wohl die spezielle Beziehung auf die Tempelreinigung vor.
22
Wundem spricht. Der Bericht über das Urteil des Herodes über
Jesus sagt, daß er ihn um der Machttaten willen für den auferstan-
denen Täufer hält (Mt. 14, 2; Mk. 6, 14; Lk. 9, 7 u. 9). Gleichfalls
ist es Herodes, von dem Lk. 25, 8 sagt, daß er ein Wunder Jesu er-
wartet, und schliefilidi ist in der Geschichte von den Emmausjüngern
(Lk. 24, 19) von den Wundern die Rede. Außerhalb der eigentlichen
Wunder- und Ausspruchtradition stehen femer drei Stellen, wo
Erzählungen von Jesus wunderbare Züge tragen, ohne daß eine
eigentliche Wundergeschichte vorliegt. Es ist das die Beschaffung
der Eselin (Mt. 21, 2—6; Mk. 11, 2—6; Lk. 19, 30—34), die Vorberei-
tung des Abendmahls (Mt. 26, 17—19; Mk. 14, 12—16; Lk. 22, 7—13)
und die Heilung des Ohres des Hohenpriesterknechts (Lk. 22, 51).
Schließlich gehören sämtliche summarisdien Wunderberichte hierher:
Mt. 8, 16 f.; Mk. 1, 32—34; Lk. 4, 40 f. — Mt. 4, 23—25; Mk. 1, 39. —
Mt. 9, 35. — Lk. 7, 21 2^). — Mt. 12, 15; Mk. 3, 10 f.; Lk. 6, 18 f. —
Mt. 14, 14; Lk. 9, 11. — Ml 14, 35 f.; Mk. 6, 55 f. — Mt. 15, 29—31. —
Mt. 19, 1 f. — Mt. 21, 14.
Als Zusammenfassung dieses Kapitels diene eine statistische
Übersicht über die gegenseitige Vermischung der Wunder- und
Worttradition. (Siehe nächste Seite.)
Die Zahlen zeigen, wie geringfügig das Ineinander von Wunder-
und Wortüberlieferung ist. Nur 18 Einzelstücke in den Evangelien
außerhalb der Wundererzählung selbst (wobei die synoptischen
Parallelberichte allerdings nicht mitgezählt sind) erwähnen die
Wunder Jesu oder setzen sie voraus. Darin zeigt sidi, wie wenig
das Wunder eine Aufbauschung erfahren hat, die es zur Beglau-
bigung verwandte; es genügt aber andererseits, um seine natür-
licherweise anzunehmende Verankerung in den übrigen Teilen
der Evangelien zu bestätigen. Bezüglich der Wortüberlieferung ist
es ein sehr günstiges Merkmal, daß sie eine darüberhinausgehende
Beschäftigung mit den Machttaten nidit enthält ^^). Daß die ge-
21) Dieser summarisdie Heilungsbericht ist in die Aussprudigeschiehte
A^on der Anfrage des Täufers eingesdioben.
22) Aus der seltenen Erwähnung der Wunder innerhalb der Worttradi-
tion den Schluß zu ziehen, daß man die Evangelien von den Wundern,
die erst später hinzugekommen seien, „reinigen" könne und müsse, ver-
bietet sidi aus zwei Gründen. Erstens ist die Verankerung zu stark und
23
Das Wort im Wunder.
Zahl der selbständigen Wundergeschichten
überhaupt
Davon gemischte Wunder- und Ausspruch-
geschichten
Zahl der Logien in den Wundergeschichten
Das Wunder im Wort.
1. Erwähnung der Wunder Jesu in seinen
Worten
2. Sonstige Worte Jesu, die sein Wunder-
tun voraussetzen
3. Worte Jesu überhaupt, die sein Wunder-
tun voraussetzen (1. -{- 2.)
4. Sonstige Erwähnung oder Voraussetzung
der Wunder Jesu in den Ausspruch-
Mt.
Mk.
Lk.
17
18
18
5
4
8
3
1
—
geschichten
5. Erwähnung oder Voraussetzung der Wun-
der Jesu in Erzählungen außerhalb der
Wunder- und Ausspruchtradition . . .
6. 3. + 4. -f 5
7. In wieviel Eiuzelstücken überhaupt sind
die Wunder erwähnt oder vorausgesetzt?
Mt.
Mk.
Lk.
5
2
6
4
3
4
9
5
10
1
2
1
1
1
3
11
8
14
10
8
14
zus.
53
17
4
zus.
13
11
24
5
33
IS^^^)
Summarische Wunderberichte
Wunderbare Züge außerhalb geschlossener
Wundergeschichten
324)
19
8
mischten Wunder- und Aussprudigeschidhiten innerhalb der Wunder-
überlieferung einen etwas breiteren Raum einnehmen, ist nicht auf-
fällig und widerspricht nidbt der historischen Wahrsdieinlichkeit^^).
umfaßt Stücke, die zu unserem besten Material gehören. Zweitens
zwingt die parallele Gesamtauffassung der Worte und Wunder Jesu so-
wie die im weiteren Verlauf der Untersuchung nachgewiesene starke
formale Parallelität der Wunder- und Ausspruchgesdiiditen zu dem
Schluß auf gleichzeitige Entstehung und Formung dieser Teile der Über-
lieferung.
23) Bei dieser Zahl sind die synoptisdien Parallelberidite nicht mit-
gezählt. Daher ergibt sie sich im Gegensatz zu den darüber stehenden
nicht aus Addierung der Zahlen der drei Evangelisten.
24) Hier ist auch der Vers von der Beschaffung des Staters mitgezählt.
25) Siehe oben S. 15.
2. Kapitel.
Das Nebeneinander von Wort und Wunder.
I. Die synoptische Gesamtauffassung von der Wort- und
Wunderüberlieferung.
War es Aufgabe des iersten Kapitels, die gegenseitige Vermischung
von Wort- und Aussprucbüberlieferung in den synoptisdien Evan-
gelien zu untersudhen, wobei sidi eine völlige innere und in weitem
Umfang auch, eine äußere Selbständigkeit der beiden Überliefe-
rungsgruppen ergab, so sollen sie in diesem Kapitel nebeneinander-
gestellt und miteinander verglidien werden. Und zwar soll zuerst
festgestellt werden, in welcher Weise die Gesamtheit des Lehrens
und Wunderwirkens Jesu bei den Synoptikern nebeneinander
erscheint.
Inhalt und Grenze der Besonderheit, die in der Auffassung der
Evangelien die Wunder gegenüber den Worten haben, wird am
leichtesten am Sprachlichen klar. Das Wort der Evangelien für die
Wunder Jesu ist öuvd|uiei<; „Machttaten'. Darin ist das enthalten,
was sie vom Wort scheidet. Während bei den Worten das Einzig-
artige der Gabe Jesu nur im Inhalt liegt, zeigt es sich hier audh in
der Äußerungsform. Doch ist eine Reflexion über den Zweck der
Wunder in „öuvd)aeis" nicht enthalten und liegt bei den ersten drei
Evangelisten auch nicht vor. Es ist von Wichtigkeit, darauf zu
adb-ten, daß das Wort arijaeiov innerhalb der synoptischen Über-
lieferung nie von den getanen Wundern Jesu gebraucht wird^).
„Wunder" bezeichnet es bei den Synoptikern nur in den abgelehn-
ten Forderungen der Pharisäer (Mt. 12, 38 f.; Lk. 11, 29 f. — Mt. 16,
1 u. 3; Mk. 8, 11 f. — Lk. 11, 16), der ähnlichen von Herodes handeln-
den Stelle (Lk. 23, 8), vielleicht an zwei apokalyptischen Stellen
(Lk. 21, 11 u. 25) und im zugesetzten Markusschluß (16, 17). In der
Apostelgeschidite erst treten neben öuvct/uiei? Tepaia und criqiLieTa als
Bezeidinungen für Jesu Wunder. In (TriMCiov steckt der Sinn des
1) Es ist darum ungenau, in bezug auf die synoptisdien Wunder von
„Zeidien" zu sprechen (so Schlatter, Gesdiidite des Christus S. 225 f., Born-
häuser S. 40).
25
Sidikundtuns Gottes oder des Sidierweisens des Täters durdi das
Wunder sdion von der LXX her drin (z. B. 4. Mose 14, 22; 2, Mose 4,
8; 9; 17; 30). Beispiele aus der rabbinisdien Literatur bringt Sdilat-
ter (Matthäus S.416; 497; Johannes S.78; 82; 197; 227). Im Johan-
nesevangelium bekommt dann öTjM^iov außerdem noch die Bedeutung
des Hinweises auf eine in dem Wunder erkennbare, hinter ihm lie-
gende besondere Kraft oder Gabe Jesu. Dibelius (S. 13.) will öuva^eig
in Apg. 2, 22 auf Taten undWorte Jesu beziehen. Wir haben in
den Synoptikern und der Apostelgeschichte aber keinen Fall, wo
diese Beziehung nötig wäre*^), oft dagegen ist die Bedeutung
„Wunder" ganz sicher. Auch in der tannaitisdien Literatur ist der
Gebrauch von Tll'l^i^ = buvd|uei5 als „Machttat", „Wunder" beson-
ders auch wie Apg. 2, 22 an Seite von Q'^Bi = crnMCia vorhanden (s.
z. B. Sciilatter, Matthäus S. 260, Johannes S. 82). Der Gebrauch von
ntlU^ hei den Rabbinen kommt wohl dem neutestamentlichen
öuvd)iiei(; am nädisten. In der LXX ist das Wort vom Machtwirken
Gottes in Natur und Geschichte gebraucht. Diese Anwendung, die
auci. in der rabbinischen Literatur vorkommt, ist der neutestament-
lichen verwandt, aber niciit gleich. Ähnlicher schon sind die von
Sdilatter an den letztgenannten Stellen angeführten Midrasdisätze,
wo ni1i;i5 — jedoch an der Seite von Di — von Mose gebraucht
ist. Eine, gewisse Selbständigkeit behält der synoptische Spxach-
gebraudi von buvd)Liei?^), weil für die Evangelisten Gottes Wirken
in Jesu Taten einzigartig sichtbar wurde. Den Zeitgenossen schrei-
ben die Tannaiten keine nil^l, Machttaten, zu.
Die mit dem Wort buvdjuei? bezeidmete Sonderstellung der Wun-
der verdeutlicäit den Unterschied in der Auffassung der Evange-
listen von Jesu Wort- und Wunder wirken, der sich außer dem Ge-
brauch dieses Ausdrucks auch in manciten Einzelheiten zeigt ^).
2) Lk. 1, 17 bezieht sich 6üva|ni? vielleicht auf die Gesamtwirksamkeit
des Elia. Vgl. Grundmann, S. 56.
3) Der Einfluß der in der griechischen Literatur vorkommenden Bedeu-
tung von 5uvd|uei? gleich Heilkräfte, Heilmittel liegt an einigen Stellen
vor, darf aber nicht übersdiätzt werden. "Wahrscheinlich ist beim Über-
gang der evangelischen Stoffe in die griechische Welt das jüdische buvciineiq
= fll'lDil vielfach so verstanden und dann auch so angewendet worden.
Derartige Stellen sindLk. 6, 19. — Mk. 5, 30; Lk. 8, 46. — Mt. 14, 2; Mk. 6,
14. Vgl. Grundmann S. 61 ff.
4) Siehe unten S. 70 ff. und 72 f.
26
Sie scbließt aber nidh,t eine weitgehende Parallelität in der Auf-
fassung dieser beiden Seiten der Tätigkeit Jesu aus. Diese fällt
zuerst an den Stellen auf, wo zusammenfassend von seinem Wirken
die Rede ist. Stets tritt das Predigen oder das Heilen hervor, teil-
weise wird sogar beides nebeneinander genannt. Das ist der Fall
bei der Besdhireibung der Reisepredigt in Galiläa (Mt. 4, 23 — 24;
Mk. 1, 39), in einem Matthäusberidit vor der Aussendungsrede (9,
35) und in der lukanischen Einleitung des ersten Speisungswunders
(9, 11). Bei der Schilderung des Auftretens in Nazareth (Mt. 13,
53 — 58; Mk. 6, 1 — 6) wird ausdrücklidi hervorgehoben, daß Jesus
dort nur wenig Wunder tun kann; im allgemeinen wird also seine
Predigt von einer Fülle von Wundern begleitet gedacht. Audi nach
der Tempelreinigung hören wir außer den Worten von Heilungen
(Mt. 21, 13—16). An den übrigen Stellen ist nur von Wort oder
Wunder die Rede. Die Parallelität entsteht dort durdi die gleich-
artige Verwendung. Von der Predigt allein redet das Stück, das
von Jesu erstmaligem Auftreten spridit (Mt. 4, 17; Mk, 1, 14 f.;
Lk. 4, 15), die Markuseinleitung zur Jüngeraussendung (6, 6) und
zur ersten Speisungsgeschidite (6, 34), die Lukasfassung der Reise-
predigt in Galiläa (4, 44), ein Markuswort über Predigt in Judäa
und im Ostjordanland (10, 1) und die Worte Jesu zu seinen
Häsdiern: „Täglicii lehrte icb im Tempel" (Mt. 26, 55; Mk. 14, 49).
Von Heilungen allein wird berichtet in einer Anzahl Summarien
(Mt. 8, 16 f.; Mk. 1, 32—34; Lk. 4, 40—41 — Mt. 12, 15; Mk. 3, 10;
Lk. 6, 18. — Mt. 14, 35 f.; Mk. 6, 55 f. — Mt. 15, 29 ff. — Mt. 19, 1),
in der Matthäuseinleitung zum ersten Speisungs wunder (14, 14) und
in Jesu Wort an Herodes, als er erfährt, daß der ihn töten wolle
(Lk. 13, 32).
Ähnlich ist die Lage bei den Berich-ten über die Folgen von Jesu
Tätigkeit. Wort und Wunder sind nur bei der Schilderung des
Eindrucks von Jesu Heilen und Verkündigen in der Synagoge von
Kapemaum (Mk. 1, 27; Lk. 4, 36) und des Wirkens bei der Reise
durch Galiläa (Mt. 4, 24 f.) genannt. Im übrigen aber werden die
Folgen von Jesu Predigt- und Wundertätigkeit in stark paralleler
Weise geschildert. Von der Verbreitung der Kunde oder dem
Wachsen seiner Anhängerschaft als Folge seiner Worte ^) hören wir
5) Die Fälle der Ausbreitung der Kunde von Jesus durdh einen bestimm-
ten Menschen sind hier nicht angeführt.
27
Lk. 4, 14, als Folge seiner Wunder nadi der Aussätzigen-Heilung
(Lk. 5, 15), der Auferweckung des Jünglings zu Nain (Lk. 7, 17), der
Heilung der verdorrien Hand (Mk. 3, 8) und der Auferweckung der
Todbter des dpxiffuvdTUJYo? (Mt. 9, 26). An anderen Stellen wird
der Eindruck seiner Wirksamkeit genauer angegeben, und zwar
meist ein positiver: Entsetzen, Furdit, Erschrecken, Dankbarkeit,
Freude °). Ersdirecken über Jesu Lehre ist bei Matthäus Folge der
Bergpredigt und wird von Markus und Lukas nadi dem Auftreten
in der Synagoge zu Kapernaum berichtet (7, 28 f.; bzw. 1, 22; bzw.
4, 32), außerdem von Markus nadb. der Predigt bei der Tempel-
reinigung (11, 18). Das Volk ersdirak nach Mt. 22, 33 audb. nadi der
Antwort auf die Sadduzäerfrage. Lukas beriditet, daß ihn danadi
niemand mehr zu fragen wagte (20, 40), während Matthäus das als
Folge der Frage nadb. der Davidsohnschaf t des Messias besdireibt (22,
46). Erstaunen stellte sich bei den Fragestellern nadi allen Evange-
listen auf Jesu Antwort auf die Zinsgrosdienfrage hin ein (Mt. 22,
22; Mk. 12, 17; Lk. 20, 26). Besdiämung der Gegner und Freude des
Volks ist die Folge von Jesu Freiheit dem Sabbatgesetz gegenüber
(Lk. 13, 17). Markus beriditet am Schluß der jerusalemisdien Streit-
gesprädie (12, 37), daß das Volk ihn gerne hört, und Lukas sagt
sdion von seiner ersten Predigttätigkeit, daß er ihretwegen von
allen gepriesen wurde, und nadb. der Predigt im Tempel, daß das
Volk an ihm hing (4, 15; 19, 48). Als Folge der Wunder berichtet
uns Markus nadi dem Meerwandeln das Entsetzen der Jünger (6,
51), Ersdbrecken war die Wirkung der Taubstummenheilung (Mk.
7,37) und der Heilung des epileptischen Knaben (Lk. 9, 43). Furdit
befiel die Einwohner von Gerasa nach der Heilung des Besessenen
(Lk. 8, 37). Furdit und Staunen (nadi Matthäus nur Staunen) ergriff
die Augenzeugen von Jesu Sturmstillung (Mt. 8, 27; Mk. 4, 41; Lk.
8, 25). Furdit und Dankbarkeit gegen Gott waren die Gefühle
derer, die die Auferweckung des Jünglings zu Nain miterlebten
(Lk, 7, 16). Gott lobten audi, die die Heilung des Giditbrüchigen
mitansahen (Mt. 9, 8; Mk. 2, 12; Lk. 5, 26) und die Begleiter Jesu
bei den Heilungen auf dem Berg (Mt. 15, 31). Die Wirkung der
einen Dämonenaustreibung (Mt. 9, 33; Lk. 11,14) Avar Erstaunen der
Leute, nadi der anderen (Mt. 12, 23) fragten sie: „Ist dieser nidit
6) All diese Gefühle sind als positive Stellimg zu Jesu Tat oder Wort
anzusehen.
28
der Davidsohn?" Feindsdbaft war die Folge der Heilung der ver-
dorrten Hand am Sabbat (Mt. 12, U; Mk. 3, 6; Lk. 6, 11). Der An-
schlag der Pharisäer (und Herodianer), der hier berichtet wird, hat
nicht die Heilung, sondern die Übertretung des Sabbatgebots, also
eine Lehrentscheidung zum Anlaß. Ebenso war aber Jesu Dämonen-
austreiben der Grund, ihm feindlich gegenüberzutreten und Bünd-
nis mit Beelzebub vorzuwerfen (Mt. 12, 24; Mk. 5, 22; Lk. 11, 15;
Mt. 9, 34).
Bei dieser Aufzählung der Folgen des Wirkens Jesu muß darauf
hingewiesen werden, daß die Berichte von der Wirkung bei den
Wundern im Verhältnis zu dem sonstigen Umfang der Überliefe-
rung zahlreicher sind als bei den Worten.
Wie man Jesu Wirken in gleidier Weise als Wort und Wundertat
ansah, zeigen besonders nodi zwei Stellen: Lk. 6, 17 f. berichtet, daß
die Leute zu ihm kamen, um ihn zu hören und sich heilen zu lassen.
Und besonders widitig ist das Wort der Emmausjünger, die Jesus
als einen „Propheten mächtig in Wort und Tat vor Gott und allem
Volke" bezeichnen (Lk. 24, 19).
Der Parallelismus von Wort und Wunder, den wir in den Evan-
gelien finden, zeigt sicii auch dort, wo von Jesu Auftrag an die
Jünger die Rede ist. Wie die Wirksamkeit des Meisters, so soll auch
die ihre sein. Dieses Nebeneinander findet sich bei der Berufung der
Jünger (Mk. 3, 14 f.), in der Einleitung der Aussendungsrede (Lk. 9,
1 f.), in den weiteren Worten (Mt. 10, 7 f. und Lk. 10, 9) und in dem
Bericht über die Tätigkeit der Jünger (Mk. 6, 12 f.; Lk. 9, 6).
Die starke Entsprediung in der Behandlung des Wortes und des
Wunders, die die ganzen synoptischen Evangelien durchzieht, hat
ihren Grund in der parallelen Beurteilung dieser beiden Seiten der
Tätigkeit Jesu'^). Darauf sei noch ein kurzer Blick geworfen^).
Jesus wirkt unter den Menschen durch zwei Gaben, die er gibt: sein
Wort und sein Wundertun. Wie das Wort die Nähe des Gottesreichs
verkündigt, so ist es im Wunder wirkungskräftig geworden®). Wie
7) Vgl. Schlatter, Geschichte des Christus, S. 226 f. — Wrede, S. 79:
Das Volk betrachtet nach Markus „die Lehre und die Madit über die un-
reinen Geister als Ausfluß einer und derselben Gewalt".
8) Über die Versdiiedenheit in der Beurteilung von Wort und Wunder
siehe oben S. 24 ff.
9) Auf diese Tatsadie weist sehr entschieden Georg Traue hin: „Das
Wunder Jesu als Wort Gottes" S. 6; 53 u. passim.
29
er mit VoUmadit *®) ausgestattet sich Herr nennt über den Sabbat,
das für Menschen gegebene Gesetz beseitigt, wo er es für nötig Hält
(Ehesdieidung) ^^), wie er das sündenvergebende Wort zum Ent-
setzen der geistlidien Führer ausspxidit, so wird seine Kraft auch
nicht durch, die Mächte der Natur beschränkt, sondern er befiehlt
ihnen als der Herr und kämpft gegen die den Menschen bedrän-
genden feindlichen Krankheiten und Geisten ^^). Wie sein Wort
Heilsbotschaft ist, so erscheint in seinen Madhttaten, „daß Gott sein
Volk heimgesucht hat" ^^), daß sein Wirken auf der Erde geschieht;
aber gerade das soll den Menschen zur Umkehr bringen. Jesus
predigt die Buße und erwartet sie als Folge seiner, Wunder ^^). Und
je nach der Einstellung der Menschen zu Jesu Wort und Wunder
führt beides die KplcTiq herbei, die sie scheidet. Im Schlußgleichnis
der Bergpredigt (Mt. 7, 24—27; Lk. 6, 47—49) und in dem Wort
vom Zweck der Gleichnisrede (Mt. 13, 10—13; Mk. 4, 10—12; Lk. 8,
9 f.) stellt Jesus sie als Folge seiner Predigt hin. In der Antwort auf
die Täuferfrage zeigt er als Folge von Wort und Wunder beiden
warnend die Möglichkeit des Ärgernisses an ihm (Mt. 11, 6; Lk. 7,
23). Selig preist er andrerseits die Menschen, die sein Wirken
hören und sehen dürfen (Mt. 13, 16 f.; Lk. 10, 25 f.). Das Wehe wird
über die gesprochen, die aus seinen Madittaten nicht für ihr Leben
die Folgerungen ziehen ^^). Der Anstoß, den sein Wirken in Wort
und Wunder hervorruft, ist letzten Endes die Ursache der Feind-
schaft der Volksführer und damit des Ausgangs Jesu^°) ^'^).
10) Der Ausdruck ^Souaia ersciieint als derjenige, der Jesu Gesamtwirk-
samkeit in ihrer Ursache zusammenfaßt. Er wird verwendet für seine
Lehre (Mt. 7, 29; Mk. 1, 22; Lk. 4, 32), die in der Tempeheinigung Tat
gewordene Lehre (Mt. 21, 23—27; Mk. 11, 27—33; Lk. 20, 1—8), die Sün-
denvergebung (Mt. 9, 6; Mk. 2, 10; Lk. 5, 24; Mt. 9, 8) und die Vertreibung
der Geister (Lk. 4, 36). Er bezeichnet das Besondere, das Jesus gegenüber
den großen Lehrern seiner Zeit hat (Mt. 7, 29). Vgl. Grundmann S. 57 ff.
11) Mt. 19, 7 ff.; Mk. 10, 5 ff. — Über die Auswirkung der Hovaia
Jesu in seiner Ethik s. Gerhard Kittel, S. 93 ff.
12) Vgl. Wrede S. 79.
13) Lk. 7, 16.
14) Mt. 11, 20—24; Lk. 10, 13—15.
15) Mt. 11, 20—24; Lk. 10, 13—15.
16) Vgl Edwin C. Hoskyns, S. 92.
17) Hier sollte nur von der inhaltlichen Parallelität der Gesamtauf-
fassung von Wort und Wunder die Rede sein. Die des Einzelstücks wird
S. 64 ff. behandelt werden.
50
IL Die Einzelgfestaltung der Wundergeschichten im Verhältnis
zu den Ausspruchgeschiditen.
Es ist zu fragen, ob die Parallelität, die in der Auffassung von
Wort und Wunder dann vorliegt, wenn die Evangelisten Jesu
Tätigkeit zusammenfassen oder rückblickend betrachten, audi in
Form und Inhalt des Einzelstücks der beiden Uberlieferungs-
gruppen zu finden ist.
Der Aufbau der synoptisdien Wundergesdiiditen muß zuerst für
sidb untersucht werden, um dann mit dem der Aussprudigesdiichten
verglidien zu werden. Bei dem größten Teil der Wundergesdiiditen
läßt sidi eine gewisse Einbeitlidikeit im Aufbau feststellen. Es sind
das diejenigen, die eine ausgeführte Wundertat Jesu wirklidi erzäh-
len. Die anderen, bei denen der Vollzug des Wunders nur am Erfolg
konstatiert wird oder sogar nur vorausgesetzt wird, zeigen weniger
Gemeinsames. Es. fohlt ihnen der Höhepunkt, zu dem bei den
meisten Wundern der ersten Gruppe die ganze Handlung hinläuft
und von dem an sie dann wieder abklingt. Bei den Wundern, die die
Ausführung der Tat selbst beriditen, sind die reinen Wunder-
gesdiiditen von denjenigen zu sondern, die nebenher eine Aus-
sprudipointe haben. Diese kann bis zur Verdrängung der Wunder-
pointe in den Vordergrund treten. Zuerst sollen die reinen Wunder-
gesdiiditen behandelt werden.
Bei den S. 31 ff. aufgestellten Sdiemata sind die Gesprädie und
die Gesprädien parallelen Handlungen Jesu und seiner Partner
besonders herausgehoben, und mit den Budistaben A, B, C, D be-
zeichnet. Das erleiditert den späteren Vergleidi mit den Aus-
sprudierzählungen. Außerdem wird sidi ergeben, daß diese Auf-
teilung in „Gesprädisgänge" (die aber audi in Handlung und
Gegenhandlung bestehen können,) dem Charakter der Wunder-
gesdiiditen gemäß ist. Ihre Verwandtsdiaft in der Gestaltung mit
der Aussprudiüberlieferung legt sidi nadi der im vorigen Absdinitt
festgestellten parallelen Gesamtauffassung der beiden Überliefe-
rungsgruppen in den Evangelien als Annahme nahe und muß sidi
an der Anwendbarkeit dieser Analyse erweisen. Bei der Aufteilung
der Gesdiiditen in „Handlungsgänge" steht der formale Gesidits-
punkt vor dem inhaltlidien. Es soll nur die Folge der Reden und
Gegenreden, Handlungen und Gegenhandlungen festgestellt wer-
31
den; auf ihre inhaltlidie Zusammengehörigkeit ist erst in zweiter
Linie eingegangen. Es ergibt sidi, daß jede formale Versdiiedenheit
auf eine inhaltliche schließen läßt, so daß die Einteilung der
Wundergeschichten nacjh ihrem Aufbau zugleich eine nach ihrem
inhaltlichen Charakter bedeutet. Dodi sind hier die formalen Ge-
ßiditspunkte in die erste Linie gestellt, weil sie die größere Objek-
tivität ermöglichen. Auf die inhaltlichen Charakteristika wird oft
hingewiesen.
Mit den lateinischen Buchstaben A, B, C, D werden die in den
Quellen in direkter Rede angeführten Worte bezeichnet. Für in-
direkte Rede sind die griech.is(iien Buchstaben a, ß, y> ö angewen-
det. Die hebräischen Zeichen ^, 3, -H, T sind für die den Gesprächen
entspreciienden Handlungen und Gegenhandlungen gesetzt. A, a,
^^ bezieht sidi stets auf den oder die Hilfesuchenden, B, ß, ^ auf
Jesus, während mit den dritten und vierten Buchstaben andere noch
hinzukommende Personen bezeichnet werden. Für bestimmte oft
wiederkehrende Teile der Wundergeschichten sind Bezeidinungen
gewählt, die inhaltlich bestimmt sind, weil dieser Inhalt für die
Form der Geschichten belangreich ist. Greifen beide Arten inein-
ander über, so sind zwei Bezeichnungen angegeben. Mit E sind Ein-
leitungen gemeint, die mit der Saciie noch nichts zu tun haben, mit
SS solche, die die Gesdiichte vorbereiten. G bedeutet erzählende
Sätze innerhalb der Geschichte, H den Eintritt des Wunders. Kr.
bezeichnet Krankheitsschilderung, K Konstatierung der Heilung an
einer Handlung, W Wirkung auf die Zuhörer, 98 Wirkung auf den
Hilfesucihenden, V Verbreitungsverbot, Ü Verbreitung der Kunde
von Jesus. In den kurzen Inhaltsangaben der Sätze soll nidit Voll-
ständigkeit der Wiedergabe angestrebt werden.
^
A
B
H
W
U
Der Besessene in der Synagoge zu Kapernaum
(Mk. 1, 23— 28; Lk. 4, 33—37).
Ein Besessener ist da
„Wir kennen dich .
(pilLiiOeriTi . . ,
Anfall und Heilung
Alle staunen und sprechen . .
Verbreitung der Kunde
35
A
B
H
W
U
Ein Besessener ist da
„Ich kenne dich . .
(pi|iiIj6riTi . . .
Anfall und Heilung
Alle staunen und sprechen .
Verbreitung der Kunde
52
Die Erzählung beginnt mit dem Angriff des Dämonisdien bzw. des
Geistes, der sidi Jesus vom Leibe halten wilP^). Der Höhepunkt
ist das {pi|au)6TiTi. Schon mit der Sdiilderung des Anfalls und des
Ausfahrens des Geistes ist er überschritten. Die eigentlidie Hand-
lung hat also nur einen Gang: Angriff — Gegenangriff und Sieg
Jesu. Die Wirkung ist sowohl für die Anwesenden wie für die
Umgebung besdirieben.
Heilung eines Taubstummen (Mk. 7, 31 — 37).
Er kommt nach der Dekapolis
2 B
H
Man bittet ihn, dem Kranken die Hand aufzulegen
Er sondert ihn ab, legt die Finger in seine Ohren, speit, berührt
seine Zunge, sieht zum Himmel, seufzt und spricht iqxpadd
Eintritt der Heilung
Verbreitungsverbot
ü
W
Übertretung dieses Verbots
Erschrecken der Zuhörer und Freude
Der Stil dieser Gesdbidite ist sehr breit und ausführlich. Sie hat eine
lange Einleitung und zwei Schlußsätze. Der Hauptteil ist mit der
langen Heilungsbeschreibung ebenfalls stark ausgemalt. Trotzdem
fehlt auch hier nicht das Zulaufen auf die Pointe, die das IcpqpaGd
bildet. Die Gesciiichte besteht aus zwei Gängen: Bitte — Heilungs-
wort, Eintritt der Heilung — Verbreitungsverbot. Der Eintritt der
Heilung vertritt im Aufbau eine Gegenhandlung des Kranken: es
geschieht etwas an ihm. Deutlich ist es, daß nur der erste Gang
stark hervortritt, während der zweite — mit fallender Handlung
— kaum als solcher zu rechnen ist. Er geht stark in der umgebenden
Erzählung unter, während der erste infolge des Hervortretens des
ecpqpaGd seine deutliche Erkennbarkeit behält.
Die Aussätzigenheilung
(Mt. 8, 2—4; Mk. 1, 40—45; Lk. 5, 12—15).
Schema s. nächste Seite.
Der Aufbau dieser Erzählung ist dem der vorigen ähnlich, aber
viel prägnanter. Ausführlich ist nur der Schluß bei Markus und
Lukas, der bei Matthäus fehlt. Der Hauptteil zerfällt in zwei
Gänge: Bitte — Heilungswort, Heilung — Venbreitungsverbot. Der
18) S. Johannes Weiß S. 142 f.; Bauernfeind S. 12.
33
9
Ein Aussätziger
bittet
iB
Ein Aussätziger
bittet
^
Ein Aussätziger
bittet
A
:i B
H
BiV
„Wenn du willst. ."
Berührung
Heilungswort
Heilung
Verbreitungsver-
bot, Sendung zum
Priester
A
n B
H
^iBi
V
„Wenn du willst.."
Berührung
Heilungswort
Heilung
Anfahren,Verbrei-
tungsverbot, Sen-
dung zumPriester
A
n B
H
BiV
„Wenn du willst.."
Berührung
Heilungswort
Heilung
•Verbreitungs ver-
bot, Sendung zum
Priester
u
w
Verbreitung der
Kunde
Zulauf
W
Zulauf
zweite Gang tritt nidit so zurück wie im vorigen Wunder, da das
Verbreitungsverbot in direkter Rede angefiibrt ist und die Sen-
dung zum Priester hinzukommt. Trotzdem ist das GeXuj, KaOapicrGriTi
deutlich der Höhepunkt. Das Eintreten der Heilung vertritt auch
hier im Aufbau der Gesdiidite die Stelle einer Gegenhandlung des
Kranken. Bei Markus ist vor dem Verbreitungsverbot nodh. von
einem „Anfahren" die Rede^'^), doch ändert das bei ihm den Auf-
bau nicht.
Der Seesturm (Mt. 8, 23—27; Mk. 4, 36—41; Lk. 8, 22—25).
Schema s. nächste Seite.
Die Einleitung des Stücks ist die als Exposition erforderliche Sdiil-
derung- der Lage; der Schluß erzählt wie bei vielen Wundergeschidb.-
ten die Wirkung der Machttat. Der Mittelteil hat insofern etwas
Besonderes gegenüber den bisher behandelten Wundern, als zweier-
lei Beziehungen darin auftreten. Bei der Heilung ist der Kranke
der Bittende und der, an den das Machtwort gerichtet wird, zu-
gleich. Beim Naturwunder ist das nicht der Fall. Bei Markus und
Lukas stellt sich das so dar: es gehört zusammen die Bedrohung
des Meeres und das Eintreten der Stille, die Bitte der Jünger und
der Tadel ihres Unglaubens. Die Verknüpfung von beiden geschieht
dadurch, daß die Bedrohung des Sturms gleichzeitig Erfüllung der
Bitte ist. Der Inhalt ist also bei Markus und Lukas nadi dem chia-
stischen Sdiema angeordnet (a b b' a). Bei Matthäus geht der Tadel
der Sturmstillung voraus, bei ihm haben wir also das Schema
19) Siehe unten S. 95.
Pereis. H
u
E
Jesus u. die Jung er
E
Die Jünger neh-
men ihn ins Boot.
E
Er und die Jünger
gehen ins Schiff
Andere Schüfe
steigen ins Boot
sind da
^
Er schläft im
^
Er schläft im
%
Er schläft im
Sturm
Sturm
Sturm
A
„Hilf, Herr . . ."
A
„Meister, küm-
mert. .."
Er bedroht das
A
„Meister, wir ver-
gehen"
Er bedroht Wind
ßB
Meer und spricht:
Verstumme !
ß
und Meer
n
Vorwurf des Un-,
B
glaubens
Er erhebt sich und
Gßi
bedroht Wind u.
Meer
H
Es wird ganz still
H
Es wird ganz still
Tadel des Un-
H
Es wird ganz still
Tadel des Un-
ß.
glaubens
ßi'
glaubens
W
Staunen
der Menschen
W
Furcht u. Staunen
W
Furcht u. Staunen
a a' b b'. Bei Matthäus und Lukas bildet die Bedrohung des Windes
imd Meeres zusammen mit dem Satz, daß das Wunder eintrat, den
Höhepunkt, dodi liegt der Nachdruck wohl stärker auf dem Satz,
der von der Bedrohung spridit. Bei Markus ist die Hervorhebung
des MaditViTortes durdi die direkte Rede nodi deutlidier. Der Auf-
bau dieser Geschidite ist dem der bisher behandelten Heilungs-
gesdiiditen ähnlidi: Bitte, Madbtwort (Höhepunkt), Eintritt des
Wunders, Wirkung.
Heilung eines Besessenen bzw. zweier Besessener (Mt. 8, 28 — 34;
Mk. 5, 1—20 ; Lk. 8, 26—39). Schema s. nächste Seite.
In der Markus- und Lukasüberlieferung dieser Geschidite tritt die
ausmalende Gestaltung sehr stark in den Vordergrund. Die Einlei-
tung und Krankheitssdiilderung ist bei Markus ungewöhnlidi aus-
führlich, die Besdireibung der Wirkung des Wunders füllt sieben
V^erse. Dagegen ist im Mittelstück (Vers 7 — 13) eine gewisse Prä-
gnanz erhalten geblieben. Es sind drei Gänge des Gesprädis erkenn-
bar: (1. Wort Jesu) — Abwehr der Dämonen, Frage nadi dem
Namen — Antwort, Bitte um Schonung — Austreibung. Dodi wird
35
Heilung eines bzw. zweier Besessener
(Mt. 8, 28—34; Mk. 5, 1—20; Lk. 8, 26-39).
E
Sie sind im
Gerasenerland
E
Sie sind im
Gerasenerland
^
Bei Gadara be-
gegnen ihm zwei
Schwerdämonische
Kr.
Kr.i
Es begegnet ein
Dämonischer
Er wohnte in den
Gräbern
Er war nicht zu
fesseln . . ,
Kr.
Es begegnet ein
Dämonischer
Er wohnte in den
Gräbern
^.
Er läuft schreiend
zu Jesus
^1
Er läuft schreiend
zu Jesus
A
Abwehr der
Dämonen
A
Abwehr des
Dämons
A
Abwehr des
Dämons
(B)
Denn er hatte ge-
sagt: Fahre aus!
(B)
Kr.i
Denn er hatte ge-
sagt, er solle aus-
fahren
Er war nicht zu
fesseln . . .
Bx
„Wie heißt du?"
Bi
„Wie heißt du?"
Ai
„Legion"
Ar
„Legion«
«2
Schicke uns nicht
außer Landes
«2
Schicke uns nicht
in den Abgrund
G
Es war eine
Schweineherde da
G
Die Schweine-
herde
G
Die Schweine-
herde
A
Schicke uns in die
Schweine
Aa
Schicke uns in die
Schweine
«2
Schicke uns in die
Schweine
B
l!)TrclY6T6
ß^
Er läßt sie
ß^-
Er läßt sie
H
Ausfahren der
Dämonen
H
Ausfahren der
Dämonen
H
Ausfahren der
Dämonen
W
Flucht der Hirten
W
Flucht der Hirten
W
Flucht der Hirten
K
Die Leute sehen
den Gesund-
gewordenen
K
Die Leute sehen
den Gesund-
gewordenen
Wo
Sie bitten ihn, auß.
Landes zu gehen
W,
(«3)
Sie bitten ihn, ihr
Land zu verlassen
Der Geheilte will
bei Jesus bleiben
W2
(«3)
Sie bitten ihn, ihr
Land zu verlassen
Der Geheilte will
bei Jesus bleiben
V20)
Er schickt ihn
nach Haus
V20)
Er schickt ihn
nach Haus
u
Er verkündigt
seine Heilung in
der Dekapolis
u
Er verkündigt
seine Heilung in
der ganzen Stadt
20) Zu der Auslegung' dieses Satzes vgl. oben S. 7.
36 .
man dem Charakter dieser Gesdüdite nidit geredit, wenn man
dieses henauskonstruierbare „Streitgespräch" als für ihren A,ufbau
entscheidend widitig: ansieht. Dreierlei stört dieses Sdiema, das
man — den bisher besprochenen Wundern parallel — aufstellen
möchte: 1. der eingeschobene Satz Vers 8; 2. die zweimalige An-
führung der Dämonenbitte, mit der dazwischen gegebenen Erwäh-
nung der Sciiweineherde; 3. als Wesentliciies die Tatsache, daß das
Austreibungswort Jesu niciit den Höhepunkt der Geschichte bildet,
sondern dieser in der Schilderung des Ausfahren» liegt. Durcii diese
drei Tatsadien und durch die Ausführlichkeit von Einleitung und
Sdilußteil ist in dieser Geschiciite der Naciidruck weniger auf den
Einzelpersonen, Jesus und dem Kranken, und ihnen Handlungen
und Reden, als auf der Darstellung einer merkwürdigen Begeben-
heit, die sidi durch Jesu Maciit zutrug. Bei Lukas tritt dieser Cha-
rakter der Geschichte dadurch nodi stänker hervor, daß er den einen
Teil der Krankheitssc^iilderung in das Gespräch hineinverlegt und
daher dessen Aufbau noch weniger eine Rolle spielt. Anders ist die
Matthäusdarstellung. Sie hat nur eine ganz kurze Einleitung, und
ihr Schluß, der über die Folgen der Tat Jesu berichtet, geht an
Umfang nicht über das hinaus, was wir von anderen Wunder-
geschichten gewohnt sind. Im Gesprächsgang fehlt bei Matthäus die
Frage an den Dämon und dessen Antwort. Bei ihm stellt sidi das
Mittelstück als ein einziger Gang dar: Abwehrwort des Dämons
und Bitte um Sdionung — Austreibung. Eine Angabe über ein
erstes erfolgloses Austreibungswort Jesu wie bei Markus und Lukas
fehlt. Dadurch, daß er das A.ustreibunjgswort in direkter Rede gibt,
tritt es bei ihm viel stärker hervor als bei Markus und Lukas. In-
folge der dann kommenden eigenartigen Wirkung stellt es freilidi
nicht den Höhepunkt dar. Dadurch^ und durdi die Erwähnung der
Schweineherde zwischen Abwehr der Dämonen und Bitte um Sciio-
nung ist auch bei ihm die Prägnanz gestört. Doch steht sein Bericht
den bisher behandelten Wundergeschich.ten und ihrer Darstellungs-
weise sehr viel näher als diejenigen des Markus und Lukas.
Die Gesdhichten von der Auferweckung der Tociiter des Syn-
agogenvorstehers und von der Heilung der blutflüssigen Frau sind
durch die Ineinanderstellung eng miteinander verbunden. Trotzdem
greifen sie nicht ineinander über, so daß ihre getrennte Behandlung
möglich und der Einfadb-heit halber empfehlenswert ist.
37
Die Heilung der blutflüssigen Frau
(Mt. 9, 20—22; Mk. 5, 25—34; Lk. 8, 43—48).
Kr
Krankheit u. ver-
gebl.Bemühen der
Ärzte
Kr
Krankheit u. ver-
gebLBemühen der
Ärzte
«
Eine blutflüssige
Frau berührt sein
Gewand
^f
Berührung des Ge-
wandes
t<
Berührung des Ge-
wandes
G
Die Absicht d. Frau
G
Die Absicht d. Frau
H
Heilung
H
Heilung
Gx
Jesus fühlt die aus-
geströmte Kraft
B
Frage, wer ihn an-
gerührt habe
B
G
Frage, wer ihn an-
gerührt habe
Alle leugnen
C
Die Jünger weisen
auf d. Gedränge hin
C
Petrus: das Volk
drängt dich
Gx
Er sieht sich um
u. bemerkt die Frau
Ga
■
Ersieht sich nm,u.
die Frau bekommt
Angst
Sie gesteht ihm
alles
Bi
Gx
Es hat mich jemand
angerührt
Die Frau bekommt
Angst
Sie gesteht ihm
alles
B
Heilungswort
Bi
Verzeihung Jesu
B2
Verzeihung Jesu
H
Heilung
Markus und Lukas haben eine ausführlidie Krankheitssdbilderung
als Einleitung. Wie in der vorig'en Geschidite ist die ausmalende
Gestaltung so reich, daß die präzise Aufeinanderfolge von Zug und
Gegenzug nidit deutlidi hervortritt. Der Aufbau der Gesdiidbte
läßt zwei Teile unterscheiden. Der erste hat einen Gang: Berührung
— Heilung. Der zweite hat zwei Gänge: Frage Jesu — Antwort
der Jünger bzw. Petri, Geständnis der Frau — gnädiges Wort Jesu.
Bei Lukas steht zwischen beiden ein Wort Jesu, das eine unter-
streidiende Wiederholung seiner Frage daistellt. Doch ist dieser
Aufbau nidit das Wesentliche an der Gestaltung dieser Geschichte.
Vielmehr liegt auf der wirkungsvollen Darstellung des wunder-
baren Geschehens der Hauptnadidruck. Die Erzähler haben für die
38
Kranke im Vergleidi zu den anderen Heilungen großes Interesse.
Trotz dieser den präzisen Beridit stark verwisdbenden Darstel-
lungsart lieben sidi deutlidi zwei Höhepunkte heraus: 1, die Hei-
lung der Kranken, auf die die Sdhilderung ihrer Not und ihres
Glaubens hinleitet und 2. das Wort Jesu am Sdiluß, das die Span-
nung löst, die durch seine Frage und das Schweigen der Frau ent-
standen ist. Die Geschichte verliert durch diese doppelte Pointe an
Einheitlichkeit. Es bleibt auch zweifelhaft, was bei Markus der
Sinn cles Schlußwortes Jesu sein soll, das die Verheißung der Hei-
lung enthält, nadidem sie schon eingetreten ist. — Wieder ist die
Matthäusfassung der Geschidite im Aufbau den zuerst behandelten
Wundern näher — hier sogar sehr nahe — verwandt. Nadi einer
kurzen Einleitung folgt ein eingliedriger Handlungsgang: Berüh-
rung — Heilungswort Jesu. Dann erfolgt die Heilung. Zwisdien
Berührung und Heilungswort ist die auch bei Markus berichtete
Erwartung der Frau, durch die Berührung gesund zu werden,
erzählt, die aber enttäuscht wird. Dieser Zwisdiensatz hindert nicht,
daß wir in der Matthäusfassung deutlich den Eindruck einer
Wundergeschichte von der einfachen Art der zuerst behandelten
haben. Sie hat wie diese ihren Höhepunkt im Heilungswort.
Die Auferweckung der Tochter des Synagogenvorstehers
(Mt9, 18f.; 23—26; Mk.5,2i— 24; 55—43; Lk.8,40— 42; 49—56).
Schema s. nächste Seite.
Die Überlieferung dieses Wunders schließt sich an die der beiden
vorhergehenden an. Markus und Lukas haben eine Einleitung
und einen sehr ausführlichen Schluß. Der eigentliche Hauptteil zer-
fällt bei ihnen in drei Teile: 1. Vor der Geschichte von der blutflüs-
sigen Frau. Dieser Teil besteht aus einem Gang: Bitte des Vaters ~
Jesu Einwilligung. 2. Die Spannung erhöhende Todesnachricht.
Dieser Abschnitt birgt auch, einen Redegang in sich: die Botschaft
der Hausgenossen — das Trostwort an den Vater. 3. Im Hause des
Synagogen Vorstehers. Hier liegen zwei Handlungsgänge vor: das
W ort an die Trauernden — ihr Lachen, das Erweckungswort — das
Aufstehen des Mädchens. A,udh. in dieser Geschichte tritt für den
unbefangenen Leser nur die Einteilung in drei Teile, nicht aber das
Vorhandensein der einzelnen Gänge in den Vordergrund. Man
empfindet das Ganze vielmehr als eine mit vielen Einzelheiten ohne
scharfe Zusammenfassung, aber in großer Anschaulichkeit dargebo-
39
2J
Ein Synagogen-
vorsteher bittet ihn
E
Viel Volk war da
Ein Synagogen-
vorsteher (Jairus)
bittet ihn
E
35
Viel Volk war da
Ein Synagogen-
vorsteher bittet
ihn
A
n
G
Bi
D
H
Tod der Tochter u.
Bitte um Handauf-
legung
Jesus geht mit
Er sieht die Trau-
ernden
Geht hinaus! Das
Mädchen schläft
Sie verlachen ihn
Er ergreift ihre
Hand
Sie steht auf
A
G
C
Bi
Gl
G»
Bs
D
Gs
nBa
H
Todkrankheit der
Tochter und Bitte
um Handauflegung
Jesus geht mit
Viel Volk drängte
Nachricht vom
Tode der Tochter
Mahnung zum
Glauben
Er läßt nur wenige
mitgehen
Er sieht die Trau-
ernden
Das Mädchen
schläft nur
Sie verlachen ihn
Er nimmt nur die
Eltern mit
Handergreifung
und Heilungswort
Sie steht auf
G
C
Bi
Gl
G^
Ba
D
aBs
H
Tod der Tochter
Jesus geht mit
Viel Volk drängte
Nachricht vom
Tode der Tochter
Mahnung zum
Glauben
Er läßt nur wenige
mitgehen
Er sieht die Trau-
ernden
Das Mädchen
schläft nur
Sie verlachen ihn
Handergreifung
und Heilungswort
Sie steht auf
U
Ausgehen d.Kunde
K
W
Vß,
Kß,
Sie geht umher
Staunen
Verbreitungs-
verbot
Er läßt ihr zu essen
geben
Kß,
W
V/Sß
Er befiehlt, ihr zu
essen zu geben
Staunen
Verbreitungs-
verbot
tene Erzählung. An ausmalenden Unterbrechungen haben wir
(Mk. V. 24, Lukas V. 42) die Angabe, daß das Volk ihn drängte, die
wohl die Gesdiichte von der Blutflüssigen vorbereiten soll, ferner
(Mk. V. 37, Lukas V. 51) die Auswahl der vier Jimger und der
Eltern, die allein ins Haus dürfen, und (Markus V. 40) die Mittei-
lung, daß nur die Eltern und Begleiter in das Gemadi hinein-
40
gelassen werden. Die gesamte Darstellung läuft auf das Auf-
erweckun^swort zu, das den Höhepunkt bildet. Dodi ist die Be-
sdireibung des Aufstehen» so stark hervorgehoben, daß die Ge-
schidtite erst danach — mit dem Bericht von der Wirkung und dem
Verbreitungsverbot — abklingt. — Diese Erzählung ist bei Mat-
thäus in drei Gänge zu zerlegen: Bitte des Vaters — Jesu Einwil-
ligung, Wort an die Trauernden — Lachen, Auf erweckung — Erfolg
derselben. In diesem Fall kann man freilich auch bei Matthäus nicht
von einer großen Ähnlichkeit mit den zuerst behandelten Wundern
sprechen. Dazu ist die Erzählung zu blaß. Das Auferweckungswort
ist nicht gegeben, so daß das Wunder selbst als Höhepunkt gar
niciit so hervortritt wie dort. Doci. bewirkt das Fehlen der Einzel-
heiten, die Markus und Lukas bringen, immerhin eine gewisse
Annäherung an die dortige präzise Erzählungsweise.
E
Der Jüngling zu Nain (Lk. 7, 11—17).
Er, seine Jünger und viel Volk kommen nach Nain
Der Trauerzug
B
Ba
HK
^3 ,
HY\ Kkale
Er berührt die Bahre, die Träger stehen
Auferweckungswort
Der Jüngling setzt sich auf und beginnt zu reden
Er gibt ihn seiner Mütter wieder
W
U
Alle ergreift Furcht, und sie preisen Gott
Verbreitung der Kunde
Dieses Wunder schließt sich in der Gestaltung an die drei zuletzt
behandelten in ihrer Markus- und Lukasfassung an. Einleitung
und Schluß sind ausführlidi und sehr ansdhaulich^. Sie sind zu-
sammen länger als der Hauptteil. In diesem handelt eigentlich nur
Jesus, und zwar in drei Taten: er tröstet die Mutter, läßt den Zug
halten, indem er die Bahre anfaßt, und spriciit das Auferweckungs-
wort. Die einzige Gegenäußerung ist, daß der Jüngling sich auf-
setzt und spriciit. Der Höhepunkt ist Jesu Erweckungswort. Gegen-
über dem Markus- und Lukasberidit der drei vorigen Wunder hat
dieser insofern seine Eigenart, als dort andere Personen außer Jesus
eine viel größere Rolle spielten, während sie hier ganz zurücktreten.
41
Die Blindenlieilung bei Jeridio
(Mi. 20, 29—34; Mk. 10, 46—52; Lk. 18, 35—43).
^
Zwei Blinde am
Weg bei Jericho
35
Bartimäus am Weg
bei Jericho
35
a
y
Ein Blinder am
Weg bei Jericho
Er fragt, woher das
Volk komme
Sie sagen ihm, daß
Jesus vorbeikommt
A
Ruf um Erbarmen
A
Ruf um Erbarmen
Ai
Ruf um Erbarmen
y
Das Volk will sie
zur Ruhe bringen
y
Das Volk will ihn
zur Ruhe bringen
yi
Das Volk will ihn
zur Ruhe bringen
Ai
2. Ruf um Erbarm.
Ai
2. Ruf um Erbarm.
As
2. Ruf um Erbarm.
^B
Ruf Jesu u. Frage
nach ihrem Begehr
B
„Ruft ihn herbei!"
Mitteilung: Erruft
dich
ß
Befehl, ihn herbei-
zubringen
«2
Er läuft zu Jesus
(«)
Er kommt herbei
Bx
Was willst du
Bi
Was willst du
Aa
Bitte um Heilung
A«
Bitte um Heilung
As
Bitte um Heilung
Si
Heilende Berührg.
Ba
Heilungswort
Ba
Heilungswort
H
Eintritt d. Heilung
H
Eintritt d. Heilung
H
Eintritt d. Heilung
3B
Sie folgen ihm
3B
Er folgt ihm
3B
W
Er folgt ihm
Das Volk preist
Gott
Auda. in dieser Gesdiichte wieder gehören Markus und Lukas enger
zusammen als Matthäus mit ihnen. Sie unterscheiden sich vom
ersten Evangelisten außer durch das Vorhandensein nur eines Kran-
ken dadurdhi, daß das „Volk" eine größere Rolle in ihren Berichten
spielt. Einleitung und Schluß sind bei allen drei Evangelisten
kurz. Bei Lukas findet sich eine Angabe über die Wirkung auf das
Volk. Im Hauptteil ist die Bitte des Blinden in allen drei Berich.ten
sehr hervorgehoben. Bei Markus liegen vier Gänge vor. Erster Ruf
— Zurechtweisung durch das Volk, zweiter Ruf — Ruf Jesu, Her-
beilaufen des Blinden — Frage Jesu, Bitte um Heilung — Heilungs-
wort. Lukas hat denselben A,ufbau, aber zu Anfang noch einen
^ ;
Gang mehr: Frage des Blinden — Antwort der Leute. Andererseits
ist bei ihm das Herbeikommen des Blinden nur sdiwadi durdi
einen Nebensatz ausgedrückt. Markus hat zwisdbien zweitem und
drittem Gang ein Wort der Volksmenge, worin sie dem Blinden
Jesu Ruf mitteilt. Der Aufbau bei Matthäus besteht aus drei
Gängen: Erster Ruf — Zurechtweisung durdi das Volk, zweiter
Ruf — Ruf Jesu und Frage nach dem, Begehren, Bitte um Heilung
— heilende Berührung. Bei allen drei Evangelisten ist das Bekennt-
nis, das der Ruf des bzw. der Kranken enthält, und die Aufdring-
lichkeit ihrer Bitte so hervorgehoben, daß die Heilung als Höhe-
punkt nicht stark hervortritt. Bei Matthäus steht sie besonders
wenig im Vordergrund, weil sie durdb. Berührung ohne bericiitetes
Wort geschieht. So bildet diese Gesciiichte schon einen Übergang zu
denjenigen, die außer dem Wunder nodi eine andere Pointe haben.
Blindenheilung (Mt. 9, 27 51).
^
Zwei Blinde folgen ihm
A
Ruf um Erbarmen
B
Frage nach dem Glauben
Ai
Bejahung
^iBi
Berührung und Heilungswort
H
Heilung
B3V
Verbreitungsverb et
U
Verbreitung
Diese Heilungsges(3iic3ite, die eine enge Parallele zu der vorigen
bildet, entspricht im Aufbau ganz den zuerst behandelten Wun-
dern. Sie hat kurze Einleitung und kurzen Schluß und spielt sidi
in drei Gängen ab: Bitte des Kranken — Frage nach dem Glauben,
Antwort — Heilungswort, Heilung — Verbreitungsverbot. Die
ersten beiden Gänge sind cliiastisch. angeordnet. Der Eintritt dev
Heilung entspridit einer Gegenhandluug (s. S. 52). Der Höhepunkt
ist das Heilungswort Jesu. Zu ihm steigt die Handlung an, und von
ihm fällt sie ab. Der dialogische Aufbau kommt prägnant zum Aus-
druck, da A,usmalungen von Einzelheiten fehlen.
43
Der Blinde von Bethsaida (Mk. 8, 22—26).
In Bethsaida
G
H
BsV
Sie bringen ihm einen Blinden zur Heilung
Er führt ihn hinaus
Manipulation und Frage
Antwort: Teilheilung
Zweite Manipulation
Heilung
Sendung ins Haus. Verbot, ins Dorf zu gehen
Diese Blindenheilung baut sidi in drei Gängen auf: Bitte ^^) —
erste Heilhandlung, und Frage, Antwort — zweite Heilhandlung,
Heilung — Verbreitungsverbot. Wir haben bei den ersten Gängen
wieder chiastische Anordnung. Der Aufbau ist durch die Stufen-
heilung deutlidi, dodti tritt die Heilung nidb.t als Höhepunkt hervor,
da dem Erzähler das ganze wunderbare Handeln Jesu wichtig ist,
das sidi in dieser Tat zeigt. So steht das Wunder der Markusfas-
sung der Heilung der Blutflüssigen u. ä. näher als den zuerst be-
handelten Wundem.
Die Heilung des epileptischen Knaben (Mt. 17, 14 — 21 ; Mk. 9,
14 — 29; Lk. 9, 37 — 43 a). Schema siehe nächste Seite.
Bei dieser Gesdiidite steht Markus mit seiner Darstellung allein.
Die Einleitung ist ausführlidi. Damach lassen sidi bei ihm drei
Teile untersdieiden, deren erster bis Vers 20 reidht und aus zwei
Gängen besteht: Frage Jesu — Antwort des Vaters, Wort Jesu —
Herbeibringen und Anfall des Knaben. Das Wort des Vaters enthält
zweierlei: die Krankheitssdiilderung und den Beridit über die Hei-
lungsversudbe der Jünger. Jesu Wort vom Unglauben bezieht sidi
auf das zweite, sein Befehl, den Knaben zu bringen, gehört als Be-
willigung zu der Krankheitssdhilderung und der darin liegenden
Bitte. Der zweite Teil beginnt mit dem Anfall des Knaben, dann
umfaßt er vier Gänge: Frage Jesu — Krankheitssdiildeiung, Mah-
nung Jesu — Bitte des Vaters. Darauf erfolgt die Heilung in zwei
Gängen: Ausfahrbefehl — Anfall des Kranken, Aufridhtung — Ge-
nesung. Der dritte Teil umfaßt einen Gang: Frage der Jünger —
Antwort darauf. Die Markusfassung* dieser Geschichte ist von den
21) Sie ist durch das Herbeibringen ausgedrückt.
44
«
Er findet die Jünger
disputierend — das
Volk grüßt ihn
E
Viel Volk begegnet
ihm
B
Frage Jesu
AKr
Bitte u. Krankheits-
schilderung
AKr
Bitte u. Krankheits-
schilderung
AKr
Bitte u. Krankh eits-
schilderung
B
Gegen den Unglau-
ben. Befehl, den
Knaben zu bringen
Bi
5
Gegen den Unglau-
ben. Befehl, den
Knaben zu bringen
Sie bringen ihn
B
Gegen den Unglau-
ben. Befehl, den
Knaben zubringen
G
Anfall des Knaben
G
Anfall des Knaben
Ba
Frage nach der
Krankheit
Ai
Kri
Breite Krankheits-
sehilderung u. Bitte
B3
Mahnung z. Glaub.
A2
Bitte um Glauben
ßi
Austreibung
B4
H
2,
Austreibung
Anfall u. Ohnmacht
Aufrichtung
ßi
Austreibung
H
Heilung
H,
Heilung
H
^2,
Heilung
Er gibt ihn seinem
Vater
D
Frage der Jünger
D
Frage der Jünger
B2
Mahnung z. Glaub.
Be
Mahnung z. Gebet
w
Erschrecken der
Zuhörer
kurz erzählten Wuiidergesdiiditen sehr weit entfernt. Die Freude
an der' Sdiilderung des Avnnderbaren Wirkens Jesu zeigt sidb in
den beiden langen Krankheitsberiditen und der Stufenheilung. Ein
lehrhaftes Motiv liegt in der Glaubensforderung, die in dem Sprudi
über das ungläubige Geschledit und dem Gespräch mit dem Vater
zum Ausdruck kommt. S<iiließlidbL wird audb nodi der AJjstand Jesu
^ 45
von seinen Jüngern durdi die Rede des Vaters und den Schluß her-
vorgehoben. Durch die ausführliche Gestaltung dieser drei Gedan-
ken wird der Aufbau dieser Geschichte bei Markus bestimmt. Er ist
zwar dialogisch, doch fehlt ihm Prägnanz und Einheitlichkeit. Auch
bei Matthäus und Lukas spielen Nebenmotive eine Rolle, obwohl
diese beiden Evangelisten einen viel einfacheren Aufbau haben. Bei
Matthäus kann man die Gesdddite in drei Gänge zerlegen: Rede
des Vaters — Rede Jesu, Bedrohung des Dämons — Heilung, Frage
der Jünger — Antwort Jesu. Bei Lukas ist, da der Schluß fehlt, in
zwei Gänge einzuteilen: Rede des Vaters — Rede Jesu, Heilungs-
wort — Heilung. Bei Markus bildet die Heilung selbst, die durdi die
beiden Stufen stark hervorgehoben ist, trotz der Ausgestaltung
deutlidi einen Höhepunkt. Daneben sind das Wort Jesu über das
ungläubige Geschlecht und die Glaubensmahnung an den Vater als
Pointen anzusehen. Bei Matthäus und Lukas ist die Heilung nur
kurz erwähnt, so daß die Vorgesciiichte nocJi stärker ins Licht rückt.
Es liegt hier von Matthäus und Lukas zu Markus ein ähnlidies Ver-
hältnis vor, wie Matthäus bei der Auferweckung der Tochter des
Synagogenvorstehers zu Markus und Lukas hatte, wo gleichfalls
die Darstellung viel kürzer ist, aber das direkte Heilungswort fehlt.
Auch in dieser Geschidite haben wir bereits ein gewisses Eindrin-
gen der Ausspruchüberlieferung; sie gehört darum zum Übergang
zu den gemischten Wunder- und Ausspruchgeschichten.
Diese sollen im folgenden behandelt werden. Dabei sind, um eine
Trennung von zur Wunder- und zur Ausspruchüberlieferung gehö-
renden Teilen zu kennzeidinen, für die zweiten in den Sdbemata
deutsche große Buchstaben für die direkte, deutsche kleine Buch-
staben für die indirekte Rede verwendet worden.
Die Kanaanitin (Mt. 15, 21—28; Mk. 7, 24—30).
Schema siehe nächste Seite.
Die Geschichte ist bei Markus in zwei Redegängen aufgebaut,
deren Inhalt chiastisch angeordnet ist: Bitte — Gleidinis von Kindern
und Hunden, Antwort der Frau — Nachgeben Jesu. Dann folgt die
Heilungsverheißung. Bei Matthäus gehen noch zwei Gänge voraus:
erste Bitte der Frau — abweisendes Schweigen Jesu, Aufforderung
der Jünger — Wort von der Sendung an Israel. Der Aufbau ist bei
beiden Evangelisten sehr straff durchgeführt und nidit verwisdit.
46
E
Er kam in das Gebiet
von Tyrus und Sidon
E
Er kam in das Gebiet
von Tyrus und Sidon
'^
Eine Frau kommt zu ihm
weg. ihrer krank. Tochter
^
Eine Frau kommt zu ihm
weg. ihrer krank. Tochter
A
Bitte der Frau
ß
Jesus schweigt
C
Die Jünger bitten
5Bi
„Ich bin nur gesandt..."
Ai
Bitte um Hilfe
A
Bitte der Frau
^2
„Erst die Kinder"
58
„Erst die TCinder"
51 s
Antwort der Frau
5li
Antwort der Frau
B„
Hilfe Jesu
B,
Hilfe Jesu
H
Heilung
H
Heilung
Der Höhepunkt liegt bei dem helfenden Wort Jesu. In dem Gleich-
niswort Jesu und der Antwort der Frau, die zwisdien Bitte und
Erfüllung der Bitte stehen, haben wir Ausspruchüberlieferung. Sie
ordnet sidi ganz der Wundergesdbichte ein, indem das Wort Jesu,
das die Bitte der Frau erfüllt, zugleich A.ntwort auf ihr gläubiges
und kluges Wort ist. Bei Matthäus ist nodi ein Wort, das Aus-
sprudiüberlieferung darstellt, in dem Redegang mit den Jüngern
zu finden. Gegenüber den am Anfang iDehandelten kurzen Wunder-
geschichten fehlt hier irgendein Wort nadi der Heilung. Es ist das
durch die Tatsache der Fernheilung bedingt, bei der Jesus selbst ja
nicht anwesend ist.
Der Hauptmann von Kapemaum (Mt, 8, 5 — 15; Lk. 7, 2 — 10).
A
B
Aj
H
Ein Hauptmann bittet ihn
„Mein Knecht ist gicht-
brüchig"
Erstaunte Frage Jesu
Vertrauensvolles Wort
des Hauptmanns
Glaubenslob der Heiden.
Warnung Israels. — Hei-
lungswort
Eintritt der Heilung
35
ce A
C
Bx
H
Der Knecht eines Haupt-
manns war krank
Bitte der jüdisch. Ältesten
mit Empfehlung
Jesus geht mit ihnen
Wort der Freunde: Ver-
trauen auf Jesu Macht
Glaubenslob für den
Heiden
Eintritt der Heilung
47
Der Aufbau der Matthäusgesdiidite ist dem der vorigen sehr ähn-
lich. Das Wort J esu (Matthäus Vers 7) ist wohl als Frage aufzufas-
sen. Dann haben, wir audi hier zwei Gänge, deren Inhalt chiastisdi
aufgebaut ist: Bitte — Abweisung, Überwindung der Abweisung
durdi ein glaubensvolles Wort — Lob des Glaubens und Erfüllung
der Bitte. Matthäus verbindet mit dem Glaubenslob ein Wort über
die Annahme der Heiden und die Verwerfung Israels, das Lk. 13,
28 — 50 bringt. Der Aufbau des Matthäusberichtes ist bis auf dies
Wort fest und geschlossen. Der Höhepunkt liegt bei dem Glaubens-
lob. Das Heilungswort klappt durch die Rede vom Heil der Heiden
etwas nach. Die Lukaserzählung ist viel bewegter und uneinheit-
licher als die Matthäusfassung. Sie hat ebenfalls zwei Gänge: Bitte
der Ältesten — Jesu Einwilligung, Bestellung der Freunde — Lob
des Glaubens. Auch hier liegt auf dem Glauben der Hauptnach-
druck. Ein Heilungswort bringt Lukas nicht, sondern nur den Ein-
tritt der Heilung. Mit diesem schließt die Geschidite in beiden Fas-
sungen wie bei der Kanaanitin. Von eigentlicher Ausspruciitradition
ist in der Lukasfassung auf Jesu Seite nichts zu finden. Bei beiden
Evangelisten ist ein bestimmter Zug der Wundergeschichte, die
Gläubigkeit des Bittenden, sehr in den Vordergrund gestellt.
Die Heilung des Gichtbrüdiigen
(Mt. 9, 1—8; Mk. 2, 1—12; Lk. 5, 17—26).
E
Er kam nach
Kapemaum
E
Er war im Hause
sehr umdrängt und
predigte
E
Er war umdrängt,
lehrte und heilte
35«
33
m
H
Sie bring, ihm ein.
Grichtbrüchigen
Sündenvergebung
Vorwurf der
Schriftgelehrten :
Dieser lästert
„Was ist leichter, . . .
Stehe auf und
wandle!"
Heilung
35«
«:Bx
H
K
Sie lass. ein. Gicht-
brüchig, durch das
Dach
Sündenvergebung
Vorwurf der
Schriftgelehrten :
Dieser lästert
„Was ist leichter . . "
Heilungswort
Heilung
Er nimmt sein Bett
2J«
(®)
^iBx
H
K
Sie lass. ein. Gicht-
brüchig, durch das
Dach
Sündenvergebung
Vorwurf der
Schriftgelehrten :
Dieser lästert
„Was ist leichter,.."
Heilungswort
Heilung
Er nimmt sein Bett
W
Furcht und Lob
Gottes
W
Erschrecken und
Dank an Gott
3B
W
Er preist Gott
Erschrecken und
Dank an Gott
48
Nadi einer bei Matthäus kurzen, bei Markus und Lukas ausführ-
lidien Einleitung besteht die Gesdiichte aus zwei pängen, wobei
man das Herbeibringen des Kranken als die Bitte um Heilung ent-
haltend anzusehen hat: Bitte — Sündenvergebung, Vorwurf — Ab-
wehr durch Heilung. In diesem Fall ist in doppelter Hinsidit von
A,ussprudiüberlieferung zu reden. Erstens gehört das Wort der
Sündenvergebung an den Giditbrüdiigen dazu und zweitens das
Wort über das Recht der Sündenvergebung. Die Verknüpfung von
Wunder- und Ausspruchüberlieferung ist hier besonders eng, indem
das Wort Jesu gleichzeitig die Abwehr des Vorwurfs, also die Ent-
scheidung des Ausspruchthemas, und die Heilung enthält und zwar
gerade durch die Heilung die Abwehr des Vorwurfs bekräftigt. Der
Aufbau der Geschidite ist wie bei der vorigen geschlossen und ein-
fach. Der Höhepunkt liegt bei dem Heilungswort, das gleichzeitig
die Abwehr des Schxiftgelehrtenvorwurfs darstellt. Die Geschichte
hat den Sdiluß, den wir von früheren Wundergeschichten her
kennen. ^ - ' ! ' I i ! ' ! ! "■ ' ■^^•
,i:i
Heilung der verdorrten Hand am Sabbat
(Mt. 12, 9—14; Mk. 5, 1—6; Lk. 6, 6—11).
E
Er kommt in eine
Synagoge
E
Er kommt in eine
Synagoge
^«
Dort ist ein
Kranker
95«
In der Synagoge
ist ein Kranker
35«
Dort ist ein
Kranker
(£
Sie fragen ihn, ob
man am Sabbat
heilen dürfe
35i(c)
Sie warten, ob er
am Sabbat heilen
wird
^i(C)
Sie warten, ob er
am Sabbat heilen
wird
G
Er erkennt ihre
Gedanken
B
Ruf an d. Kranken
B
Ruf an d. Kranken
«
Wort vom Schaf im
Brunnen , . . Also
darf man am Sab-
bat Gutes tun
«1
Ci
Soll man am Sab-
bat Gutes oder Bö-
ses tun ?
Sie schweigen
95i
Soll man am Sab-
bat Gutes oder Bö-
ses tun ?
h.
Er wird zornig
ba
Er wird zornig
B,
Heilungswort
Bs
Heilungswort
B3
Heilungswort
H
Heilung
H
Heilung
H
Heilung
W
Anschlag gegen
Jesus
W
Anschlag gegen
Jesus
W
Anschlag gegen
Jesus
49
Die Mattkäusforin ist am einfachsten. Nach, der Einleitung tritt
zweierlei an Jesus heran: Der kranke Mann, dessen bloßes Dasein
die Initiative zur Heilung enthält, und die fragenden Leute. Jesus
fertigt sie nadieinander ab: erst die Fragenden mit dem Wort vom
Schaf im Brunnen, dann den Kranken, den er heilt. Der Aufbau ist
also wieder diiastisch. Bei Markus und Lukas ist sowohl die Bitte
des Kranken wie die Frage der Schriftgelehrten nur indirekt an-
gedeutet. Dann erst beginnt die eigentlidie Handlung. Und zwar
geht die Initiative von Jesus aus. Wir haben auch hier das chiastisdie
Schema. Jesus ruft den Kranken — er fragt nach dem Recht der
Sabbatheilung, sie schweigen — er sieht sie zornig an und heilt.
Das Schweigen ist bei Lukas nicht ausdrüeklicii erwähnt. Wie in
den drei vorigen Geschiditen bildet das letzte Wort Jesu gleich-
zeitig die Antwort in der vorhergehenden Unterredung und die
Hilfe für den Hilfesuchenden. Es ist darum deutlidi der Höhepunkt
der Erzählung, die einen straffen Aufbau hat. Auffällig ist in
dieser Geschichte bei allen drei Evangelisten das starke Zurück-
treten des Kranken und der Gegner gegenüber Jesus, der fast allein
handelt. Der dialogische Aufbau ist dadurch nicht sehr scharf aus-
geprägt, aber dodi, besonders bei Markus und Lukas, kurz und
prägnant. Der A.bsdiluß bezieht sich mehr auf den Streit als auf
das Wunder.
Heilung der verkrümmten Frau am Sabbat (Lk. 13, 10 — 17).
Er lehrt in der Synagoge am Sabbat
3J«
H
Dort ist eine verkrümmte Frau
Heihmgswort und Handauflegung
Heilung
Sie lobt Gott
Vorwurf des Synagogenvorstehers
Spruch von der Tränkung des Viehs am Sabbat
W
Beschämung der Gegner
Freude des Volks
Der Aufbau dieser Gesciiichte zeigt die Behandlung der beiden
Themata nadieinander. Nacii der Einleitung wird von der kranken
Pereis,
50
Frau beriditet, deren Dasein die Initiative zur Heilung gibt. Dieser
Satz bildet mit der Heilung Jesu zusammen einen Gang, Einen
zweiten bildet das Wort des Synagogenvorstehers mit der Antwort
Jesu. Die Gesdiidite hat zwei Höhepunkte: Die Heilung und die
Antwort Jesu auf den Vorwurf. Auf den ersten folgt der Lobpreis
der Frau, auf den zweiten die Beschämung der Gegner und die
Freude des Volks. Der Aufbau ist dialogisch, geschlossen und einfach.
Heilung des Wassersüchtigen am Sabbat (Lk. 14, 1 — 6).
Er ist am Sabbat bei einem Führer der Pharisäer eingeladen
c
Ci
Ein Wassersüchtiger ist da
Jesus fragt: Ist Sabbatheilung erlaubt?
Schweigen
Heilungsvollzug
Frage nach dem Sohn oder Rind im Brunnen
Ausbleiben der Antwort
Diese Erzählung steht der ersten Sabbatheilung nahe. Nach der Ein-
leitung besteht sie aus zwei Gängen, deren Inhalt chiastisdi auf-
gebaut ist: Initiative durch das Dasein des Kranken — Frag© Jesu,
Schweigen — Heilung. Dann setzt aber die Erzählung noch einmal
ein mit einem neuen Gang, der das Wort vom Tier im Brunnen in
Frageform bringt und dann das Verstummen der Gegner beriditet.
Die ganze Geschichte ist sehr kurz erzählt; die Höhepunkte liegen
bei der Heilung, die wieder gleidizeitig Antwort in der Sabbatfrage
und Hilfe für den Kranken darstellt, und in dem Spruch vom Tier
im Brunnen. Durch diese Uneinheitlichkeit verliert die Geschichte
trotz der Kürze ihre Prägnanz.
Zu der Gruppe derjenigen Geschichten, die den Vollzug eines
Wunders durch Jesus berichten, gehören außer den Sammelberich-
ten, die nicht einzeln aufgezählt werden sollen, noch einige Einzel-
heilungen, die infolge ihrer Kürze den Übergang bilden von den
gewöhnlichen Wunderberichten zu den Sammelheilungsberichten. —
Bei allen drei Evangelisten ist die Heilung der Schwiegermutter
Petri beriditet (Mt. 8, 14 f.; Mk. 1, 29—31; Lk. 4, 38 f.).
51
35«
Er kommt in das
Haus des Simon u.
sieht dessen kranke
Schwiegermutter
E
Er kommt in das
Haus Simons
Seine Schwieger-
mutter ist krank
E
Er kommt in das
Haus Simons
Seine Schwie^er-
miitter hatte Fieber
H
Heilung mit Be-
rührung
Eintritt d. Heilung
a
n
H
Sie sagen es ihm
Heilung mit Be-
rührung
Eintritt d. Heilung
ß
H
Sie bitten ihn
Heilung mit Be-
rührung
Eintritt d. Heilung
K
Sie dient ihm
K
Sie dient ihnen
K
Sie dient ihnen
Die Gesdiidite entspricht im Aufbau den behandelten Wunder-
gesdbiditen der einfachen Art. Nur ist jeder Zug ganz kurz bei ihr
abgetan. Sie hat einen Gang: Bitte (bei Matthäus Initiative durch
das Dasein der Kranken) — Heilung. Gewisse Ähnlichkeit besteht
zwischen dieser Erzählungsart und der Matthäusfassung der Er-
weckungsgeschichte von der Tochter des Synagogenvorstehers.
Heilung eines stummen bzw. eines blinden
und stummen Dämoniscben
(Mt. 9, 32—34; Lk. 11, 14 f.; Mt. 12, 22—24).
55«
Sie bringen ihm
einen Dämonischen
55«
Sie bringen ihm
einen Dämonischen
^H
Austreibung und
Heilung-
ß
H
Austreibung
Der Stumme spricht
ßn
Austreibung und
Heilung-
W
Staunen der Menge
W
Staunen der Menge
w
Staunen der Menge
Wx
Anklage der
Pharisäer
Wi
Anklage der
Pharisäer
Wx
Anklage der
Pharisäer
Dies Wunder ist in allen drei Fassungen nach dem üblichen Schema,
nur sozusagen im Abriß, erzählt. Da es zur Einleitung der Ge-
sdiidite von der Beelzebubanklage dient ^^), ist jedesmal die Wir-
kung verhältnismäßig ausführlidi dargestellt.
22) Daß man mit Bultmann S. 226 nadi G, syr. sin. Mt. 9, 34 als später
eingedrungen anzusehen hat, ist unwahrsdieinlich, da ein Ausfallen des
an dieser Stelle zusammenhanglosen Verses dodi viel leichter zu erklären
ist als ein Hinzukommen.
52
Hierher gehört als Letztes auch noch die Heilung des Ohrs des
Hohenpriesterknechts, die Lukas 22, 51 berichtet. Dort wird nur
in einem Satz die Heilung durch Berührung erzählt.
Bei allen bisher behandelten Wundern wurde die Ausführung
der Machttat durch Jesus — mit sofort eintretendem Erfolg — be-
richtet. Der Satz oder die beiden Sätze, in denen dies beides stand,
bildeten, von Ausnahmen abgesehen, Pointe und Höhepunkt der
Geschichte. Bei den im folgenden zu behandelnden Erzählungen,
bei denen diese feste Mitte nidit besteht, ist darum der A.ufbau
stärker aufgelockert. Es ist auch ihre Verwandtschaft untereinander
viel weniger eng als bei den schon bearbeiteten Wundern.
Einen Übergang von der vorigen zu der neuen Gruppe von Wun-
dern bildet die Heilungsgeschichte der zehn Aussätzigen (Lk. 17,
11 — 19). Nach Einleitung (Vers 11) und vorbereitendem Satz (V. 12)
zerfällt die Erzählung in zwei Szenen. Zuerst die Heilungsszene.
Sie besteht aus einem Gang: Bitte und Antwort Jesu. Die Antwort
schließt im Gegensatz zu den früheren Wundern kein Heilungswort
in sidi, aber da die Vorstellung bei den Priestern nur nach einge-
tretener Gesundung Sinn hat, doch die Verheißung der Heilung.
Ihr Eintritt wird dann berichtet. Er geschieht auf dem Wege zu
den Priestern. Dann folgt die zweite Szene, die völlig Ausspruchs-
erzählung ist, nur im Schluß an die Wundergesciiichten erinnert.
Sie besteht ebenfalls aus einem Gang: Dank des Samariters —
Tadel der Juden gegenüber dem Samariter, Zuspruch für ihn.
Durdi die Trennung von Wunderwort imd Eintritt des Wunders
wird dieses noch stärker aus dem Vordergrund gerückt als bei
den bisher behandelten Geschichten, die außer der Machttat noch
ein wichtiges Motiv hatten; der geschlossene Aufbau der Wunder-
geschichte fehlt hier. Als Höhepunkt erscheint das Wort Jesu, das
den Samariter im Gegensatz zu den Juden lobt. Alles Vorher-
gehende wirkt als Einleitung dazu. Das letzte Wort Jesu an den
Geheilten steht hier wie bei dem blutflüssigen Weib (Mk. 5, 34;
Lk. 8, 48) als nachträgliche Bestätigung der Heilung da. Es sollte im
Sinne des Evangelisten wohl zur Vertiefung ihres Verständnisses
bei dem Geheilten dienen. Doch wirkt es im Aufbau als Anhängsel.
Die Speisung der 5000 (Mt. 14, 13—21; Mk. 6, 30—44; Lk. 9,
10 — 17). Bei dieser Geschichte kann man schwer von einem „Auf-
bau" sprechen. Sie entbehrt jeder Stilisierung. Sie stellt die ein-
53
fadie Erzäklung eines Vorgangs dar. Nadb. einer langen Einleitung
läuft die Gescbidite in Gesprächen, die von den einzelnen Evange-
listen sehr selbständig geformt werden, auf das Wunder zu. Dies
wird nur als Tatsadie konstatiert, durdi 2 Belege: die Sättigung
und das Aufheben der Brocken. Der Vollzug des Wunders durdi
Jesus wird nicht beriditet. Man kann annehmen, daß entweder das
Dankgebet oder der Auftrag der Verteilung an die Jünger die Ver-
heißung des kommenden Wunders in sich birgt. Den Höhepunkt
der Gesdiichte möchte man am ersten in dem Dankgebet sehen.
Dodi kann man, da das Wunder doch erst nadilier gesdiieht, auch
an die Konstatierung als Höhepunkt denken.
Die Speisung der 4000 (Mt. 15, 32—39; Mk. 8, 1—10). Diese Ge-
schichte ist nach dem Schema der vorigen erzählt, nur viel
gedrängter. Dadurch steht sie den zuerst behandelten Wundern
etwas näher. Über Vollzug und Eintritt des Wunders, sowie über
den Höhepunkt der Geschichte ist bei dieser Erzählung dasselbe zu
sagen wie bei der vorigen.
Der Fischzug des Petrus (Lk. 5, 1 — 11). Diese Gesciiichte zerfällt
wieder in zwei Teile: der wunderbare Fang und das darauf fol-
gende Gespräch zwisdien Jesus und Petrus. Nach einer langen
Einleitung bringt der erste Teil den Befehl Jesu, der also hier die
Initiative ergreift, und das gehorsame Wort Petri. Dann wird der
Eintritt des Wunders ausführlich erzählt. Im zweiten Teil finden
wir erst den Schrecken des Petrus und seiner Genossen und sein
Wort an Jesus, dann Jesu Wort vom Menschenfangen erzählt. Die
Verheißung des eintretenden Wunders liegt in dem Befehlsw^ort an
Petrus. Den Höhepunkt der Geschichte bildet das Wort vom
Menschenfangen und der letzte Satz, der die Nachfolge der Fisdier
berichtet. A,udi in dieser Geschichte ist der gewöhnliche Wunder-
aufbau niciit vorzufinden, und das Wunder ist wie bei der Aus-
sätzigenheilung, Lk. 17, Einleitung einer Aussprudierzählung.
Die Verfluchung des Feigenbaums (Mt. 21, 18—22; Mk. 11,
12 — 14; 20 — 25). Hier liegt der Fall insofern anders, als in einem
Wort Jesu die kommende Machttat ausgesprodien ist. In der Mar-
kusfassung gehört das Wunder trotzdem in diese Gruppe, weil die
Erzählung seines Eintretens von dem Wort getrennt ist. Der erste
Teil ist bei Markus keine Wundergeschichte.
54
35«
B
H
Jesus hungert. An dem Baum
findet er keine Feigen
Verfluchung
Eintreffen des Fluchs
^«
G
B
Jesus hungert. An dem Baum
findet er keine Feigen
Es war nicht Zeit für Feigen
Verfluchung
Als Höhepunkt des ersten Teils ist die Verfludiung anzusehen.
Er hat bis auf das fehlende Wunder ganz den Aufbau der zuerst
behandelten Wundergesdiiditen. Bei Matthäus ist auch dies gleich
berichtet, so daß bei ihm die Geschichte zu den Wundern mit sofort
eintretendem Erfolg gehört. Der Aufbau ist: Initiative durcih Jesu
Hungern und den verdorrten Feigenbaum — Verfluchung. Der zweite
Teil besteht bei Matthäus aus der Frage der Jünger und der Ant-
wort Jesu. Bei ihm hat die Geschidite zwei Höhepunkte: die Ver-
fluchung und der Erfolg, und Jesu Wort vom Glauben. Bei Markus
wird das Wort vom Glauben am nächsten Tage an die Feststellung
des eingetretenen Wunders angeknüpft. Das Wunder ist nur kurze
Einleitung. Bei ihm kann man also auch den zweiten Teil keine
Wundergeschichte nennen.
Der Stater im Fischmaul (Mt. 17, 24 — 27). Diese Gesdiichte gehört
an die Seite des ersten Teils der vorigen bei Markus. Sie enthält
ebenfalls die Beschreibung eines kommenden Wunders durch Jesus
ohne den Eintritt desselben. Doch bildet dies Wort Jesu nur den
Schluß des Gesprächs über die Tempelsteuer. Von einer Wunder-
geschichte ist darum nicht zu sprechen.
Die Beschaffung der Eselin (Mt. 21, 1—6; Mk. 11, 1—6; Lk. 19,
29 — 34) gehört ebenfalls zu dieser Gruppe von Geschichten. Sie ent-
hält die Beschreibung eines kommenden wunderbaren Geschehens
durch Jesus und — im Gegensatz zu der vorigen — auch das Ein-
treffen der Worte Jesu, das Markus und Lukas ausführlich bringen,
Matthäus nur kurz berichtet.
Die Vorbereitung des Passahmahls (Mt. 26, 17 — 19; Mk. 14,
12 — 16; Lk. 22, 7 — 13) ist dieser Geschichte ganz an die Seite zu
stellen.
Das Meerwandeln (Mt. 14, 22—35; Mk. 6, 45—52). Dieses Wunder
ist mit keinem der vorhergehenden zusammenzufassen. Nadi der
Einleitung wird sofort der wunderbare Vorgang berichtet, dessen
Gegenstand Jesus selbst ist. Dadurch hat diese Gesdiichte ganz
ihren besonderen Charakter, den sie eigentlich nur mit den Auf-
55
ersteliungsgesdhidh.teii und der Verklärung teilt. Die Wirkung des
Wunders ist die Furdit der Jünger. Es folgt ein ermutigendes Wort
Jesu. Bei Markus scMießt dann die Gesdiidite mit der nodimaligen
Erwähnung des Entsetzens der Jünger. Matthäus bringt danach
eine Erzählung von Petrus, die im Aufbau zur ersten Wunder-
gruppe zu rechnen ist:
A
B
H
G
Ai
Bitte des Petrus
Gewährung
Petrus geht auf den Wassern
Er fürchtet sich und sinkt
Hilferuf
Rettung und Tadel des Unglaubens
Es sind eigentlich zwei Wunder, die geschehen. Auf seine Bitte
kann Petrus auf den Wellen gehen. Sein Versinken ist die Einlei-
tung zu dem zweiten Wunder: auf seinen Hilferuf rettet ihn Jesus.
Von den Wundern der ersten Gruppe unterscheidet sich dies trotz
der Verwandtschaft im Aufbau sehr bedeutend durch zwei Dinge:
1. Im Aufbau. Es fehlt der Höhepunkt; die ganze Geschichte spielt
in der Sphäre des Wunders; es ist nicht eine besondere Madittat
hervorgehoben. 2. Inhaltlich. Das Ganze ist eine durch Wunder-
handlungen gegebene Belehrung, die Mahnung zum Glauben. Es
ist keine wirkende Tat geschehen. — Zum Schluß spricht Matthäus
im Gegensatz zu Markus nidit vom Entsetzen, sondern von Anbe-
tung und Bekenntnis der Jünger.
Beim Rückblick ergibt sich folgende Einteilung der Wunder-
geschichten nadi ihrem Aufbau:
I. Die Wunder, deren Vollzug und sofortiges Eintreten beridi-
tet ist.
1. In dieser Gruppe gibt es einige Geschichten mit gedrängtem,
prägnantem Aufbau, die Wundervollzug und Wundereintritt als
Höhepunkt haben (Der Besessene in der Synagoge von Kaper-
naum, der Aussätzige, der Seesturm [Markus und Lukas], die Blut-
flüssige [Matthäus], die Blinden [Mt. 9], der Feigenbaum [Mat-
thäus]).
2. Einige Wunder haben den gleichen Aufbau, aber seine Aus-
prägung und der Höhepunkt ist durch die kurze Erzählungsweise
abgeschwädbt; insbesondere ist Heilungswort bzw. -tat Jesu nur
56
angedeutet (Seesturm [Matthäus], Jairi Töchterlein [Matthäus], die
Schwiegermutter Petri, die Dämonischen [Mt. 9; Lk. 11; Mt. 12],
das Ohr des Hohenpriesterknedats).
3. Bei einzelnen Erzählungen ist durdi Ausmalung von Einzel-
zügen die Klarheit des Aufbaues beeinträchtigt, doch tritt er nodi
stets deutlich hervor. Hierher ist die Taubstummenheilung (Mk. 7),
die Geschichte vom gerasenischen Besessenen (Matthäus) und die
Heilung des Bartimäus nadti Markus und Lukas zu rechnen. Bei der
Matthäusfassung dieser Geschichte und der Matthäus- und Lukas-
fassung der Heilungsgeschithte vom epileptischen Knaben ist der
Aufbau nodb stärker durch den abrißhaften Bericht des Heilungs-
vollzuges beeinträchtigt. Das Abschwächungsmotiv der Gruppe 2
kommt da nodi hinzu.
4. Bei einzelnen Wundern hat durch die Freude an der Darstel-
lung des wunderbaren Wirkens Jesu oder das Interesse an einem
lehrhaften Einzelzug der durch Rede und Gegenrede, Handlung
und Gegenhandlung und Zulaufen auf einen Höhepunkt bestimmte
straffe A,ufbau keinen Platz. Doch schimmert er auch hier teilweise
durch. Zu dieser Gruppe sind zu rechnen: Der gerasenisdbie Beses-
sene (Markus und Lukas), die Blutflüssige (Markus und Lukas), der
Blinde von Bethsaida, der epileptisdie Knabe (Markus), der Jüng-
ling von Nain.
Die Wunder, die audd Ausspruchüberlieferung enthalten, gehören
großenteils der Gruppe 1 an, nämlich die Kanaanitin, der Haupt-
mann von Kapernaum (Matthäus) — dodi ist der Höhepunkt hier
der Ausspruch, der das Glaubenslob enthält, nicht das Wunder-
wort — , der Gichtbrüchige, die Sabbatheilungen. Die Heilung der
verkrümmten Frau nimmt aber eine Sonderstellung ein, weil in ihr
Wunder- und Aussprudigesdbichte jede ihren besonderen Höhe-
punkt haben. Die Lukasüberlieferung der Geschichte vom Haupt-
mann zu Kapernaum ist zu Gruppe 4 zu rechnen.
H, Die Wunder, deren Vollzug nicht berichtet ist. Der Aufbau
dieser Gesciiichten ist sdion dadurch ganz anders, daß ihnen der
feste Mittel- und Höhepunkt fehlt: das Machtwort oder die Macht-
tat und der sofort folgende Eintritt des Wunders.
1. Es heben sich die Wunder heraus, bei denen die Initiative von
anderer Seite an Jesus herangebracht wird: Die Verfluchung des
Feigenbaums, die Heilimg der 10 Aussätzigen, das Meerwandeln
57
Petri stehen im Anfang den Wundergesdbiditen der Abteilung I
nahe. Nur laufen sie dann anders weiter. Die Unkonzentriertheit
des Wunders selbst madbt sie ganz andersartig als die früheren.
2. Bei einigen Wundern ergreift Jesus selbst die Initiative. Es han-
delt sich um Petri Fischzug, den Stater im Fischmaul, die Beschaffung
der Eselin und die Vorbereitung des Abendmahls. Bei ihnen besteht
das Wunder in einem wunderbaren Vorherwissen J^su, das er aus-
spricht. So liegt hier noch weniger eine Machttat vor, die den Höhe-
punkt einer Geschidite bilden könnte. Von einem „Aufbau" ist in
diesen Geschichten eigentlich gaip niciit zu reden. Sie haben auch
keine Selbständigkeit, sondern sind Einleitung oder Abschluß von
anderen Erzählungen. Auch in den Speisungsgeschichten tut Jesus
von sich aus das Wunder. Sie enthalten nidit einmal die Ankün-
digung der kommenden Brotvermehrung und sind stark volkstüm-
lich ausgestaltete Erzählungen ohne konzentrierten Aufbau. Am
meisten zeigt das die erste Geschichte, während die zweite abriß-
hafter und blasser erscheint.
Eine eigene Stellung nimmt das Meer wandeln Jesu ein. Von
einem Aufbau im Sinne der Wunder der ersten Gruppe ist hier
keine Spur vorhanden. Es ist die Beschreibung eines wunderbaren
Vorgangs und seiner Folgen.
Die hier gegebene Einteilung der Wundergesciiichten will nicht
eine scharf abgrenzbare Eigenart einer jeden Gruppe behaupten.
Nur die Einteilung von I und II ist deutlidi und objektiv feststell-
bar. Bei den einzelnen Unterabteilungen kommen stets Übergänge
vor, so daß die Zuteilung oft vom subjektiven Urteil abhängt. Sie
ist nur gegeben, um zu zeigen, daß die Formen der Wunder-
geschichten sich als eine Kette vom ganz einfachen, prägnanten,
dialogischen Aufbau zur durch Ausmalung des Wunders oder
starke Hervorhebung von Nebenmotiven wesentlich bestimmten Er-
zählung darstellen. Wie verhält sidi die hier gegebene Einteilung
zu den in den bisherigen formgeschichtlichen Untersudiungen vor-
geschlagenen? Dibelius' Einteilung in „Paradigmen" und „Novel-
len" ist für die Wundergeschichten nicht sehr ausgiebig. Seine
reinen „Paradigmen" enthalten zwei Wunder, die gleichzeitig Aus-
sprudberzählungen sind und daher ihren prägnanten Stil haben.
Unter den „Paradigmen minderreinen Stils" findet sich noch eine
derartige Erzählung, sowie eine Dämonischenheilung. Die meisten
Wundergeschichten rechnet er zu den Novellen, einige sieht er als
58 __««»
Übergang vom Paradigma zur Novelle an. Er sagt, die formalen
Kriterien seien bestimmt, subjektive Willkür auszuscheiden^^),
bringt sie aber selbst wieder durdi sein Ausgehen vom „Sitz im
Leben" hinein. Fasdhier hat bereits die Unhaltbarkeit der Tren-
nung zwischen „Paradigma" und „Novelle" unter diesem Gesichts-
punkte gezeigt und dargetan, daß die Charakteristika der „Para-
digmen" auch bei „Novellen" und umgekehrt zu finden sind***). Bei
den von Dibelius zu den Paradigmen gerechneten, also nach seiner
Meinung in verhältnismäßig ursprünglicher Form vorliegenden
Wundergeschichten '^^) ist zu fragen, ob die darin enthaltene Aus-
spruchüberlieferung geeignet war, eine alte Gestalt der Wunder-
geschidite zu bewahren, oder ob nicht vielmehr infolge des neben
das Wunder tretenden Ausspruchsmotivs ihr Charakter geändert,
ihre Gestaltung vereinfacht wurde. Innerhalb der Novellengruppe
ist nach dem Gesichtspunkt des Aufbaus eine weitergehende Dif-
ferenzierung möglich. Die Taubstummenheilung und der Seesturm
(„Novellen") stehen dem Aufbau nach der Dämonischenheilung
oder der Gichtbrüdiigenheilung („Paradigmen") viel näher als etwa
den Speisungen oder dem Meerwandeln. Infolge der sich hierin
zeigenden geringen Berücksichtigung der formalen Kriterien konnte
Dibelius' Einteilung dieser Untersuchung nicht zugrunde gelegt
werden.
Bultmann teilt die Wunder inhaltlich, nicht formal ein. Von der
Hauptmasse löst er die „apophthegmatischen" Wunder, die auch
formal ihren besonderen Charakter tragen, femer den Fischzug
Petri, den er zu den Legenden rechnet. Für unseren Zweck ist auch
seine Einteilung nicht verwendbar, weil das Formale zu sehr hinter
dem Inhaltlichen zurücksteht.
Wie steht es mit der Verwandtschaft der Wundergeschichten mit
der aynoptischen Ausspruchsüberlieferung? Bultmann hat bereits
darauf hingewiesen*^''), daß ein Gemeinsames in der alleinigen
Widitigkeit der Pointe innerhalb der Wunder- und Ausspruch-
geschichten liegt. Fascher hat ihm darin zugestimmt ^^). Albertz
berührt die Frage dort, wo er von der in den Wundem enthaltenen
23) 8.99.
24) 8.73—76.
25) Siehe Dibelius S. 26.
26) 8.235.
27) 8. 125 f.
59
Gesprädbsüberlieferung^^) und von dem Verhältnis vom Streit-
gesprädi zur Tatüberlieferung spridit"^). An der ersten Stelle be-
traditet er die Frage völlig vom Standpunkt der Gespräche und
sieht sie gewissermaßen als Fremdkörper innerhalb der Wunder-
überlieferung an, während sich uns in den vorausgehenden Unter-
suchungen für einen großen Teil der Wunder ein grundsätzlidi dia-
logischer Charakter ergeben hat. Auch an der zweiten Stelle, wo
Albertz die dadurch bestehende Verwandtschaft von Wunder und
Streitgespräch hätte erwähnen können, sieht er doch den AJbstand
viel stärker als das Gemeinsame. Allein, daß wir in den Dämonen-
geschiditen Parallelen zum Streitgespräch haben, stellt er fest.
Doch muß man dieser Verwandtschaft ausgedehntere Bedeutung
zuerkennen. Es ist so, daß Teile der Wortüberlieferung Teilen der
Wunderüberlieferung sehr fernstehen, daß aber je ein Teil, und
zwar ein beträditlicher Teil der Gesdiichten miteinander starke
Parallelen aufweisen. Das Gemeinsame möcihte man in drei Dingen
vorliegen sehen: 1. In dem dialogischen Charakter, den die Ge-
sprädh-e selbstverständlidh. haben, der aber aucii einem sehr großen
Teil der Wunder als für ihre Gestaltung wesentliches Moment
eignet. Es ist dabei zu beachten, daß es erst eine zweite Frage ist,
ob ein Anliegen oder eine Erwiderung durch direkte Rede, indirekte
Rede oder Handlung ausgedrückt ist. Der „dialogische" ^^) Charak-
ter leidet nicht darunter, wenn keine direkte Rede vorliegt, nur die
Prägnanz der Erzählung. Daß Albertz allein auf die direkte Rede
sah, war ein Grund dafür, daß ihm die Verwandtschaft von
Wunder- und Ausspruchüberlieferung in diesem Punkt schwerer
auffallen konnte ^^). Daß die Verwandtschaft bei direkter Rede
auch in der Tatgeschichte bei sonst gleichen Umständen stärker ist,
ist selbstverständlich. 2. Die prägnante Form der Erzählung. Sie
ist bei weniger Wundergeschichten anzutreffen als die unter
28) S. 119 ff.
29) S. 151f.
30) In dieser ganzen Arbeit ist unter Erweiterung des gewöhnlidien
Sprachgebrauchs „dialogisdi" für die Bezeidinung des Personenwechsels
in Gesprädi und Handlung einer Erzählung gebraucht, da der Dialog
das beste Bild für die prägnante Art der mit Wechselgesprädi gemischten
„Wechselhandlung" bietet.
31) Einen Ansatz hat Albertz in dieser Riditung, indem er S. 130 in dem
Verhör Jesu durch den hohen Rat ein Gesprächsglied durdi Jesu Schwei-
gen ersetzt sieht.
60
Punkt 1 bezeichnete Eigenart. Wo sie aber vorliegt, wird dadurdi
die Verwandtsdiaft stark erhöht. 3. Das Vorhandensein einer
Pointe, um die die ganze Geschidite sidi bewegt. — Es gibt bei
beiden Überlieferungsgruppen Abweisungen von einem oder meh-
reren dieser Punkte, die dann auch mandimal in der jeweilig ande-
ren Gruppe ihre Parallelen haben.
Es sollen im folgenden nun bestimmten Wundererzählungsformen
die entspredienden Aussprucherzählungsformen an die Seite gestellt
werden. Eine ausführlidie Untersuchung der Ausspruchgeschichten
ist nidhit erforderlich, da ihr Aufbau einfach ist und außerdem in
dem Albertzsdien Budi bereits sehr Widitiges erarbeitet ist.
Wundergesdiiditen mit nur einem Rede- oder Handlungsgang
gibt es nur wenige. Die Geschichte vom Dämonisdhien in der Syn-
agoge (Mk. 1, 23—28; Lk. 4, 33—37) hat den Aufbau: Einleitung,
Redegang, Folgen. Denselben, nur von Zwischenerzählung durch-
setzten Verlauf nimmt die Matthäuserzählung von den geraseni-
schen Besessenen (Mt. 8, 28 — 34). Ebenso, aber ohne Beridit von
Folgen der Tat, ist die Matthäusfassung von der Heilung der blut-
flüssigen Frau (9, 20 — 22) und die Markusfassung der Feigenbaum-
verfluchung (11, 12. — 14) gestaltet. Bei den drei zuerst genannten
Wundern ist der Eintritt der Heilung umnittelbar nadh dem Rede-
bzw. Handlungsgang berichtet. — Die Zahl der Ausspruchgesdiich-
ten mit einem Gesprädisgang ist sehr groß. In einer Erzählung
dieser Gruppe, der Matthäus- und Lukasfassung der Sadduzäer-
frage (Mt. 22, 23—33; Lk. 20, 27—40), ist von den Folgen des Jesus-
aussprudis die Rede. Hier haben wir also eine nahe Parallele zu den
beiden erstgenannten Wundergeschiditen. Bei den meisten Aus-
spruchgeschiditen mit einem Redegang finden wir nidits über die
Folgen berichtet. In dieser Beziehung stehen sie den beiden zuletzt
aufgezählten Wundern näher als den beiden ersten. Mit allen 4
genannten Wundergesdaidhten verbindet sie der gleidie Aufbau:
Einleitung — Initiative, die an Jesus herantritt — Wort- bzw.
Machttat Jesu (Höhepunkt). Hierher gehören folgende Aussprudi-
geschidhten: Die Unterredung beim ZöUnergastmahl (Mt. 9, 10 — 13;
Mk. 2, 15—17; Lk. 5, 29—52), die Täuferanfrage (Mt. 11, 2—6; Lk. 7,
18—25), Maria und Martha (Lk. 10, 58—42), die Matthäusfassung
der Frage nach dem größten Gebot (22, 34 — 40), die Salbung in
Bethanien (Mt. 26, 6—13; Mk. 14, 3—9). Von den Gesdiiditen mit
demselben Aufbau entfernen sich eine Anzahl durdh besondere
61
Eigensdiaften von der Parallelität mit denen der anderen Gattung
(die Wunder- von den Aussprudi-, die Aussprudi- von den Wunder-
erzählungen). Es sind dies von selten der Wundergesdiicbten: Die
Heilung der Sdiwiegermutter Petri (Mt. 8, 14 f.; Mk. 1, 29—31; Lk.
4, 38 f.) und die Dämonisdienheilungen (Mt. 9, 32—34; Mt. 12, 22—24;
Lk. 11, 14 f.), weil sie zu abrißhaft erzählt sind. An Aussprudi-
gesdiichten gehören hierher: 1. eine große Zahl solcher Gesdiidhten,
die nur eine ganz kurze Einleitung haben, z, B. die Seligpreisung
der Mutter Jesu (Lk. 11, 27 f.). Diese Gruppe steht den oben auf-
gezählten A,ussprudierzählungen noch sehr nahe; 2. die Geschiditen,
in denen sidi an die Initiative eines oder mehrerer Menschen eine
längere Rede Jesu oder eine Spruchreihe schließt, z. B. die Abwehr
des Vorwurfes des Teufelsbündnisses (Mt. 12, 24--57; Mk. 3, 22—30;
Lk. 11, 15 — 26); 3. Geschichten, in denen Jesus die Initiative er-
greift, z. B. die Beruf ungsges'ciiichten (Mt. 4, 18—22; Mk. 1, 16—20).
Einen gewissen Übergang von den eingängigen zu den zwei-
gängigen Wundergesdiichten bilden diejenigen, bei denen der Höhe-
punkt am Ende des ersten Ganges liegt und der zweite das Ver-
breitungsverbot enthält. Von diesen stehen den Ausspruchgeschich-
ten infolge ihrer stark dialogischen Gestaltung und des prägnanten
Höhepunkts die Aussätzigenheilung (Mt. 8, 1 — 4; Mk. 1, 40 — 45,
Lk. 5, 12—16) und die Taubstummenheilung (Mk. 7, 31—37) nahe.
Bei letzterer ist freilich die Heilung ausführlicher beschrieben.
Zwei gängige Wundergeschichten, deren Aufbau aus Einleitung,
zwei Rede- oder Handlungsgängen, in denen jedesmal Jesus der
Handelnde der zweiten Phase ist, und Sciduß besteht und deren
Höhepunkt am Ende des zweiten Ganges ist, sind die Matthäus-
fassung der Seesturmgeschichte (8, 23 — 27) ^^), die Heilung des
Gichthrüchigen (Mt. 9, 1—8; Mk. 2, 1—12; Lk. 5, 17—26), die Mat-
thäusfassung der Heilung der verdorrten Hand (12, 9 — 14) ^^). Den
gleichen Aufbau haben von Ausspruchgeschiditen die Markus- und
Lukasfassung der Geschichte vom reichen Jüngling (Mk. 10, 17 — 22;
Lk. 18, 18 — 23) und die Geschichte von der Kaisersteuer (Mt. 22,
15—22; Mk. 12, 13—17; Lk. 20, 20—26). Es ist aber zu beachten, daß
in den Wundergeschichten dieser Gruppe jedesmal die „Gegen-
spieler" Jesu wechseln, während sie in den Aussprudigeschichten
32) Doch ist hier der Aufbau ciiiastisch: Jesus beginnt den zweiten
Gang.
62
gleidi bleiben. Ohne die Schltißbemerkung haben denselben Auf-
bau die Gesdiiditen vom Hauptmann von Kapernaum (Mt. 8,
5 — 15; Lk. 7, 1 — 10) und von der kanaanäischen Frau in der Mar-
kusfassung (Mk. 7, 24 — 30). Den Höhepunkt nicht am Ende hat bei
zweigängigem Aufbau der Markus- und Lukasbericht vom See-
sturm (4, 35 — 41 bzw. 8, 22 — 25), der dadurch in Parallele zu der
Markusfassung der Frage nadi dem größten Gebot (12, 28 — 34)
rückt. Jesus beginnt die Handlung in allen Sabbatheilungs-
gesdiichten bis auf die sdion aufgezählte Heilung der verdorrten
Hand bei Matthäus (Mk. 3, 1—6; Lk. 6, 6—11; — 13, 10—17; —
14, 1 — 6), sowie der Zachäusgeschichte (Lk. 19, 1 — 10) *^) und der
Markusfassung der Geschichte vom Rangstreit (Mk. 9, 33 — ^37). Hier
sind die eingängigen Ausspruchgeschichten, in denen Jesus die
Handlung beginnt, noch einmal zu nennen, die bei den ein gän-
gigen Wundergesdbichten keine Parallele hatten.
Von zweigängigen Erzählungen stehen weiter entfernt: die
Wundergeschichten von der Heilung der Blutflüssigen nadi Markus
und Lukas (5, 25 — 34 bzw. 8, 43 — 48), von der Heilung des gera-
senischen Besessenen nach Markus und Lukas (5, 1 — 20 bzw. 8,
26 — 39) ^), die Heilung des epileptischen Knaben nadi Lukas (9,
37 — 43a) und die Heilung der zehn Aussätzigen (Lk. 17, 11 — 19);
die Ausspruchgeschiciite von Jesu Predigt in Nazareth (Lk. 4,
16 — 30) — sämtlich, weil ihnen das prägnante, dialogisch zuge-
spitzte Element gänzlich fehlt.
Bei den drei- und mehrgängigen Erzählungen werden natur-
gemäß die direkten Parallelen seltener auftreten, weil die Varia-
tionsmöglichkeiten bereits sehr groß sind. Zu der Blindenheilung,
Mt. 9, 27 — ^31, die einen sehr prägnanten dialogischen Charakter
trägt, ist das Petrusbekenntnis nach Markus und Lukas (8, 27 — 30
bzw. 9, 18 — 21) zu stellen, das im Aufbau sehr ähnlich ist: Beide
haben drei Gänge; ihr Höhepunkt liegt in der zweiten Phase des
zweiten Ganges und sie fallen mit dem dritten Gang ab, der das
Verbreitungsverbot enthält. Sie unterscheiden sidi dadurch, daß in
55) Dodi schließt die Anwesenheit der Kranken und Gegner bei den
Sabbätheilungen und des Zachäus in dieser Geschidite gewissermaßen die
Anregung in sidi, auf die hin Jesus dann spridit oder handelt.
54) Hier ist das ansdiließende Gesprädi mit dem Geheilten nicht mit zu
den zwei Gängen gerechnet, weil es nach einer Zwischenerzählung völlig
neu einsetzt.
63
der Aussprudigesdiiciite Jesus die Handlung beginnt, während er
in der Wundergeschidite gebeten wird. Außerdem ist die Leidens-
verkündigung mit dem neuen Petrusgesprädi — bei Lulcas beson-
ders eng — an die Gesdiichte angeschlossen. Die Matthäusfassung
(16, 13 — 20), die an sich den gleichen Aufbau hat, bringt einen
doppelten Höhepunkt durcii das Verheifiungswort an Petrus. Den
gleichen Aufbau wie die Blindenheilung bei Mt. 9, aber den Höhe-
punkt am Ende des dritten Ganges, hat die Matthäusfassung der
Geschichte vom reichen Jüngling (19, 16 — 22), die ihr auch insofern
nahesteht, als hier der „Gegenspieler" die Handlung beginnt. Die
Eigenschaft, daß mehrere Pointen da sind, haben bei sonst
prägnantem Aufbau die viergängige Wundergeschichte von der
Kanaanitin nach, Matthäus (15, 21 — 28), die dreigängige Heilungs-
geschichte des Wassersüch-tigen (Lk. 14, 1 — 6) und parallel dazu das
dreigängige Gespräch über den Ansprucii der Söhne Zebedäi
(Mt. 20, 20—28; Mk. 10, 35—45), die dreigängige Versudiungs-
geschichte (Mt. 4, 3 — 11; Lk. 4, 3 — 15) und die dreigängige Gesdiiciite
vom Gespräch der Emmausjünger mit dem Auferstandenen, in dem
aber Jesus die Handlung beginnt (Lk. 24, 13 — 29). Den gleichen
Aufbau bei Wedisel der „Gegenspieler" Jesu hat die Geschichte
von der Ehescheidungsfrage (Mt. 19, 1—12; Mk. 10, 1—12). Die
Prägnanz des Aufbaues ist geringer oder fehlt bei sonst gleidien
Eigenschaften in der bei Matthäus dreigängigen, bei Markus und
Lukas viergängigen Geschicihte von der Erweckung der Todb.ter des
Synagogenvorstehers tMt. 9, 18 f.; 23—26; Mk. 5, 21—24; 55—43;
Lk. 8, 41 f.; 49 — 56), der dreigängigen Blindenheilung bei Bethsaida
(Mk. 8, 22 — 26), der bei Matthäus dreigängigen, bei Markus und
Lukas viergängigen Blindenheilung bei Jericho (Mt. 20, 29 — 34;
Mk. 10, 46—52; Lk. 18, 55—45) und schließlich der bei Matthäus (17,
14 — 21) dreigängigen, bei Markus (9, 14 — 29) siebengängigen Ge-
sciiichte von der Heilung des epileptischen Knaben, von A,usspruch-
gesdbichten in der fünfgängigen von der Sünderin in Simons Haus
(Lk. 7, 56 — 50). In ihrem wesentlichen Aufbau keine Verwandt-
schaft mit den Ausspruchgeschichten haben, weil der Vollzug des
Wunders keinen dialogischen Charakter trägt, die Speisungs-
geschichten (Mt. 14, 15—21; 15, 52—59; Mk. 6, 51—44; 8, 1—10;
Lk. 9, 11—17), Jesu Meerwandeln (Mt. 14, 22—27; 51; Mk. 6, 45—50),
Petri Fisc^izug (Lk. 5, 1—11), die Tempelsteuer (Mt. 17, 27), die Be-
schaffung der Eselin (Mt. 21, 1—6; Mk. 11, 1—6; Lk. 19, 29—54),
64
die Vorbereitung des Passahmahls (Mt. 26, 17—19; Mk. 14, 12—16;
Lk. 22, 7 — 13). Durdi das FeUen eines „Gegenspielers" entfernt
sidi die Erweckung des Jünglings von Nain (Lk. 7, 11 — 17) von den
Aussprucherzählungen.
Die Verwandtschaft im Aufbau, die zwischen dem größten Teil
der Wundergesdiiditen und den Aussprudigesdbiidbtten bestellt, be-
sonders ihr gemeinsamer dialogisier Charakter, hat zur Folge, daß
ein neben das Wunder tretendes Aussprudhthema keine wesentlidie
Veränderung des Aufbaus mit sich bringt. So empfindet man bei
den Sabbatheilungen, der Gichtbrüchigengesdiichte, der Geschidite
von der Kanaanitin keinen wesentlichen Unterschied von der Form
etwa der Aussätzigenheilung, zumal beide Themata in den meisten
Fällen durch ein Wort Jesu — das Heilungswort — die endgültige
Beantwortung finden. Im Gegensatz dazu stehen Wundergeschich-
ten wie die Speisungen und Petri Fischzug, die mit Dialogen durch-
setzt sind, bei denen aber das dialogische Element nicht die Grund-
lage des Aufbaus bildet. Bei ihnen stehen die Dialoge nicht in, son-
dern neben dem eigentlichen Wunder.
Neben die rein formalen Parallelen zwischen Ausspruch- und
Wundererzählung treten die inhaltlichen. Einen Übergang dazu
bildet die Bedeutung des Worts in beiden Geschichtengruppen.
Nachdem bisher die Unterscheidung zwischen Wort und Handlung
im Aufbau der Erzählungen zurückgestellt wurde und allein die
Äußerungen Jesu und seines oder seiner Gegenspieler Berücksich-
tigung fanden, ist nun darauf Wert zu legen, daß das starke Her-
vortreten des Wortes in den Aussprucherzählungen und einem
großen Teil der Wundergeschiciiten eine neue widitige Parallel-
erscheinung ist. Es muß festgehalten werden, daß selbstverständ-
lich diese Tatsache auch die Grundlage der rein formalen Parallele
im Aufbau ist, die wir bisher behandelten. Durdi das Wortelement
der Wundergeschichten entstand im hohen Maße ihr dialogischer
Charakter, ihre Prägnanz, ihr Zulaufen auf einen Höhepunkt. Trat
an Stelle des Wortes eine Handlung oder wurde es auch nur zu
indirekter Rede abgeschwächt, so bedeutete das bereits eine gewisse
Verringerung der Parallelität, wenn auch keine Aufhebung. Ande-
rerseits ist zu beachten, daß die durch die hervorragend wichtige
Stellung des Maciitworts in den Wundergeschichten geschaffene
Parallele mit dem Pointenwort der Aussprucherzählungen fast das
65
gesamte Material umfaßt und auch, oft da Platz hat, wo im übrigen
kein prägnant-dialogisdbier Aufbau der Wundergeschdciiten festzu-
stellen ist. Es ist bereits von der zentralen Bedeutung des Worts in
ihnen die Rede gewesen^®). Das wunderwirkende Machtwort Jesu
bildet in den meisten Fällen ihren Höhepunkt wie sein lehrendes
oder verkündendes in den Aussprucherzählungen. Deutlich kommt
die zentrale Stellung des Worts in der Wunder- wie der Aus-
sprudiüberlieferung bei der synoptischen Vergleiehung zum Aus-
druck. Sehr oft sind in beiden Uberlieferungsgruppen die bedeut-
samen Worte in den drei Quellen stärker parallel als der um-
gebende Text'^^). Es seien genannt ^''^) : in der Dämonischenheilung
in der Synagoge das Heilungswort (Mk. 1, 25; Lk. 4, 55), in der Aus-
sätzigenheilung das Heilungswort (Mt. 8, 5; Mk. 1, 41; Lk. 5, 13)
und das Verbreitungsverbot (Mt. 8, 4; Mk. 1, 44; Lk. 5, 14), das
Heilungswort an den Gichtbrüchigen (Mt. 9, 6b; Mk. 2, 11; Lk. 5,
24 b), das Heilungswort an den Mann mit der verdorrten Hand
(Mt. 12, 15; Mk. 5, 5; Lk. 6, 10), in der Geschichte von der Heilung
des epileptischen Knaben der Tadel des Unglaubens (Mt. 17, 17;
Mk. 9, 19; Lk. 9, 41), das Wort an den bzw. die Blinden (Mt. 20, 52;
Mk. 10, 51; Lk. 18, 41), das Wort über den Glauben des Haupt-
manns von Kapernaum (Mt. 8, 10; Lk. 7, 9), das Wort beim Meer-
wandeln an die furchtsamen Jünger (Mt. 14, 27; Mk. 6, 50); in den
Aussprucherzählungen: das Wort, mit dem der Zöllner berufen
wird (Mt. 9, 9b; Mk. 2, 14b; Lk. 5, 27), die Verteidigung des Zöll-
nerverkehrs (Mt. 9, 12; 15 b; Mk. 2, 17; Lk. 5, 51 f.), die Antwort auf
die Fastenfrage (Mt. 9, 15; Mk. 2, 19 a; 20; Lk. 5, 54 f.), die Antwort
an den Täufer (Mt. 11, 5 f.; Lk, 7, 22 f.), der Spruch von den wahren
Verwandten (Mt. 12, 49b— 50; Mk. 5, 54b— 55), das Wort nach der
Verwerfung in Nazareth (Mt. 13, 57; Mk. 6, 4), die Antwort an die
Söhne Zebedäi (Mt. 20, 25; Mk. 10, 59 f.), das Wort, das die Zins-
groschenfrage beantwortet (Mt. 22, 21 b; Mk. 12, 17; Lk. 20, 25). Der
Einwand, diese stärkere Übereinstimmung der Rede gegenüber dem
umgebenden Text beweise nich.ts, weil sie in der ganzen synop-
55) Siehe oben S. 14.
36) Vgl. die mit synoptischen Parallelen zusammengestellten Worte aus
den Wundergesdiiditen oben 8. 3 ff.
37) Es sind hier soldie Worte aus den Wundergeschiditen berücksichtigt,
die entweder das Wunder befehlen oder als auf den Glauben bezüglidi
0. ä. mit dem Wunder in wesentlichem Zusammenhang stehen.
Pereis. 5
66
■MHMMMüriHltiM^MMMÜiltaMIMiMMHItai
tisdhen Überlieferung zu finden sei, ist nidit berechtigt. Denn er
bestätigt gerade, daß das Wort in den Wundergesdiiditen, wo wir
diese Übereinstimmung finden, dieselbe zentrale Stellung hat wie
in der übrigen Überlieferung, daß es nidit ein accidens, sondern
etwas Wesentliches für die Wundergesdiiditen darstellt ^^).
Die Bedeutung des Worts zeigt sidb. weiter darin, daß die
meisten synoptisdien Wundertaten durdi ein Wort vollzogen
gedadit werden. Eine ausführlidie Zusammenstellung dieser Worte
findet sidx im ersten Kapitel, Hier sei niu' nodi der Übersidit halber
ein kurzer Überblick gegeben: Ein Wunderwort ist in direkter Rede
überliefert in der Heilungsgesdiidite des Besessenen in der Syn-
agoge, des Aussätzigen^^), des Giditbrüdiigen, des Mannes mit der
verdorrten Hand^), der blutflüssigen Frau, in der Gesdiidite von
der Kanaanitin, bei der Heilung der zwei Blinden (Mt. 9) ^"), bei
der Auf erweckung des Jünglings zu Nain, in der Heilungsgesdiidite
des Taubstummen^^), der verkrümmten Frau^^). Nur in einem Teil
der Beridite sind wunderwirkende Worte in direkter Rede über-
liefert in der Gesdiidite vom Hauptmann zu Kapernaum (Mat-
thäus), in der Heilungsgesdiidite der gerasenisdien Besessenen
(Mlatthäus), in der Markus sdion vorher ein erfolgloses Heilungs-
wort bringt, bei der Auf erweckung der Toditer des Jairus^^), der
Heilung des epileptisdien Knaben, in der Sturmstillungsgesdiidite,
bei der Heilung des Blinden von Jeridio. Indirekt ist in einem Teil
der Beridite ein wunderwirkendes Wort angeführt bei der Heilung
der Sdiwiegermutter Petri*'^), des gerasenisdien Besessenen, bei
der Sturmstillung ^^), bei der Heilung des epileptisdien Knaben ^^).
58) Diese Tatsadie, die der folgende Absdmitt nodi bekräftigt, gibt audi
die Berechtigung für das oben (S. 14 f.) gefällte Urteil, daß ein großer
Teil des in den Wundergesdiiditen enthaltenen Wortmaterials nidit als
Ausgestaltung oder Fremdkörper angesehen werden darf und darum nidit
zu Sdilüssen auf späte Entstehung der betr. Stücke berechtigt.
39) Daneben ist von Berührung die Rede.
40) Das ^KTCivov rrjv x^ipä oou ist das Heilungswort; denn im Ausstrecken
tritt die Heilung ein.
41) Daneben ist von einer Heilhandlung die Rede; doch ist das Wort
deutlich Höhepunkt und eigentlidier Bewirker der Heilung.
42) Es ist — gegen Dibelius S. 49 — viel wahrsdieinlidier, daß ^ttitihöv
als Bedrohung mit dem Wort, nicht als Besdireibung einer Geste anzu-
sehen ist; denn a): wir haben sonst in den synoptisdien Evangelien nie
Besdireibungen oder Erwähnungen von Gesten; b): niemals läßt sich in
6?
li*aäitaMt*iMliä
Bis auf die Gesdbidite von der Heilung der Sdiwiegermiitter Petri
ist in allen diesen Fällen in mindestens einem; Evangelium ein
direktes Heilungswort üLerliefert.
Nur von einer Berührung ist die Rede in ein bzw. zwei Fassun-
gen der Heilungsges<i.idite der Sdiwiegermutter Petri, der Auf-
erweckungsgesdiidite der Toditer des Synagogenvorstehers, der
Blindenheilung bei Jeridhio, ferner bei der Heilung des Blinden von
Bethsaida, des Wassersüditigen, des Hohenpriesterknedits. Außer,
bei dieser letzten Heilung, die eigentlidi keine eigene Gesdiidite
darstellt, haben wir nur beim Blinden von Bethsaida und beim
Wassersüchtigen keine Fassung der Wundergesdiidbite, die ein
Madxtwort Jesu entweder enthält oder von ihm berichtet. Die Be-
deutung des Wortes tritt also in der überwiegenden Mehrzahl der
Fälle mit Deutlidikeit hervor. Nidit hier aufgezählt werden können
die Worte, die der Gruppe H der Wundererzählungen *^) ange-
hören, die nicht unmittelbar den Eintritt des Wunders bewirken;
denn sie stehen nicht so als Machtworte im Mittelpunkt der Ge-
sdiiditen.
Der Ansatz zur inhaltlichen Parallele"^) zwischen Wunder- und
Ausspruchüberlieferung liegt hier: Mensdien kommen zu Jesus und
wollen etwas von ihm. Sie gehen ihn um etwas an, und er ver-
schließt sich ihnen nicht. Er spendet hier den Kranken Heilung, den
Bedrängten Hilfe, gibt dort den Fragenden Antwort ^^). Auf beiden
Seiten ist eine parallele Differenzierung möglich: Der Feind und
der ehrlich Suchende und Hoffende treten an ihn heran. Der Dämon,
der die Kranken besitzt und, angstvoll um seine Bleibe besorgt,
Jesus als den Messias bekennt, entspricht dem versucherischen
Frager, der Jesus von seiner gottbestimmten Bahn abbringen will
(Versuchungsgeschiichte) oder ihm eine Falle stellt, um ihn leiblich
den Evangelien und im ganzen Neuen Testament dirixi^öv als Besdirei-
bung einer Geste, an vielen Stellen dagegen als die eines Drohwortes sidaer
festlegen (Mt. 12, 16; Mk. 3, 12; Lk. 4 41; — Mi 16, 22; Mk. 8, 32b; —
Lk. 17, 3; — Mt. 19, 13; Mk. 10, 15; Lk. 18, 15; — Mt. 20, 31; Mk. 10, 48;
Lk. 18, 39; — Lk. 19, 39).
43) Siehe oben S. 56 f.
44) Hier ist nur von der inhaltlichen Parallelität der Einzelstücke der
Wort- und Wunderüberlieferung die Rede, die der Gesamtauffassung
wurde oben S. 26 ff. behandelt.
45) Vgl. Bornhäuser S. 69: „Jesu heilendes Wort ist Antwort."
68
ZU verderben (Zinsgroschenfrage). Neben dem Kranken, der Heilung
sudit, steht der Sünder, der Vergebung braudit, und der Mensdi,
der zur Erfüllung des göttlidien Gebots, zur Beantwortung einer
ihm wichtigen Firage den Meister um Rat und Hilfe angeht. Daß
sidh in der Darstellung aller Taten und Worte Jesu, die sein Wesen
zum Ausdruck bringen, dieselbe Konzentration auf seine Person
findet, ist oft festgestellt worden ^^). Es sind die Einzelheiten zu
untersudien, w:ie die Parallelität des Wirkens mit Wort und Tat,
das Jesus vollmächtig unter den Mensciien ausübt, in den Gesdiich-
ten zutage tritt. Das Sendungsbewußtsein läßt ihn mit Heilung
und Lehre nicht stets warten, bis die Menschen zu ihm kommen, son-
dern die Evangelisten berichten, daß er auch von selbst heilte, wo
er Not sah (der Mann mit der verdorrten Hand, die verkrümmte
Frau), selbst das Lehrgespräch begann (Davidsohnfrage) oder den
Mißbrauch angriff (Tempelreinigung), wo em es für nötig hielt.
Es gibt unter den Ausspruciierzählungen verscäiiedene Gruppen,
die je nadi der Eigenart ihres Inhalts den Wundergeschiditen näher
oder ferner stehen. Es wurde sdion auf die besondere Verwandt-
schaft zwischen deo? Vernichtung der Dämonen und der Besiegung
der versucherischen Frager im Streitgespräcii hingewiesen. Weiter
stehen unter den Ausspruchgeschichten diejenigen den meisten
Wundem näher, bei denen es nichit um die Entsciieidung einer Lehr-
frage o. ä. geht, sondern wo Jesus in das persönlicJie Leben eines
Menschen eingreift, wo darum die ganze Geschichte eine persönlidie
neben der sachlichen Spitze hat. So treten neben die Heilungs-
geschiditen und die Seesturmstillung, in denen Jesus Menschen in
Leibes- und Lebensnot hilft, die Erzählungen von der Anfrage des
Täufers, vom reidien Jüngling, von Zachäus, bei denen persönliches
Leben von Jesus berührt wird. Ebenso nahe, ja noch näher, ist die
Parallele zwischen den Heilungsgeschichten, wo Jesus die Handlung
beginnt, und den Berufungsgeschichten, wo er von sich aus das
Befehlswort spricht und sofort der Gehorsam da ist. Besonders eng
ist die Beziehung der Heilungsgeschidite der verkrümmten Frau zu
den Berufungsgeschichten, weil dort nicht, wie in den beiden ande-
ren Sabbatgeschichten, das Thema des Sabbatheilens in der eigent-
lichen Wundergeschichte selbst behandelt ist, sondern erst daran
ansdUießend. Wir haben hier wie dort den Gedankengang: Jesus
46) Vgl. besonders audi Albertz S. 128.
69
sieht den Mensdien, er spridit sein Maditwort und sofort tritt der
Erfolg ein. Ein neues Leben beginnt für ihn.
Die engste Parallele zur Heilung haben wir in der Sündenver-
gebung. Unser Material in dieser Beziehung ist sehr arm. Wir fin-
den nur zwei Fälle, in denen Jesus Sünden vergibt, beriditet: in
der Giditbrüdiigenerzählung und in der Geschidite von der
Büßerin in Simons Haus. Aber schon diese beiden Fälle zeigen die
enge Verwandtscbaft, die unsere Evangelien zwischen Heilung und
Sündenvergebung sehen. Im ersten Falle steht das Sündenver-
gebungswort völlig an Stelle des Heilungsworts, als Gewährung der
Bitte eines Heilungsuchenden. Die Frau, die die Vergebung empfan-
gen hat, entläßt Jesus mit Worten, die uns aus Wundergeschiditen
bekannt sind: f] mcni<; crou (TeoujKev oe, rropeuou dq eipr|vriv. Beson-
ders die Begründung der Vergebung auf den Glauben hat ihre
Parallele in zahlreichen Wundergeschichten. Die Geschidite vom
Gidhitbrüchigen ist geradezu eine Darstellung der Entsprediung von
Heilung und Sündenvergebung. Das Recht zur Sündenvergebung
wird auf die Tatsache der Madit zur Heilung begründet. Der
Glaube an den Zusammenhang von Krankheit und Sünde ist in der
dam.aligen jüdischen Literatur an zahlreichen Stellen zu beobachten.
Und zwar sind es zwei Gedankengänge, die hier wichtig sind und
ihrerseits in enger Beziehung stehen. 1. KJrankheit und Sünde sind
beide Wirkung dämonischer Mädite ^'^). 2. Krankheits- und Todes-
schicksal sind Folgen der Sünde. Sündenvergebung ist Voraus-
setzung der Heilung*^). Besonders die zweite Anschauung, die ja
auch im Alten Testament bekannt ist, spiegelt sidi mit Deutlichkeit
in der Geschichte vom Gichtbrüchigen; und der ganze Glaube an
die Beziehung von Krankheit und Sünde, Heilung und Vergebung
steht hinter der engen Verwandtschaft von Heilungs- und Ver-
gebungsberidit in den Evangelien.
Überblicken wir das gesamte Material der Ausspruch- und Wun-
derüberlieferung in den Evangelien, so läßt sich an folgender Reihe
darstellen, welche Teile der beiden Überlieferungsgruppen sich be-
sonders fernstehen und welche parallele Merkmale aufweisen. Es
sind in dieser Aufstellung formale und inhaltli(h.e Gesichtspunkte
berücksichtigt.
47) Belege bei Strack-Billerbeck, Bd. 4, S. 521 ff.
48) Siehe audi Dibelius S. 54. Belege bei Strack-Billerbeck, Bd. 1, S. 495;
ferner Abrahams S. 108 f.
70
1.
2.
3.
4.
In Spruchsammlungen
zusammengestellte
oder in Q-eschichten
untergebrachte Logien
Ausspruchgeschichten
ohne deutlich sicht-
bare Beziehung auf das
Leben dessen, der mit
Jesus spricht
Ausspruch-
geschichten mit
persönlichem
Einschlag
Sünden-
ver-
gebungs-
Dericht
Z.B.: Bergpredigt.
Vom Dienen
(Mk. 10, 41-45)
Sadduzäerfrage
Der „reiche
Jüngling"
Die Jünger-
berufungen
Der
Gicht-
brüchige
5.
6.
7.
8.
Hilfswunder mit
prägn.- dialogischem
Charakter u. deut-
lichem Höhepunkt
Hilfswunder mit aus-
führlicher Darstellung-
einzelner besond. Mo-
mente oder mit schrift-
stellerisch. Verkürzung
Hilfswunder, bei denen
d.Wundereintritt nicht
sofort erfolgt, d. keinen
unmittelbar wirkenden
Wunderakt enthalten
Macht-
wunder
Der Aussätzige
Die Blinden
(Mt. 9)
Der gerasenische
Besessene
Die
Schwiegermutter Petri
Die Speisungen
Die 10 Aussätzigen
Das
Meer-
wandeln
Die Be-
schaffg.
d. Eselin
Bei dieser Aufstellung konnte nur der Gesamtdiarakter der die
einzelnen Gruppen dairstellenden Wundergesdiiditen undWortiiber-
lieferung berücksiditigt werden. Die zahlreichen Parallelen im
einzelnen, die besonders zwisdien den Geschiditen der Gruppen 2,
3, 5 bestellen, sind bereits angeführt worden.
Es müssen nun auch die Unterschiede zwisdien den Aussprudi-
und Wundergesdiiditen, bei denen sidi eine Verwandtsdiaft zeigte,
festgestellt werden. Es soll ausgegangen werden von den sich
formal besonders nahestehenden Erzählungen der Gruppen 2, 3
und 5, also den Ausspruchgesdiiditen und einfadien Wunder-
gesdiiditen. Als Exposition haben die Aussprudigesdiiditen meist
nur einen ganz kurzen Satz: eine Übergangsbemerkung und eine
Einführung der Redenden; mandimal ist eine Aussage über die Ge-
.sinnung gemadit, einigemal der Anlaß des Gesprädis angegeben,
wo das zum Verständnis notwendig ist. In den Wundergesdiiditen
mit prägnantem Aufbau ist die Einleitung auch durdisdinittlidi
nidit ausführlidier. Ganz kurz ist sie bei dem Aussätzigen, der
Blindenbeilung (Mt. 9); etwas ausfübrlicher ist die Situationssdiil-
derung vor der Sturmstillung. Stets enthält sie ein Moment: die
n
Nennung der Not, deren Behebung das Wunder bringt, so die An-
gabe über die Krankbeit, über die Seenot der Jünger. Dieser stän-
dig notwendig wiederkehrende Zug kennzeichnet die Wunder-
geschichten gegenüber den Ausspruchgeschichten. Ebenso fest gehört
zu ihnen die Angabe über den Eintritt des Wunders. Diese bildet
zusammen mit dem Wunderwort den Höhepunkt. Dodi steht fast
immer das Wort noch stärker im Vordergrund. In dem notwendigen
Hinzutreten des Eintritts des Wunders liegt ein Unterschied gegen-
über den A.usspruchgesdiichten. Außer diesen konstitutiven Merk-
malen der Wundergeschichten ist ein Zug, der den dialogischen Cha-
rakter schwächt, nodh. die Handlung Jesu, die zuweilen neben das
Heilungswort tritt oder auch allein berichtet wird. Dieser Fall, daß
das Entscheidende nicht durch ein in direkter Rede gegebenes Wort
in der Darstellung erscheint, ist, wo er statthat, ein wesentlicher
Unterschied von der Wortüberlieferung. Auch den dialogischen
Handlungsgang unterbrechende erzählende Bemerkungen finden
sich in einzelnen Fällen. Weiter ist zu beachten, daß bei mehreren
Wundern der Höhepunkt nidbt am Ende steht, weil nodb. das Ver-
breitungsverbot folgt, was in den Aussprudigeschichten nur bei
dem Petrusbekenntnis der Fall ist"^"). Ferner ist die Schlußbemer-
kung über die Wirkung des Wunders auf . die Anwesenden viel
häufiger als entsprechende Sätze am Ende von Ausspruchgeschich-
ten. Schließlich ist noch darauf hinzuweisen, daß die Zahl der
Handlungsgänge in den Wundergeschichten durchsdbinittlidi größer
ist als in den letzteren. All diese formalen Untersdiiede sind durch
den eigenartigen Inhalt der Wundererzählungen bedingt. Schilde-
rung der Not und des Eintritts der Heilung gehören zu ihrem
Wesen. Handlungen Jesu sind bei den Aussprudberzählungen nicht
angebracht. Worte sind für die Höhepunkte der Wundergeschichten
nidit unbedingt notwendig. Aussagen über den Eindruck auf Be-
troffene und Zusdiauer liegen beim Wunder viel näher als bei den
anderen Geschichten "°). Die größere Kompliziertheit, die die Wun-
dergeschichten durch die Außergewöhnlichkeit des berichteten Vor-
gangs haben, wirkt sich in der längeren Darstellung aus. — Bei den
von den Aussprudigeschichten weiter entfernten Stücken der
49) Die Verklärung ist nidit als Aussprudigeschichte anzusehen.
50) Vgl. Albertz S. 86.
72
Gruppe 6 finden wir genau die gleidien Momente, die wir im An-
satz hei den einfadien Geschiditen als Untersdiied von der Aus-
sprudiiiberlieferung feststellten. Wir haben von Fall zu Fall aus-
führliche Krankteitsschilderungen, ausgebaute Besdbrei-
bungen von Heilhandlungen, komplizierte Darstellung des
Eintritts der Heilung, 1 ä n g e a:i e Berichte über die Folgen des
Wunders und zahlreichere Handlungsgänge. Dazu kommen
audi andere den dialogischien Gang unterbrediende erzählende
Zwischenbemerkungen ^^).
Diese Unterschiede führen zu der wesentlichen inneren VersdbJie-
denheit, die in der synoptischen Überlieferung zwisciien Wunder
und Ausspruch, besteht. Er wurde sciion gesagt, daß es die öuva|Liis
Jesu ist, deren Wirkung die Evangelisten in dieser besonderen Art
von GeschiciLten beridbiten wollen. '^ Eine Mach.ttat liegt da vor, wo
Jesu Wirken die Mensdien gesteckten Grenzen auch, in seiner Aus-
drucksform überschreitet, wo die göttlidie Kraft sich, bei ihm zeigt.
Damit tritt ein bedeutungsvoller Unterschied in der Verwendungs-
möglichkeit ans Liciit. Das Wort stebt immer zur Verfügimg; der
versucherische, spöttischie Gegner wird ebenso mit ihm bekämpft,
wie dem suchenden Menschen damit geholfen wird. Eine derartige
Verwendung des Wunders als stets zur Verfügung stehenden, all-
täglich, werdenden Mirakels finden wir in den Kindheitsgescbiditen
des Thomas und in Heiligehlegenden. In den Evangelien finden wir
sie kaum^^). Gewisse Ansätze könnte man freilich, in der Tempel-
steuergeschich.te, bei der Beschaffung der Eselin und der Vorberei-
tung des Passahmahls sehen. Dodx bekommt diese Verwendungsart
des Wunders eben gerade durch ihre Häufung ihren besonderen
Charakter und die liegt in den Evangelien nicht vor. Daß sie die
Wunder Jesu nidit mit der Selbstverständlichkeit der Legende, der
Selbstverständlichkeit, die das Wort als menschliche Ausdrucksform
ohne weiteres hat, erzählen, das bewirkt den inhaltlidien und for-
malen Unterschied zwisdien Wort- und Wunderüberlieferung bei
den Synoptikern. Daß die dadurch bewirkte Verschiedenheit nidit
51) Die Wunder der Gruppen 7 imd 8, die keine wesenhaften Parallelen
mit den Aussprudigeschichten aufwiesen, brauchen hier nicht noch einmal
besprochen zu werden.
52) Tgl. Jordan S. 597 ff.
73
größer ist, daß sidi trotz ihr die starken Parallelen finden, liegt in
dem besonderen Inhalt der Worte Jesu begründet, die audi etwas
Erstaunenerregendes in sich tragen ^^). Der Unterschied darf auf
keinen Fall übersehen werden. Doch ist die Parallelität zwischen
beiden Gruppen in einem Teil der Überlieferung so groß, daß zu
fragen ist, ob wir in dieser Erscheinung ein Merkmal der alten Tra-
dition von Jesus zu erblicken haben oder nicht.
53) Siehe oben S. 28 f.
3. Kapitel.
Zur vorsynoptischen Geschichte der Überlieferung.
I. Die Möglichkditen.
Die Entwicklungsgänge, die die Überliefeirung bis zu ihrer Fixie-
rung in den Synoptikern genommen haben ktmn, sollen im folgen-
den dargestellt werden. Die Mannigfaltigkeit der Gestalten, in
denen die Wundergesdiichten uns erhalten sind, läßt erhoffen, daß
in ihren oben vorgenommenen Gruppierungen auch verschiedene
Stufen der Entwicklung erkennbar sind. Andererseits darf nicht
übersehen werden, daß Verschiedenheiten auch in der Ungleichheit
des Materials oder des Formungsmilieus ihren Grund haben kön-
nen, ohne daß deshalb auf Entwicklungsstufen geschlossen werden
dürfte. Außer Betracht gelassen werden sollen zunächst die Sab-
batheilungen und die Gesdiichten vom Hauptmann von Kaper-
naum und der Kanaanitin, weil dort die Beeinflussung der Form
durch das enthaltene A,usspruchmaterial wahrscheinlich ist und
erst auf Grund der an den anderen Wundergeschiditen erarbeiteten
Ergebnisse geschlossen werden darf, ob dieser Einfluß zu einer
Vereinfachung der komplizierten oder einer Bewahrung der ein-
fachen Form geführt hat.
Eine Möglichkeit ist die, daß am Anfang eine Erzählungsform
steht wie etwa die Markusfassung der Auferweckung der Tochter
des Jairus und der Heilung der Blutflüssigen. Dieser reiche und
bewegte Bericht könnte auf Augenzeugensdbaft oder auch auf den
mündlichen Erzähler zurückgehen und daher seine Lebendigkeit
haben ^). Andererseits zeigen er und die ihm ähnlichen Wunder-
geschidbten Züge, die wir aus der Topik der hellenistischen Erzäh-
lungen kennen. Daß hier der Hellenismus Einfluß gehabt hat, ist
wahrscheinlich. Dieser könnte sidli aber auch so geltend gemacht
haben, daß die aus der sonstigen Form der Wundergeschichte be-
kannten Züge sich auch bei den neutestamentlichen Wundern beson-
ders fest hielten; und, da sie ja bei den Hellenisten wie in der Ur-
gemeinde dazu dienen sollten, die Geschichte besonders eindrucks-
1) Vgl. Albertz S.84
75
voll darzustellen, mag hier die Erzählungsgesdbicklidikeit mit dem
Einfluß der Umwelt zusammengewirkt haben. Zeigen sidb in den
Wundern Züge von starker Individualität, die nur in der Ab-
zweckung ihre Parallele im Hellenismus haben, so werden wir zu
ihnen größeres Vertrauen haben, als wenn ganz nahe Sadhiparallelen
auftreten.
Nehmen wir Wunder dieser bewegten Erzählungsart als alte
Stufe der Entwicklung an, so müßte die Entwicklung danach zwei
Wege gegangen sein. 1. Den der weiteren Ausgestaltung, der neue
wunderbare Züge und Besonderheiten hineinbradite, etwa wie in
der Markusfassung des Berichts vom gerasenischen Besessenen, oder
sie mit lehrhaftem Stoff durchsetzte wie beim epileptischen Kna-
ben; 2. den der Vereinfachiung, der die Wundergeschichten den Aus-
sprudhgeschichten anglich, sie enthellenisierte^). Hierher würden
Geschiditen gehören wie die Matthäusfassung der Blutflüssigen-
heilung und die Aussätzigenheilung. Diese Vereinfadiung wäre
dann als Folge der gleichen Tendenz zur Verselbstverständliciiung
des Wunders anzusehen, die wir oben aus dem Inhalt einiger Ge-
schichten schlössen. Es läge dann hinter dieser Abwandlung die
religiöse Meinung, daß das Wundertun für den Gottessohn ebenso
selbstverständlidh. sei wie das Lehren, daß deshalb eine Foiranung
am Platze sei, die Jesu Krafttaten ohne Sciiilderung von Bescmder-
heiten als alltägliche Begebnisse seines Lebens darstellte. Eine ganz
besondere Stellung nehmen auf jeden Fall die undialogischen Erzäh-
lungen ein. Sie lassen sicJi nicht durch formale Entwicklung aus den
beiden ersten angenommenen Stufen erklären, — Für die von der
Ausspruchüberlieferung beeinflußten Wundergeschichten wäre bei
Richtigkeit des eben dargestellten Entwicklungsganges, da ja eine
bunte, bewegte Darstellungsart am Anfang stände, anzunehmen,
daß das enthaltene Ausspruchgut zur Vereinfadiung, zur Anglei-
chung an die Aussprudiüberlieferung geführt hat.
Die andere Möglichkeit ist die, daß — in vieler Beziehung paral-
lel zu der von Albertz angenommenen ersten Gestaltung der Aus-
sprucherzählungen '') — die erste Fassung der Wundergesciiichten
eine starke Verkürzung und Schematisierung bedeutete. Am An-
2) Das träfe naiuentlidi auf di© Matthäusgestaltung einiger Gesciiich-
ten zu. Siehe Bultmann S. 378 unten.
5) S. 81 ff.
76
fang stünden Wundergesdbiiditen wie die Matthäusfassung der Hei-
lung der Blutflüssigen, die Aussätzigenkeilung usw., die ihre deut-
lidbie und nahe Parallele mit den Aussprudhgesdiiditen haben. Das
stärkere Gewicht der erzählten Begleitumstände bei den Wundern
würde bewirkt haben, daß kleine lebendige Züge hier teilweise
stärker gewahrt blieben als in den A,ussprudh.gesdiiditen.
Die zweite Stufe der Entwicklung würde sich in der Absdbwä-
diung des dialogischen Elements und in stärkerer Ausgestaltung
von Einzelzügen zeigen. Der Grund dieser Änderung würde in
lehrhafter Tendenz und Streben nach volkstümlich-ansciiaulicher
Gestaltung zu sehen sein. Bei dieser Ausgestaltung hätte dann, die
Topik der hellenistischen Wundererzählung ihren Einfluß aus-
geübt. Die breitere Ausführung von Einzelzügen ist besonders in
Markusgesdiichten zu finden und besteht darin, daß — wie schon
gesagt "*) — all die in den bisherigen Wundern ganz kurz behandel-
ten Dinge wie Krankheitsschilderung, Heilungstat, Züge belehren-
den Charakters o. ä. jetzt größere Ausführlidikeit und Bedeutung
gewinnen. Bei Matthäus findet sich mehrfach Abschwächung des
dialogischen Elements durch Abwandlung' in indirekte Rede. Abseits
ständen und niciit als aus den anderen Wundergruppen entstanden
erklärbar wären auch hier die ganz undialogischen Wundergeschich-
ten''). Bei den Wunder- und Aussprudipointe enthaltenden Ge-
schichten wären hier anzunehmen, daß ihr Aussprudigehalt die alte
Gestalt bewahrt und vielleiciit noch ein wenig vereinfacht hätte;
denn sie stehen ja der in diesem Fall ersten Stufe der Wunder-
entwicklung sehr nahe.
Wir müssen uns hier noch einmal daran erinnern, daß man mit
solchen A,ufstellungen den mannigfaltigen Möglichkeiten der histo-
rischen Entwicklung im. einzelnen nidit gerecht werden kann.
In der Grundtendenz sind aber eben diese beiden Entwicklungs-
gänge als denkbar anzunehmen. Entspräche der erste dem ge-
schichtlichen Vorgang, so würde das bedeuten, daß die formale
Parallelität zwischen Ausspruch- und Wundergeschichte im wesent-
lichen etwas Sekundäres ist, daß also die Entsprechung der inhalt-
lichen Wertung, auf die oben^) bereits als in der Absicht der Evan-
4) Siehe oben S. 71 f.
5) D. h., bei denen das dialogische Element für den Bericht des Wun-
dervollzugs nicht konstitutiv ist.
6) Siehe S. 26 ff. und S. 61 ff.
^ r?
gellsten vorhanden hingewiesen wurde, zunädist allein steht. Sie
würde dann als Ursadie, die zu der Angleidiung geführt haben
könnte, anzuführen sein. Ist der zweite Entwicklungsgang histo-
risch, so würden wir in den festgestellten Parallelen zwischen den
beiden Überlieferungsgruppen einen ursprünglidien Zug haben, der
allmählich entstellt worden ist. Wir hätten am Anfang inhaltlidbe
und formale Parallele von Wort- und Wundergeschichte, die durch
innere und äußere Einflüsse gestört worden wäre.
II. Außersjmoptische Wunder.
Es ist für die Untersuchung der WundergeschichLten und ihres Ver-
hältnisses zu den Ausspruchgeschiditen von großer Wichtigkeit,
welche Einflüsse von der Umwelt der Urgemeinde her sich bei der
Formung der Überlieferung geltend gemach.t haben können.
Zuerst das alttestamentliche Material. Die den neutestamentlichen
verwandtesten Wundergesdiichten finden sich in den Elia- und
Elisa-Erzählungen. Wir haben dort Heilungen, Totenerweckungen,
Speisungswunder. (1. Könige 17, 10 — 16; 17 — 24 2. Kön. 4, 1 — 7;
8—17; 18—37; 42—44; 5, 1—14.) Alle diese Wunder stehen in deut-
lidiem Abstand von dem größten Teil der synoptischen. Denn ihnen
allen fehlt das sofort wirksame Machtwort. Darum ist audi die auf
einen Höhepunkt zulaufende Gestaltung nicht vorhanden. Zwei
der Wunder sind Gebetserhörungen: die beiden Totenerweckungen
(1. Kön. 17, 17—24; 2. Kön. 4, 18—37), wahrsdieinlich Dubletten.
Die anderen Wunder sind bis auf eines sämtlich „Sendungswun-
der", d. h. es wird ein Auftrag erteilt, dessen Ausführung das wun-
derbare Geschehen zur Folge hat. Hier liegen gewisse Parallelen
mit den als letzte Gruppen genannten synoptischen Wundern'^).
Es kommt nodi hinzu, daß die Themata ähnlidi sind. Es handelt
sich bei den alttestamentlidien Geschichiten um zwei Speisevermeh-
rungswunder und eine Aussätzigenheilung, bei den Synoptikern
u. a. um Petri Fischzug und die Heilung der 10 A.ussätzigen. Auch
die Speisungswunder können hierher gerechnet werden, da Jesus
den Jüngern die Nahrung zur Austeilung gibt und dann das Wun-
der eintritt, wenn audi kein ausdrücklidies Sendungswort beriditet
ist. Hier ist die Parallele sogar sehr nahe: Hundert Mann werden
von 20 Gerstenbroten satt imd es bleibt noch übrig. Auch hier wird
7) Siehe S. 70.
78
von dem, der das Brot verteilen soll, erst ein Einwand gemadbt.
Bei der Aussätzigenheilung ist gleidifalls eine Beeinflussung durch-
aus möglidi. Der Aufbau ist bei all diesen Gesdiiditen, wozu im
2. Königsbudi z. B. nodi eine Heilung (4, 8 — 17) und bei den Synop-
tikern die Besdiaffung der Tempelsteuer, der Eselin und des
Abendmahlsraumes und Petri Meerwandeln gehört, im Grunde der
gleiche. '
Ein Wunder, das unmittelbar mit dem Wort gewirkt wird, findet
sidi 2. Kön. 1, 9 — 18: die zweimalige Vernidhitung der Krieger, die
Elia zum König holen sollen. Hier liegen aber zwei andere Punkte
vor, die das Wunder sehr weit von den evangelisdien entfernen.
Inhaltlidi ist es ein gegen Menschen gerichtetes Strafwunder, wie
es in den Evangelien nicht zu finden ist. Außerdem wird das Wun-
der fast wie etwas für den Täter Alltägliches geschildert. Zu einer
derartigen Auffassung sind bei den Synoptikern nur leise Ansätze
vorhanden. Formal ist die damit in engem Zusammenhapg stehende
Tatsache zu beachten, daß das Wunder keine eigene Geschichte ist,
sondern ein Zug an einer anderen. — Ähnlidie an Zauberei gren-
zende Gesdiichten finden sidi auch in den folgenden Kapiteln.
Die Geschichte von Jona im Sturm (Jona 1, 4 — 16) erinnert in man-
chen Zügen an die Sturmstillung. Sie steht aber von ihr inhalt-
lich — da ein Wundertäter nicht da ist — und formal — da der
A,ufbau viel reiciier gestaltet ist als bei dem Wunder Jesu — in
großem Abstand.
Den Unterschied des in der nachdiristlichen jüdischen Literatur
enthaltenen supranaturalen Materials vom synoptischen Wunder-
bericht hat Sdilatter festgestellt^). Er hebt hervor, daß Josephus
und die tannaitisch.e Literatur keine zeitgenössischen Wundertäter
kennen °). Erst vom 3. und noch stärker vom 4. Jahrhundert ab
beginnen die Wunderberichte und werden dann audi den L,ehrern
des 1. Jahrhunderts angehängt. Daß erst in dieser Zeit unter hel-
lenistiscäi-orientalisdiem Einfluß die Hauptmasse der wunderbaren
Berichte in die jüdische Literatur eindringt, ist auch die überwie-
gende Meinung der jüdischen Forschung^'*), Inhaltlich von großer
8) Das Wunder in der Synagoge.
9) Dagegen Fiebig bes. S. 72.
10) Vgl. Joel besonders S, 67 ff.; Blau S. 23, S. 58. Abrahams beson-
ders S. 110 f. Nidit klar wird, aber eher zur gegenteiligen Ansicht neigt
Klausners Stellung dazu, S. 362.
_79
Wichtigkeit sind die Untersdiiede, die Sdilatter zwisdien dein über-
natürlidien Beridit von den zeitgenössischen Frommen in der jüdi-
sdien Literatur — sie treffen aber audi auf den größten Teil des
späteren Materials zu — und den Wundem Jesu in den Evangelien
feststellt. Von der mit dem Maditwort vollzogenen Wundertat sind
zu sdbeiden 1. das übernatürlidie Erlebnis. Hier stößt dem From-
men oder Lehrer ein Wunder zu, ohne daß er als Täter angesehen
wird; 2, die wunderbare Gebetserhörung; 5. der Zauber. Diese in-
haltlichen Uhterschiede sind natürlich aucii für die formale Gestal-
tung von stärkster Bedeutung. Hinzu kommt noch ein Weiteres,
das Schlatter nicht erwähnt: Mit dem gesamten Charakter der
talmudischen Überlieferung hängt es zusammen, daß die Wunder
ihren Sinn niciit in sidi selbst tragen. Audi dort, wo die Gesdiidi-
ten mit verhältnismäßig großer Selbständigkeit erzählt sind, er-
scheinen sie der Lehre dienstbar gemadit. Teils sind es Beglau-
bigungswunder wie die Rötung des Wassers durdi J. Jose b. Qisma,
b. Sanh. 98a/b, oder die Wunder des Eliezer, b. Baba M^Qi'a 59b.
(Fiebig S. 31 ff.). Teils erläutern sie ein Wort: So bestätigt die
Geschidite von der Erweckung des Sohnes Gamaliels die Mischna
vom Wert des fließenden Gebets, b. Berakhoth 54b (Fiebig Si.l9ff.);
die Geschidite von der Erweckung des Sohnes Johanan b. Zakkais
hat ihre Pointe in dem Wort von der größeren Gebetskraft des
Frommen gegeniiber dem Lehrer. Gibt es trotz dieser starken in-
haltlichen Differenzen formale Parallelen zwisciien den synop-
tisdien und den jüdischen Wundergesdiichten? Aus der tannaiti-
sdien Überlieferung sei das Regenwunder des IJoni, Mischna
Ta'anith III, 8 (Fiebig S. 14) genannt. Die charakteristisdien
Unterschiede sind vorhanden: die ganze Geschidite dient zur Be-
stätigung der Regel, daß man keinen Lärm bläst, um den Regen
zum Aufhören zu bringen. Sie ist im übrigen ein Gebetswunder.
Trotzdem kann man von ihr von einem dialogischen Aufbau spre-
chen. Je einen Gang am Anfang und Schluß bildet die Botschaft
der Leute und die jedesmalige Antwort Honis. Dazwischen liegen
vier Gebetsgänge. Hier ist also das Wunder selbst in Gänge auf-
gelöst, und wir haben in dieser Beziehung eine Parallele zu der
Heilung des Blinden von Bethsaida. Doch ist die Stilisierung des
jüdischen Wunders viel stärker durchgeführt. Im Gegensatz zu
den meisten synoptischen Wundern fehlt der feste Höhepunkt.
80
Besonders interessant ist der Scbluß. Die Rabbinen schwanken
iiadi dem Wunder zwisdien Bannung und Lobpreis des Täters;
ebenso folgt nadi Jesu Wundern, die ja in der rabbinisdien Lite-
ratur als Zauberei gelten, neben der Freude die Feindschaft. Dodi
ist der Untersdiied deutlidi: Die falsdie Verwendung des Gebets
als einer Zwangsmaßnabme gegen Gott war verzeihlidi, aber nicht
das Gebieten über Geister und Krankheiten aus eigener Maciitvoll-
kommenheit.
Äbnlicben Aufbau wie das tannaitische Regenwunder haben die
beiden Wiederholungen in den Gemaroth zur Stelle ^^) und die
Geschichte vom Regenwunder des Naqdimon b. Gorion ^"). Bei den
übrigen Gebetserhörungswundern, wo eine derartige Stufen-
stilisierung nicht vorliegt, kann von dialogischem Aufbau nicht ge-
sprochen werden. Nach der Bitte folgt der Bericht über das Gebet
und dann die Konstatierung des Erfolgs. Dazu kommt meist die
Unterordnung unter eine Lehrpointe, die bewirkt, daß der Höhe-
punkt nicht beim Wunder selbst liegt. Die Geschichten haben
meist geringere Einheitlichkeit als der größte Teil derer in den drei
ersten Evangelien. Eine gewisse formale Ähnlichkeit besteht manch-
mal zwischen diesen Gebetserhörungswundern, auch zwisdien Be-
richten von unerbeten eintretenden wunderbaren Geschehnissen
und den undialogischen synoptisdien Wundem (Petri Fischzug,
Speisungswunder u. ä.), mit denen z. B. die wunderbare Brotver-
mehrung im Hause 5aninas b. Dosa zu vergleichen ist, b. Ta'anith
24b/25a (Fiebig S. 22 ff.). Verwandten Aufbau mit den synop-
tischen Dämonenaustreibungen hat die Geschichte von der Dämonin
Agrat^). Der Unterschied vom Neuen Testament liegt wieder in
der Unterordnung der Geschichte unter eine Lehre: die Regel, man
solle in den Mittwochs- und Sabbatnächten nicht allein ausgehen;
außerdem in dem zauberhaften Charakter: die Dämonin ist nicht
an einen Menschen gebunden, sondern erscheint persönlich. Die
Form der Dämonenaustreibungen ist aber der synoptischen sehr
ähnlidi. Das Aufbauschema des ersten Teils der Talmudgeschichte
ist folgendes:
11) p. Taanith 66d Z. 49 ff. ~ h. Ta'anith 23a.
12) b. Ta'anith 19b/20a (Fiebig S. 16 ff.).
J3) b. Pesachim 112b/113a (die erste Hälfte audi bei Fiebig S. 25 f.).
^ 81
Die Gefahr durch die Dämonin
A
B
Ai
Anrede an Hanina b. Dosa
Ausfahrbefehl
Bitte um die Mittwoch- und Sabbatnächte
Gewährung
Es entspridit genau der Markus- und Lukasform der Gerasener-
gesdiichte. Ansdbließend ist nodi eine Austreibung derselben Dämo-
nin durdi Abaje beriditet. Sie hat nur einen Gang: Anrufung
des Rabbi mit fast den gleichen Worten wie oben — Austreibung.
Der Aufbau dieser Gescbidbte ist wie bei der Dämonenheilung in
der Synagoge von Kapernaum. Die Form der Dämonenaustrei-
bungen scheint also sdion in früher Zeit fest gewesen zu sein^*).
In der zweiten Erzählung sind die Sabbat- und Mittwodmächte nidit
erwähnt. Sie widerspridit dadurdi eigentlidi der Pointe der ersten,
und der Schlußsatz versucht, den Widerspruch, auszugleichen. Die
beiden Gesdhichten sind wahrsdieinlich Varianten. Vielleicht über-
trug man die ursprünglich von Abaje erzählte auf den großen
Wundertäter der alten Zeit. Die Abaje-Geschichte wirkt älter.
Außer der Übertragung von einer Person auf die andere ist dann
noch der zweite Gang mit der Beschränkung des Wunders hinzu-
gekommen, der die Erklärung für die Dämonenfurciit in den Mitt-
wodi- und Sabbati^ächten lieferte.
In dem späteren talmudischen Material haben wir auch sonst
Wundertaten, die den Rabbinen aus eigener Machtvollkommenheit
zugeschrieben werden. Sie stammen aus einer Zeit, wo man ihnen
hemmungslos alles zutraute. So wird von äim'on ben Johai hinter-
einanderweg ein Heide getötet, ein Toter erweckt und noch ein
Lästerer getötet, j. äebi'ith 38 d Z. 34 ff. Hier liegt die Verselbst-
verständlichung des Wunders vor, die es zu einer bloßen Merkwür-
digkeit macht, zum unterhaltenden Zug an einer Geschichte. In den
Evangelien fanden sich nur leise Ansätze in dieser Richtung ^^).
Dieser inhaltliche Unterschied bewirkt auch den formalen. Die
Wunder sind Teile von anderen Geschiditen oder aber in ein völlig
zauberhaftes Gewand gekleidet. Zuweilen entstehen bei der abriß-
haften Erzählungsart Ähnlidikeiten mit den Summarien oder den
14) Vgl. S. 85, Anm. 24.
15) Siehe oben S. 72.
Pereis. 6
82 ^^
ganz kurzen abrifihaften Wunderberiditen der Synoptiker. Aber
das will nidits besagen, da die Verkürzung naturgemäß die Unter -
sdiiede verwisdit.
Eine Beeinflussung der Wunderform, die aus volkstümlidi breit
erzählten prägnant-dialogisdie Gesdhiditen gemadit hätte, kann
also von Seiten der jüdisdien wunderbaren Geschichten unmöglidi
stattgefunden haben ^*').
Die hellenistischen Wunderbericiite haben mit den synoptischen
eine Fülle von Einzelzügen gemein. Eine geordnete Auswahl gibt
Bultmann S. 256 ff. ^'^). Die einzelnen hier aufgezählten Charalc-
teristika lassen sich in drei Gruppen teilen: 1. Züge, die so wesent-
lidi zur Wundergesdiidite gehören, daß ihr Vorkommen in verschie-
denen Kreisen, Zeiten und Gegenden fast selbstverständlich ist ^^).
Hierher ist das Vorhandensein von Wunderworten und Heilungs-
berührungen zu rechnen; denn durcäi Handlung oder Wort , muß
das Wunder vollzogen werden^®). 2. Züge, die nicht unbedingt
16) Dagegen besteht formale Verwandtschaft zwisdien prägnanten
jüdischen Anekdoten und den dialogisdien synoptischen Wundergeschich-
ten. Die Evangelien bringen Ausspruch wie Wunder Jesu in einer
Form, die der der wunderlosen jüdischen Anekdoten nahesteht. Paral-
lele formale Eigensdiaften der jüdisciien und evangelischen Geschichten
stellt Fiebig zusammen (Rabbinische Formgeschidite, S, 35). Doch sind
die evangelischen Geschichten im allgemeinen einfadier und anschau-
licher erzählt als die jüdischen: siehe audi S. 108 Anm. 1.
17) Wenn auch Bultmann nur ganz allgemein traditionelle Züge der
Wundererzählung zusammenstellen will, so zeigt das angeführte Material
doch, daß es eben das Bild der Wundererzählung der hellenistischen
Welt ist, das uns gezeidmet wird. Die wenigen Parallelen aus der
jüchsdien Literatur, die er anführt, werden gleichfalls schon von der
hellenistisch-orientalischen Sphäre beeinflußt sein. — Allein die Entfer-
nung der Zusdiauer beim Wunder sdieint aus der biblischen Welt zu
stammen.
18) Vgl. Irierzu und zum Folgenden Dibelius, Zur Formgesdiichte
S. 201, der in bezug auf einige Wunder von den in ihnen enthaltenen
„fast selbstverständlichen Zügen der Topik" spricht.
19) Wo in den synoptisdien Evangelien von Heilung durch Berührung
die Rede ist, braindit deshalb nodi lange nidit überall die hellenistische
Vorstellung von ihrer magischen Wirkung vorzuliegen. (Diese ist dar-
gestellt bei Weinreidi S. 1 — 75.) Wahrsdieinlidier ist, daß sie erst auf
hellenistischem Boden so verstanden wurde, und daß infolgedessen in
Stücken, die in der hellenistischen Sphäre gestaltet wurden, diese Auf-
fassung anzunehmen ist. In vielen Gesdiichten, z. B. wo Matthäus das
g
zum Wunder gehören, deren Vorkommen aber so wenig auffällig
ist, daß aus ihnen nicht irgendweldie Zusammenhänge gefolgert
werden dürfen. Es sind das: Zweifel und veräditliche Äußerungen
gegenüber dem Heilenden, Herantreten des Heilenden an den Kran-
ken, das Bedrohen der Dämonen, die Plötzlidikeit des Wunder-
eintritts, Femheilungen, Entlassung des Geheilten, Demonstration
der Realität der Heilung, Beglaubigung durdi anwesendes Publi-
kum. All dies ist bei den Wundern stilgemäß. Es legt sidi durdi die
Schilderung der Taten so nahe, daß es andi in völlig getrennten
Welten erscheinen kann. Eine Gemeinsamkeit des Milieus kann
daraus nidit erschlossen werden. Es sind die Züge, die auch bei
wirklich gesdiehenen Heilungen für eine kurze, eindrucksvolle Be-
schreibung sich aus dem Gesamttatbestand als geeignetste darbie-
ten. 3. Soldbe Züge, deren Besonderheit darauf sdiließen lassen
könnte, daß sie in dem gemeinsamen Gesamtmilieu, aus dem all
die Wundergeschichten der damaligen Zeit stammen, vorhanden
waren. Bultmann führt folgendes hierher zu Rechnende an:
(Aufstellung siehe nächste Seite.)
Bei dieser Aufstellung wird deutlich, was man bei Bultmann, der
nur die Markusstellen angibt, nidit erkennen kann: daß die Berüh-
rungen mit dem Markusevangelium die allerzahlreichsten sind,
während sich bei Lukas schon weniger und bei Matthäus bedeutend
weniger finden; Markus: 20, Lukas: 15, Matthäus: 8. Die Riditig-
keit der Auswahl der Züge erfährt dadurch eine Bestätigung, daß
verhältnismäßig wenige Geschichten in der Tabelle immer wieder-
kehren. Es sind vier nur von Markus und Lukas erzählte Wunder:
Der Jüngling zu Nain, die verkrümmte Frau, der Täubstumme und
der Blinde von Bethsaida. Fünf weitere Gesdiiditen sind in mehre-
ren Evangelien enthalten: Die beiden Dämonenaustreibungen, die
Blutflüssige, Jairi Töchterlein und der epileptische Knabe. Von
diesen hat die Matthäusform der Erweckungsgeschidiite keine hel-
lenistischen Berührungspunkte. Außerdem hat die Blutflüssigen-
bei Markus vorhandene direkte HeilungsWort durch Beridit von einer
Berührung ersetzt, wird darin nur eine Auswirkung des schriftstelleri-
schen Gesamtdiarakters dieser Uberlieferungsform zu sehen sein, die
die Heilung abrißhaft kurz berichtete. (Vgl. imten S. 91 f.) Eine Ana-
logie zu den religionsgesdiichtlichen Parallelen ist insofern festzustellen,
als sich überall der Gebrauch der Hand als Zeiciien der Verbindung
zweier Menschen von Natur nahelegte. (Vgl. Behm S. 102 — 116.)
84
Markus
Lukas
5,26
8,43
9,21
—
13,11
5,42
8.42
5,3—5
8,27 ; 29
9,18
9,39
9,22
—
• u Fk "^j ^K- IL •< Matthäus
über Dauer der IVrankheif
Die Blutflüssige ...... 9,20
Der epileptische Knabe ... —
Die verkrümmte Frau ....
AHersangabe ,
Jairi Töchterlein —
Der sdiredflidie Charakter der
Krankheit
Der Gerasener (8, 28; kurz)
Der epileptische Knabe . . . 17,15
;i )) )) • • •
Vergebliche Versuche der Ärzte
Die Blutflüssige — 5,26 8,43
(Gegenfiberstellung von Meister
und Sdiüler
Der epileptische Knabe . . . 17,14—21 9,14—29 9,37— 43 a)
Der begegnende Leidienzug
Der Jüngling zu Nain ... 7,11 f.
Manipulationen
Taubstummer 7,33
Der Blinde von Bethsaida . . 8,23
Heilung durch Berührung des
Gewandes
Die Blutflüssige — 5,27 ff. 8,44
Jairi Töchterlein — 5,41 —
Der Taubstumme
Der Dämon wittert den Herrn
Der Dämonische in der Syn. .
Der Gerasener 8,29
Der epileptische Knabe . . .
Er bittet um Gnade
Der Gerasener 8,29
H 5) • 8,31
Stufenheilung
Der Blinde von Bethsaida . .
Zerstörungen durdi den Dämon
Gerasener ......... 8,32
7,34
1,24
4,34
5,7
8,28
9,20
9,42
6,7
8,28
5,12
8,32
8,24 f.
5,13
8,33
85
heilung bei ihm nur in der Angabe von der Dauer der Krankheit
einen audi im Hellenismus wiederkehrenden Zug, der aber nicht
ausgefallen genug ist, um aus ihm auf hellenistisdie Beeinflussung
schließen zu dürfen. Aus dem gleidien Grunde scheidet die Heilung
der verkrümmten Frau aus. Audh das Wort des Dämons in der
Synagoge von Kapernaum genügt nidit, um auf Verwandtsdbaf t zu
schließen. Es ist nichts allzu Besonderes und außerdem auch in der
jüdisdhen Literatur belegt ^^). Die hellenistische Welt wird also auf
die Gestaltung folgender 5 Wunder in allen vorhandenen Fassun-
gen Einfluß geübt haben: Der Jüngling zu Nain, der Taubstumme,
der Blinde von Bethsaida, der (die) Gerasener und der epileptisdhe
Knabe; davon sind die drei ersten nur in einem Evangelium be-
richtet ^i) ^2),
Bei diesem stark negativen Ergebnis sciieint auch die Zusammen-
stellung Bultmanns, der Wundergeschichten mit ähnlichen Motiven
aufzählt (S. 247 — 253), nicht zu Schlüssen auf Verwandtschaft mit
dem Hellenismus zu berechtigen. In bezug auf die Dämonen scheint
die ganze damalige Welt eine ähnliche Vorstellung gehabt zu
haben ^^); aucii im Talmud standen Parallelen^). Werden über-
20) Siehe oben S. 80 f. und imten Anm. 24.
21) Diese Gesdiichten rechnet Dibelius sämtlich zu den Novellen. Doch
sind eben nur sie es, die „stärkere Ähnlichkeit mit der großen Wunder-
literatur haben" (S. 45), nicht auch die übrigen „Novellen".
22) Auf diese fünf Wunder allein läßt sich auch die These Reitzensteins
(S. 82) von der Parallelität der Evangelien mit der hellenistischen Lite-
ratur basieren. Mit Ausnahme der Markus-Lukasfassung' der Geschidite
Von der Blütflüssigen und Jairus ist die übrige synoptische tJberliefe-
rung davon frei.
23) Daraus wird sich audi die Anwendung der Begriffe „Binden" und
„Lösen" in bezug auf Krankheit und Heilung erklären, die wir im Wun-
der Jesu (Mk. 7, 35; Lk. 13, 16) wie in Fluditexten der hellenistisdien
Welt finden. Es handelt sich um dämonisdie Bindung. (Vgl. Deißmann,
S. 258 ff.)
24) Die Welt, in der die Vorstellung von den Dämonen und damit die
Form der Dämonenaustreibung diese verhältnismäßig einheitliche Gestalt
hatte, ist freilidi die hellenistische. In dieser Beziehung scheint das
palästinische Judentum besonders früh in ihren Kreis hineingezogen zu
sein. (Vgl. Luk. 11, 19; Mk. 9, 58.) Daher ist es falsch, zu meinen, diese
Gesdiiditen könnten erst in der hellenistischen Gemeinde entstanden sein
und gar von da weitere Rückschlüsse auf die Entstehung der übrigen
Wundergesdiiditen zu ziehen. — Auf Grund der vorhandenen Vor-
stellungen ist es durdiaus möglidi, daß sich etwa die Dämonenaustreibung
86
haupt Krankenheilungen beriditet, so ist audb das Vorkommen
ähnlicher Krankheiten im Neuen Testament und im Hellenismus
nicht auffällig. Bei den Totenerweckungen bildet allein die Be-
gegnung des Trauerzuges eine Parallele, die schon oben erwähnt
wurde. Bei den Naturwundern wieder liegen die jüdischen Paral-
lelen viel näher. Allein aus der Tatsache, daß es auf hellenistischem
Boden Menschen gab, denen Wundervollmacht zugeschrieben
wurde ^^), auf jüdisciiem aber nicht, ein Vorurteil für Entstehung
der Wunder auf hellenistischem Boden zu erschließen '^^), erscheint
bei den geringen sicheren Beziehungen im einzelnen nicht berech-
tigt. Es wird aber davon abhängen, ob man annimmt, daß der An-
fang der Wunderüberlieferung auf Jesus selbst zurückgeht. Tut
man das nicht, so liegt allerdings der Hellenismus für die Ent-
stehung näher als das Judentum. Doch, werden dann die histo-
rischen Schwierigkeiten sehr groß. Sobald anzunehmen ist, daß
Jesus sich selbst und seine Jünger ihm wundermächtiges Handeln
zugeschrieben haben, entsteht bei dem unhellenistischen Charakter
der meisten Wunder die Prärogative für Entstehung in der
jüdischen Sphäre.
Ein Blick sei nodi auf den Aufbau hellenistischer Wunder-
geschichten geworfen. Auch dort, wo uns von wirklidbien Wunder-
tätern berichtet wird und dadurch eine Sacitpaarallele zum synop-
tischen Material entsteht, ist meist die Entfernung redb.t groß: in-
haltlich deshalb, weil meist irgendwelche zauberhaften Züge her-
vortreten ^^), formal dadurcii, daß viele Erzählungen stärker den
Charakter des neutralen historischen Bericiits tragen. So ist es z. B.
bei der Josephuserzählung von der Dämonenaustreibung des Elea-
zar^^), den Geschichten von Vespasian^®), bei Lucian^^), Plinius^^),
in der Synagoge so abgespielt hat, wie sie beriditet wird. — Wichtig
ist, daß Jesus niemals Zauberformeln oder -handlungen verwendet
(vgl. Grundmann S. 65 ff.).
25) Ed. Meyer sagt I. S. 103, auch in der hellenistisdien Welt sei die
Anschauung vorhanden, daß „der wahre Weise zugleidi Herr über die
Naturkräfte und die Geisterwelt ist".
26) Bultmann S. 255. 27) Vgl. Grundmann S. 65 ff.
28) Antiqu. VIII, 2, 5,
29) Tacitus, hist. IV, 81. Suetou, Vespasian c. VII, Cassius Dio, historia
Romana LXVI, 8.
30) Philops. 11; 16; 31.
31) Hist. nat. VII, 124.
87
Apulejus^^). Das Interesse liegt kier im Gegensatz zu den meisten
synoptisdien Wundern stärker am Gesdbehen als am Täter. Es
fehlt die Einheitlidikeit der Handlung, die Konzentrierung auf die
Tat selbst, die wir bei ihnen größtenteils haben. Sie wird meistens
nur ganz kurz ohne die prägnante Hervorhebung, die wir aus den
Evangelien kennen, erzählt. Dagegen überwiegt die Darstellung
der Nebenumstände. Ähnlichen Charakter, wenn auch teilweise
ausführlichere Krankheits- und Heilungssdiilderungen haben die
von Herzog („Die Wunderheilungen von Epidaurus") heraus-
gegebenen Inschriften. Die ApoUoniuswunder stehen den neutesta-
mentlidien näher. Die Dämonenaustreibungen'*"), besonders die
zweite, in der der Dämon beim Ausfahren eine Statue umwirft,
ähneln der Gerasenergesdbidite, bei der schon oben hellenistischer
Einfluß festgestellt wurde ^^). Von den prägnanten synoptisdien
Wundern ist aber auch hier infolge der langen Rede und der vielen
Zwisdhienerzählungen der Abstand sehr groß. Die abrißhaft erzähl-
ten Wunder in Philostr. III, 39 haben formal keine Ähnlichkeit mit
den evangelisdhen. Mit der Geschichte vom Jüngling zu Nain, die
gleichfalls nicht den übliciien Aufbau der synoptischen Wunder hat,
berührt sich die Geschichte von der Erweckung der Braut vor dem
Tag der Hochzeit (IV, 45). Der Vergleidi des A.ufbaus ergibt also
nidits, was über die oben"^) gemachten Feststellungen hinausgeht.
— Eine Beeinflussung der Wunder durch den Hellenismus kann nur
in Riditung auf Auflösung der prägnant-dialogischen Form ge-
gangen sein.
Widhtig ist es noch, auf die Entwicklung der Wunder im Christen-
tum außerhalb der synoptischen Überlieferung zu aditen. Dabei
ist dreierlei festzustellen. 1. Sdhon in der Apostelgesdiichte maciit
sich die Tendenz geltend, die Parallelität zwischen Wort und Wun-
der insofern aufzuheben, als in den Predigten von Jesus nur seine
32) Florida 19.
33) Philostratus, vita Apollonii III, 36 und IV, 20.
34) Hempel S. 41 weist auf den auch hier noch vorliegenden Untersciiied
hin, daß die Zerstörung vit. Apoll. IV, 20 wie bei Josephus VIII, 2, 5
und acta Petri cum Simone XI (Hennecke S. 238) als Demonstration ge-
sdiieht, in der Gerasenergesdiichte aber auf Bitten des Dämons.
35) Siehe S. 83 ff.
88
Wunder genannt werden (Apg. 2, 22; 10, 38 f.) ^^). Die von den
Aposteln beriditeten Wunder haben gleidbfalls ihre besondere Stel-
lung, die keine Entsprechung mit ihrer Predigt erkennen läßt, wie
es mit den Taten Jesu bei den Synoptikern der Fall war. Die
Parallelität in der Auffassung von Wort und Wunder ist also in der
Apostelgeschichte nicht mehr fest. Das spricht dafür, daß diese Er-
s(i.einung in ältere Zeit gehört und auch der parallele Aufbau etwas
Ursprüngliches ist. Denn es ist wahrscheinlich, daß die parallele
Auffassung mit dem parallelen Aufbau die besondere Auffassung
mit dem besonderen Aufbau Hand in Hand ging. — 2. Im Johan-
nesevangelium ist die innere Trennung zwischen Wort und Wunder
nicht mehr aufrechterhalten. Das Wunder ist dort tatgewordenes
Wort, das Wort zum Teil Auslegung des Wunders. Schon oben^''^)
wurde darauf hingewiesen, daß die synoptischen Wunder, die An-
sätze in dieser Richtung zeigen, zu Bedenken hinsiciitlich ihres Alters
Anlaß geben. Es ist zu beachten, daß all die hier in Frage kömmen-
den auch im Aufbau eine besondere Stellung einnehmen. Bei Johan-
nes ist der prägnante Aufbau geschwunden *^), was aber nidbt auf-
fällig ist, da seine Ausspruchüberlieferung ihn auch nidbit zeigt. —
3. In den neutestamentlichen Apokryphen ist für die eigentliche
Wirkungszeit Jesu fast keine Erfindung neuer Wunder oder Aus-
gestaltung der alten ■zu finden ^^). Nur Kindheits- und Auf-
erstehungsgeschichten sind mit Wundern bereichert. Das Kindheits-
evangelium des Thomas enthält sie in großer Zahl. Diese Geschich-
ten bedeuten ein Fortschreiten auf dem schon bei den Synoptikern
hin und wieder betretenen Weg zur Verselbstverständlichung des
36) Außerhalb der Verkündigung finden wir zweimal Wort und Tat
nebeneinander erwähnt: 1, 1 und 4, 20. Doch ist gerade die Verwen-
dung der Wunder in der Verkündigung bezeichnend.
57) Siehe S. 34 ff.
38) Im Bericht des Wundervollzugs selbst ähneln einige johanneische
Wunder den dialogischen synoptischen: Die Heilung des Sohnes des
königlidien Beamten (4, 50), des Kranken am Teiche Bethsada (5, 8)
und die Erweckung des Lazarus (11, 43). Dodi fehlt auch hier den Wun-
dern die einheitliche Gestaltung der synoptischen. Das Wein wund er in
Kana und die Heilung des Blindgeborenen ähneln im Vollzug der Tat
denjenigen synoptischen, die ein „Sendungswort" haben (s. oben S. 5 f.),
d. h. bei denen ein Auftrag erteilt wird, durch dessen Ausführung das
Wunder eintritt (2, 7 f.; 9, 7 f.).
39) Nadi Bauer S. 362—367.
89
Wunders ^°). Dem entspricht formal die abrißhafte Schilderung, die
das Wunder gar niciit als etwas Besonderes erscheinen lassen will.
Eine enge inhaltlidie und formale Parallele zu den Thomasgeschicii-
ten haben wir in den späten Rabbinenwundern"*^). Teilweise liegt
auch in der Gestaltung eine Nachbildung der synoptischen Wun-
der vor.
III. Der wahrscheinliche Entwicklungsgang der Wunder-
überlieferung.
Von den oben ^) aufgezeigten beiden Möglichkeiten der Entwick-
lung, die die Wundergeschichten genommen haben können, spricht
nach dem Ergebnis der vorigen Abschnitte und bei Überlegung der
innerchristlichen Einflüsse, die in der ersten Zeit wirksam waren,
eine starke Wahrsdieinlichkeit für die zweite. Die kurze, präg-
nante, dialogische Gestaltung der Wunder wird am Anfang stehen.
Von den lebendigen Zügen der ausführlicher gestalteten Wunder-
erzählungen kommt ein gut Teil auf den Einfluß der hellenistischen
Welt und kann nicht als ursprünglich angesehen werden^). Da-
zu kommt die inhaltliche Parallelität in der Auffassung von Wort
und Wunder, die schon in Jesu Worten belegt und sicher alt ist,
zumal sie später durch die besondere Hervorhebung des Wunders
gestört wird. Audb. weist die bisher durchgeführte kritische Arbeit
am Einzelstück in diese Richtung. Die Entwicklung der Überliefe-
rung ist dann so zu denken: Am Anfang steht die Wundertat
Jesu^"*). Mit der Weitererzählung muß eine Verkürzung des Tat-
bestandes eingetreten sein^^). Dabei bildet sich eine bestimmte
Form heraus, in der die Geschichten überliefert werden. Der
Grundstock ist die Bitte oder auch nur die wartende Anwesenheit
eines Hilfesuchenden und das Maditwort Jesu, das die sofortige
40) S. oben S. 72.
41) S. oben S. 81.
42) S. S. 74 ff.
45) Vgl. Dibeliiis, Zur I ormgesdiidite S. 188 f.
44) Für die Wahrscheinlichkeit, daß Jesu Wundern historisdie Ge-
schehnisse zugrunde liegen vgl. Klostermann, Markus S. 19, der sie mit
der Verankerung in der Wortüberlieferung und mit dem Glauben Jesu
und der Gemeinde begründet,
45) Vgl. die parallele Erscheinung in der Aussprudiüberlieferung.
Albertz S. 81 ff.
90
Wirkung mit sidi bringt. Im Einzelfall treten mannigf adie Varia-
tionen ein: Die Bitte gewinnt eine besondere Form, es ist noch vom
Glauben des Hilfesudienden die Rede, es sdiließt sidbi nadi der Tat
ein Wort, etwa das Verbreitungsverbot, an. Daß die Geschichten
nidit all© nach einem Sdiema erzählt sind, liegt daran, daß der histo-
riscbe Tatbestand, der der synoptisdaen Erzählung zugrunde liegt,
der Gestaltung Widerstand entgegensetzt und sidi zur Geltung
bringt. Die überlieferte Gesdbidite ist aus historisdiem Geschehen
und stilisierender Überlieferung gemeinsam entstanden. Daran ist
gegen Dibelius^«) mit Köhler*''), Fascher*») und Albertz*«) fest-
zuhalten. Das Interesse der Jünger für die Tatsachen des Lebens
Jesu darf nicht unterschätzt werden^"). Gerade die knappe präg-
nante Form der ältesten Wundergeschichten im Gegensatz zur son-
stigen Wundertradition beweist das. Bei dieser ersten verkürzen-
den Formung war die sachliche und wirkungsvolle Darstellung der
wirklichen Worte und Taten Jesu noch das einzige bestimmende
Prinzip ^^). Andere Motive setzten erst bei den späteren Entwick-
lungsstufen ein. Außerdem ist daran zu erinnern, mit welcher pein-
lichen Genauigkeit die Rabbinen die Überlieferung von ihren Leh-
rern weitergaben. Sollte hier strengste Sorgfalt und in der Tradi-
tion der Worte und parallel dazu der Machttaten Jesu gTÖßte Will-
kür geherrscht haben, solange sie im Kreis der palästinischen Ge-
meinde geschah? Der Widerstand der historischen Tatsachen wird
bei den Wundern infolge der Eigenart des in ihnen enthaltenen Ge-
schehens stärker gewesen sein als bei den Gesprächen, die sich eher
in feste Formen bringen ließen. Das werden wir also zuweilen als
Ursache dafür ansehen dürfen, wenn die Schilderung eines Einzel-
zuges die Prägnanz des Aufbaus unterbricht. Je eigenartiger und
der landläufigen Topik ferner der Zug ist, desto eher werden wir
dazu berechtigt sein. Zuweilen wird aber auch bei den Wunder-
46) Zur Formgeschichte S. 197 f.
47) S.27.
48) S. 165; 169; 226 f.
49) S. 80ff.
50) Kittel, Der historische Jesus, S. 49, betont besonders auf Grund
von Lk. 1, 4 und Apg. 1, 21 f. „die Lebendigkeit und Dringlichkeit der
urchristlidien Frage nadi dem historischen Jesus".
51) Damit ist noch nidit gesagt, daß die Durchsetzung dieses Prinzips
im einzelnen immer gelungen ist. Aber als Absicht ist es da.
91
gesdiiditen dieser Gruppe der eine oder der andere Satz hinzuge-
kommen sein, der der Ausmalung oder Verstärkung der Wirkung
galt. Der Vergleidh. mit den entsprechenden Aussprudierzählungen
kann da mandunal einen Anhalt zur Kritik geben. Selhstverständ-
lidi darf aber kein SAematismus Platz greifen. Das historisdie Ge-
sdiehen wird der Grund dafür sein, daß wir nicht immer Wunder-
und Ausspruditradition säuberlidh. getrennt finden ^'^). Die ge-
misditen Wunder- und Aussprudigesdiichiten fügen sidi größten-
teils der alten Stufe der Überlieferung ein. Die enthaltene Aus-
spruditradition bewirkt, daß sie meist nodi weniger gegen die
prägnante Form verstoßen, als die hierher zu zählenden Wunder-
gesdiiditen ^^). In der ältesten und besten Überlieferung überwiegt
Jesu Wunderwirken mit dem Wort so stark ^*), daß wir es wohl
als historisdi anzusehen und den Beriditen von Berührungsheilun-
gen vorzuziehen haben. Es ist möglidi und sogar wahrsdieinlidi,
daß Jesus außerdem audi zuweilen die Kranken berührt hat, und
daß der Beridit von Berührung neben dem Maditwort die Quelle
der Überlieferung von Heilung durdi Berührung gewesen ist°^). —
Bis hierher entspridit die Entwicklung der Wundergesdiiditen ge-
nau der der Aussprudiüberlieferung. Im weiteren hat sie infolge
des eigenartigen Stoffes ihren besonderen Gang genommen. Und
zwar geht die Umgestaltung nadi zwei Seiten. Einerseits tritt eine
Verblassung der prägnanten, lebendigen Erzählungsform ein. Die
Gestalt dieser Wundergesdiiditen erinnert an den Stil des Talmud.
Es wird undeutlidi, abrißhaft, mit weniger Wärme erzählt. In
vielen Fällen wird die direkte Rede durdi Erzählung ersetzt. Das
konnte bei der Wunderüberlieferung leidit geschehen, da mit der
52) So audi Fasdier S. 161 f.
53) Bultmann S. 223 stellt fest, daß diese Gesdiiditen „nicht im Stil
der Wundergesdiiditen erzählt sind, da das Wunder ganz der apophtheg-
matisdien Pointe dienstbar gemadit ist". Letzteres ist nicht richtig.
Das Wunder behält durdiaus seine Bedeutung neben der Aussprudi-
pointe. Die formale Annäherung an die Aussprudierzählungen will nidit
viel bedeuten, da ja überhaupt die alte Form der Wundergesdiichte der
der Aussprudigeschidite sehr nahesteht. Die charakteristischen Eigen-
arten der Wundergesdiiditen gegenüber den Aussprudigesdiiditen : An-
gabe der Krankheit, Konstatierung- des Eintritts des Wunders (vgl. oben
S. 70ff.) haben die Gesdiiditen mit „apophthegmatischer Pointe" auch.
54) Siehe oben S. 66 f.
55) Siehe oben S. 82 Anm. 19.
92
Vergrößerung des zeitlidtien Aibstands von dem historisdien Ge-
schehen das Interesse sich melir und mehr allein auf das wunder-
bare Tun selbst konzentrieren mußte. Es ist hier der Scbritt von
der mündlichen zur schriftlidi fixierten Erzählung in der Gestal-
tung wirksam geworden, und zwar in Anlehnung an die jüdische
Darstellungsweise. Diese Art finden wir bei einigen ganz kurz er-
zählten Wundern und bei der Matthäusfassung einiger Gesdiidi-
ten. — Andererseits tritt, manchmal durch Ansätze, die bereits in
der alten Form vorliegen, angeregt, eine starke Ausmalung der Ge-
schichte ein. Sie ist besonders in der Markusform zu finden und
ist auf den Einfluß der hellenistischen Welt zurückzuführen °'').
Außer der für die mündliche Erzählung sehr geeigneten bunten
Gestaltung tritt dabei zuweilen eine gewisse Neigung zum Bericht
von merkwürdigen Besonderheiten hervor. Die prägnant-dialogi-
sche Form wird dabei mehr oder weniger aufgelöst. Inhaltlich
wird bei diesen Wundern eine Tendenz in dreierlei Richtung sicht-
bar: einmal die lebendige, anschauliche Gestaltung, zweitens die
besondere Hervorhebung des wunderbaren Vorgangs und drittens
zuweilen der Versuch, die Mittel des Wundervollzuges anzugeben,
was eine gewisse rationale Neigung zeigt ^''^). Im Einzelfall können
auch lebendig wirkende Züge auf alte Überlieferung zurückgehen.
Das muß je nach den besonderen Umständen entschieden w^erden.
Die Geschichten, die oben ^^) in den letzten Gruppen zusammenge-
faßt wurden, lassen sich nidit als eine Entwicklungsstufe im Zu-
sammenhang mit den übrigen Wundem begreifen. Um die Ent-
stehung ihrer Gestaltung zu untersuchen, müssen sie einzeln durch-
gegangen werden. Das ist Sache des nächsten Abschnittes ^^).
56) Daß Markus gerade in der Wunder Überlieferung so viele helle-
nistische Züge hat, wird daran liegen, daß hier die Versuchung zur Auf-
nahme soldier Elemente infolge der hellenistischen Wunderwelt am
größten war. Über hellenistisdie Elemente außerhalb der Wunder bei
Markus siehe Schlatter, Matthäus an zahlreichen Stellen.
57) Vgl. Johannes Weiß, S. 50, und in „Die Schriften des Neuen Testa-
ments", Bd. I, S. 54
58) Siehe oben S. 56 f. und 70.
59) Johannes Weiß in „Die Sdiriften des Neuen Testaments", Bd. I,
S. 53 f., gibt ganz kurz einen Überblick über die Entwicklung der synop-
tischen Wunder, der mit dem hier gegebenen teilweise übereinstimmt,
aber stärker vom inhaltlichen als vom formalen Gesichtspunkt ausgeht.
93
IV. Die Entwicklung der einzelnen Geschichten.
Bei der Behandlung der einzelnen Geschiditen sollen im wesent-
lidien nur auf Grund der Ergebnisse dieser Untersudbiung Folgerun-
gen gezogen werden. — Das Folgende ist zum. Teil Zusammenstel-
lung von bereits Gesagtem. — Die Dämonischenheilung (Mk. 1,
23 — 28; Lk. 4, 53 — 37) ist in beiden Fassungen in der prägnant-dia-
logischen Form überliefert. Bedenken bestehen gegen den Schluß-
satz von der Verbreitung der Kunde, da so etwas niemals am Schluß
der Ausspruchgeschichten berichtet ist. Dieser Grund unterstützt
die scion von andrer Seite geltend gemachten Einwände gegen die
Zugehörigkeit des Verses zur Gesdiiciite selbst ^). Er wird darum
niciit zur Geschtidite selbst gehören. — Die Heilung der Schwieger-
mutter Petri ist nicht in der alten Form überliefert (Mt. 8, 14 f.;
Mk. 1, 29—31; Lk. 4, 38 f.). Sie läßt zwar den Aufbau nocii deut-
lich erkennen, zeigt aber die abrißhafte Art der Erzählung, die,
wie oben^^) festgestellt wurde, die Entwicklung aus jüdischem
Boden mit sich, brachte. Darum ist auch das Heilungswort bei
Matthäus und Markus durcii die Erzählung von Berührung, bei
Lukas von Bedrohung ersetzt. — Die Aussätzigenheilung (Mt. 8,
1 — 4; Mk. 1, 40 — 45; Lk. 5, 12 — 16) ist in allen drei Evangelien in
der alten Form überliefert. Bei Markus ist der prägnante Aufbau
durch den bei Matthäus und Lukas fehlenden Vers 43 unterbrochen.
Er ist audi inhaltlich sch.wer zu verstehen, da der Geheilte hinaus-
geworfen wird, aber in Vers 44 Jesus noch zu ihm spricht. Viel-
leidhit haben wir es mit einem hierher geratenen Satz aus einer
Dämonenaustreibung zu tun. An dieser Stelle wird er jeden-
falls nidit ursprünglich sein. Dieser Vers wirkt im Aufbau der
Geschidite als Anhängsel. Markus 1, 45, Lukas 5, 15 f., die bei
Matthäus keine Parallele haben, werden gleichfalls nicht ursprüng-
lichi sein"'^). — Die Geschidite vom Hauptmann von Kapernaum
(Mt. 8, 5 — 13; Lk. 7, 1 — 10) ist eine gemischte Wunder- und Aus-
spruciigeschiciLte, die bei Matthäus in der prägnant-dialogisdien
Form überliefert ist. Allein die Verse 11 f. stören den Aufbau und
60) Die meisten Neueren halten den Vers wegen seiner landläufigen
Stilisierung (Ähnlichkeit mit den Summarien) für Arbeit des Redaktors.
61) Siehe S. 92.
62) Auch Bultmann will wohl diese Verse aussdieiden. Es liegen bei ihm
an dieser Stelle ansdieinend Druckfehler vor (S. 227).
94
sind als eingesdiobenes Logion zu betraditen, das Lukas an anderer
Stelle bringt. Nadi ihrer Aussdieidung wirkt audi das Heilungswort
nidit als Anhängsel '^^). Die Lukasfassung ist eine zur Erhöhung
der Wirkung ausgestaltete Form, die sich unter die oben gezeigten
beiden häufigsten Entwicklungsgänge nidit einordnen läßt, sondern
ihre besondere Eigenart hat. Durch die Ausführung des ersten
Teils tritt die Heilung selbst stark in den Hintergrund. — Die Gicht-
brüdügenheilung (Mt. 9, 1—8; Mk. 2, 1—12; Lk. 5, 17—26), gleich-
falls eine gemischte Ausspruch- und Wundergeschichte, ist bei allen
drei Evangelisten in der alten Form überliefert. Die Beschreibung,
wie der Gichtbrüciiige durch das Dach gelassen wurde, wird, ob-
wohl sie Matthäus nicht hat, wegen ihres ganz individuellen Cha-
rakters nicht für Ausgestaltung, sondern für alte Überlieferung zu
halten sein. Auch der Fehler im Satzbau vor dem Heilungswort
(Mt, 9, 6; Mk. 2, 10; Lk. 5, 24) kann durciiaus schon aus alter Zeit
stammen. Ja, der Satz ist sogar in der jetzigen Form in der münd-
lichen Erzählung viel leiditer zu verstehen, als im geschriebenen
Zustand ^). — Von den Sabbatheilungen ist in der von allen Evan-
gelisten berichteten von der verdorrten Hand (Mt. 12, 9 — 14; Mk. 3,
1 — 6; Lk. 6, 6 — 11) die alte Form nicht rein erhalten. Bei Matthäus
ist in Anbetracht seiner Neigung, Logien in Geschiditen unterzu-
bringen, das Wort vom Schaf im Brunnen (V. 11 f.), das Lukas an
anderer Stelle bringt, hier nicht als ursprünglich anzusehen. Die
Gestalt der weiteren Verse ist bei Matthäus durdi den Einschub
beeinflußt. Im übrigen wirkt die Matthäusfassung mit der im An-
63) Die Annahme, die Erzählung habe ursprünglich mit Mt. 8, 10, Lk.
7, 9 geschlossen, würde sie aus einer Wundergesdiidite in eine reine
Ausspruchgeschichte wandeln. Sie hat aber keine Wahrscheinlichkeit,
da man kaum je in der ältesten Gemeinde eine Erzählung überliefert
haben dürfte, in der Jesus um Heilung angefleht wird und der Glaube
des Bittenden noch besonders lobend hervorgehoben ist, aber dann von
der Hilfe Jesu nicht die Rede ist.
64) Beim historischen Vorgang selbst wird freilich der mit i'va bä eibfjTe
beginnende Satz nicüit gesprochen worden sein, sondern das Heilungs-
wort wird allein die Antwort vollendet haben. Der Satz wird in der Tra-
dition als Erklärung dazu gekommen sein (so auch Dibelius S. 34 f.),
und zwar ist die Erklärung in Anbetracht des Inhalts des Vorwurfs
sachgemäß. Zu Bultmanns These, der nadi Wellhausen, Mk. V. 5b— 10,
ausscheiden will, etwas zu sagen, ist von dieser Untersuchung aus nidit
notwendig. Siehe aber oben S. 69.
95
fang gestellten Frage älter als die des Markus und Lukas, mit dem
wegen seiner Belanglosigkeit verdäditigen ^T^ipe (Lk. Kai crtfiGi) elq
TÖ iLi^orov. Außerdem ist es ungewölinlidi, daß Jesus derartig völlig
allein in einer Gesdiidite spridbt und handelt. Die Wahrsdieinlidb-
keit spridit also dafür, daß der ursprünglidie Anfang bei Matthäus
in Vers 9 — 10 erhalten ist, und daß dann die Gesdbidite wie Mar-
kus Vers 4 ff. weiterging. Damit haben wir sie auf ihre alte Form
zurückgeführt. — Die Sabbatheilung der verkrümmten Frau (Lk.
13, 10 — 17) hat den prägnant-dialogischen Aufbau. Sie gibt von
unserer Untersuchung aus zu keinen Bedenken Anlaß. — Dagegen
ist die Gestalt der Geschidtite von der Heilung des Wassersüchtigen
sidier nicht alt (Lk.l4,i — 6). Vers 1 — 4 ist der ersten Sabbatgeschichte
genau nadigestaltet. Vers 5 f. ist deutlicher Anhang, um das Wort
vom Sohn oder Rind im Brunnen unterzubringen. Die Geschichte,
die mit Vers 4 eigentlich, schon zu Ende war, wird noch einmal auf-
genommen. Und in Vers 6 wird, nachdem schon in Vers 4 das Ver-
stummen der Pharisäer berichtet war, gesagt, daß sie nidits darauf
antworten konnten. — Bei der Gesdiichte vom Jüngling zu Nain
(Lk. 7, 11 — 17) spridit außer den schon in der bisherigen Forsch^ung
geltend gemachten Gründen auch der Aufbau für junge Gestaltung.
Die Erzählung ist so bewegt und unprägnant, daß sie nicht als alt
angesehen werden kann. Auch, daß Jesus ganz allein handelt,
madhit das unwahrscheinlich. Es wurde schon festgestellt ^^), daß
auf diese Geschichte hellenistische Einflüsse eingewirkt haben. Das
direkte Auferweckungswort und die echt synoptische Schilderung
der Folgen machen aber das Zugrundeliegen einer älteren Fassung
wahrscheinlidhi. — Die Dämonisdtienheilungen, die zur Einleitung
der pharisäischen Anlclage dienen (Mt. 9, 32—34; Mt. 12, 22—24;
Lk. 11, 14 f.), gehören zu der Gruppe der schriftstellerisch verkürz-
ten und abgeblaßten Wunder. — Die Seesturmgeschichte (Mt. 8,
23—27; Mk. 4, 36—41; Lk. 8, 22—25) ist uns in der alten prägnant-
dialogischen Form überliefert. Und zwar ist wahrsdieinlich die
Markus-Lukasfassung, die das tadelnde Wort an die Jünger im
Gegensatz zu Matthäus nach der Sturmstillung hat, die ältere,
da hier der dialogische Charakter stärker hervortritt. Ein Anfang
der schriftstellerischen Absdiwädbiung ist es, daß bei Matthäus und
Lukas das bei Markus in direkter Rede angeführte Machtwort fehlt.
65) Siehe oben S. 83 ff.
96
Die Markusgestaltung ist also als die älteste anzusehen. — Die Ge-
sdh.idite vom (von den) gerasenischen Besessenen (Mt.8, 28 — 34; Mk.
5, 1 — 20; Lk. 8, 26 — 39) ist in allen drei Evangelien zu der helleni-
stisch beeinflußten Stufe zu redmen""). Trotzdem sind überall noch
Reste der prägnant-dialogisdien Gestaltung erkennbar. Die Mat-
thäusfassung madit außerhalb der Sdiweinegeschichte, etwa in den
Versen 28 f. und 34 b einen durchaus alten Eindruck. Vielleicht
haben die Verse 50 — 34 a eine andere ursprüngliche Austreibungs-
erzählung verdrängt. Bei der bedeutenden Kürze des Matthäus
gegenüber Markus und Lukas ist es möglich, daß bei diesen beiden
die Geschiciite nach Eindringen des Stücks von der Schweineherde
eine weitere A.usgestaltung erfuhr. Jedenfalls liegt kein Grund vor,
weshalb er die Geschichte gekürzt haben sollte '''). — Die Geschichte
von der Blutflüssigen (Mt. 9, 20—22; Mk. 5, 25—34; Lk. 8, 43—48)
ist bei Matthäus in der alten prägnanten Form erzählt. Allein der
Vers 21, der die Überlegung der Frau enthält, könnte nicht ur-
sprünglich sein. Strack-Billerbeck bringt Bd. I, S, 520 ein Bei-
spiel aus b. Ta'anith 23 b, wo das Fassen der Säume des Gewandes
als Zeichen der Bitte vorkommt. Das dürfte auch hier der ur-
sprüngliche Sinn sein, zumal sich die Gestalt der Erzählung, wo
dieser Inhalt vorlag, durch Auslassung des Verses 21 in der Mat-
thäusform nodi gewinnen läßt und auch formal dem entspricht, was
wir sonst vom Aufbau der ältesten Wundergeschichten her kennen.
Die im Hellenismus verbreiteten Gedanken von Heilung durch Be-
rührung^^) werden dann dazu geführt haben, auch hier eine Aus-
deutung in diesem Sinn vorzunehmen. Und zwar wurde er zuerst
nur in die Gedanken der Frau hineinverlegt: Matthäus, Vers 21.
Das fap des Satzes, sein Nachklappen — dem Sinn nach gehört er
vor Vers 20 b — spredien auch dafür, daß er eingeschoben ist. Bei
Markus und Lukas ist dann der Prozeß zu Ende geführt, indem die
Heilung selbst als durch Berührung des Gewandes bewirkt be-
66) Siehe oben S. 83 ff.
67) Daß Matthäus eine Sdieu vor Merkwürdigkeiten gehabt hat, läßt
sich angesichts dieser Geschichte nidit behaupten. — Daß Matthäus Stel-
len meidet, wo Jesus Fragen stellt (Klostermann, Matthäus S. 20), trifft
nicht zu, da er 9, 28 allein eine Frage bringt. Die Beispiele S, 20 sind
vielfadi nicht beweiskräftig. — Die Zweizahl der Besessenen wird aber
sekundär sein.
68) Vgl. besonders Weinreidi S. 64
97
sdiriebeu wird. In diesen beiden Evangelien hat das hellenistische
Element zur Auflösung des alten Aufbaues geführt. Die Matthäus-
form als aus Markus entstanden zu erklären, liegt gar kein Grund
vor. Denn daß Matthäus an sidi die Heilung durdh. Berührung nicht
scheute, zeigt Vers 21, sowie 14, 56*"'). Auch der unwitiitige aus-
gestaltende Dialog Jesu mit den Jüngern, bzw. Petrus bei Markus
und Lukas und das Heilungswort am Sdilufi der Markusgesdiiciite,
das keinen rechten Sinn mehr gibt, sprechen für jüngere Fassung '"').
— Die Erweekung der Toditer des Synagogen Vorstehers (Mt. 9, 18 f.;
23—26; Mk. 5, 21—24; 55—45; Lk. 8, 40—42; 49—56) ist in keinem
der Evangelien in dei^ alten Form berichtet. Markus und Lukas zei-
gen eine ausgeführte Gestaltung, die mit hellenistischen Elementen
durchsetzt isf^^). In dieser Beziehung erscheint Matthäus älter; bei
ihm ist aber die schriftstellerische Abschwächung eingetreten, der
das Heilungswort und vielleicht das als individueller Zug wohl alte
Stück von der Todesbotschaft zum Opfer gefallen ist. Ist letzteres
wirklicii ursprünglidi, so haben wir auch für die alte Form eine
Gestaltung anzunehmen, die von dem üblichen Schema einigermaßen
abwich und ungefähr der Markusform nach Abzug der hellenisti-
schen Einflüsse entsprach. Das direkte Heilungswort ist bei Markus
und Lukas erhalten geblieben. — Die Geschichte von der Kanaani-
tin (Mt. 15, 21—28; Mk. 7, 24^30) ist in beiden Fassungen in der
prägnant-dialogischen Form überliefert. Es ist also für unsere Un-
tersuchung nicht von Belang, ob die Verse 25 f. bei Matthäus ur-
sprünglich zur Geschichte gehören oder nicht. — Die Taubstummen-
heilung (Mk. 7, 31 — 37) läßt die alte Form noch gut erkennen. Sie
ist aber durdi hellenistische Elemente, die Manipulation, die ^fjai«;
ßapßapiKrj erweitert '^^). — Kaum sind Spuren der alten Gestaltung
in der G«schidite vom Blinden bei Bethsaida (Mk. 8, 22 — 26) zu
verspüren. Der hellenistische Einfluß zeigt sich in der Heilhand-
69) Gegen Klostermann, Matthäus S. 83, ist zu sagen, daß Matthäus,
wenn er die Fragen Jesu und die unehrerbietigen Äußerungen der
Jünger hätte weglassen wollen, er dies aucii tun konnte, ohne die Heilung
durch Berührung auszustoßen. Siehe im übrigen S. 103 Anm. 96.
70) Die in der Forschung meist anzutreffende Bevorzugung des Markus-
textes dieser Gesdiidite ist von dem Dogma diktiert, daß Markus auch
in der Einzelgestaltung der Geschichten meist die ursprünglidiste Form
habe. Vgl. dagegen unten S. 102 ff.
71) Siehe oben S. 85 ff.
72) Siehe oben S. 82 ff.
Pereis. 7
98
liiiig und der Tatsadie der Stufenheilung ^^). Letztere als Parallele
zum Regenwunder des Honi"'^^) anzusehen und sie für Stilisierung
zu halten, ist wohl nicht berechtigt, weil der inhaltlidhe Abstand zu
groß isf^^). — Die Geschichte von der Heilung des epileptischen
Knaben {Mi. 17, 14—21; Mk. 9, 14—29; Lk. 9, 37— 45 a) ist in der
jetzigen Gestaltung siciier bei allen drei Synoptikern nidhit alt. In
der Gegenüberstellung von Jesus und den Jüngern das Motiv des
Zauberlehrlings wirksam zu sehen '^), ist freilidi wohl nicht beredi-
tigt. Bei Matthäus dürften hellenistische Einflüsse in der ausführ-
lidien Krankheitsschilderung zu erkennen sein; schriftstellerische
Arbeit schwächte das Heilungswort zur Erzählung ab. Vers 19 f. sind
als niciit ursprünglich anzusehen, da sie zur Unterbringung eines
Logions dienen, das bei Lukas an anderer Stelle erscheint. Nadi Ab-
zug dieser Merkmale jüngerer Gestaltung ist die alte Form aus
Matthäus nodi gut zu erschließen. Bei Lukas steht es ähnlich. Doch
ist sein Beridit, daß der Knabe in Gegenwart Jesu einen Anfall
bekommt, der gegen den prägnanten Aufbau verstoßen würde, wohl
nicht alt. Die Sciilußbelehrung der Jünger fehlt bei ihm. Die Mar-
kusfassung zeigt die am stärksten abgewandelte Form. Am Anfang
ist ein ziemlidi belangloser ausgestaltender Dialog hinzugekom-
men. Zu der ersten Krankheitssch.ilderung ist dasselbe zu sagen,
wie zu der entsprechenden Matthäusstelle, zu dem Anfall in Gegen-
^v^art Jesu dasselbe wie zu Lukas. Mit Bultmann"^^) ist in Vers 21 ff.
ein Einschub, vielleicht ein© zweite Heilungsgesciiichte zu sehen.
Besonders der zweite Krankheitsbericht spridht dafür. Der Einschub
wird freilidi nur bis V. 24 reichen, wo die synoptisciien Parallel-
beiichte wieder einsetzen ''^). Daß in der doppelten Heilung V. 25 f,
und V. 27 ursprünglich die beiden Heilungsberichte der zusammen-
gearbeiteten Wunder stecken, ist wahrsdieinlich/^^). — Der Blin-
75) Siehe oben S. 79 f.
74) Klostermann, Matthäus S. 21, sieht eigenartigerweise in dem Fehlen
dieser beiden vom Hellenismus beeinflußten Wunder bei Matthäus ein
Zeidien des sekundären Charakters der Matthäusüberlieferung. — Vgl.
Sdilatter, Matthäus S. 493.
75) Bultmann S. 225 f.; 236. 76) 8. 225 f.
77) Warum Bultmann meint, der Versuch, mittels der synoptischen
Vergleidiung die Sadie zu klären, führe nicht zum Ziel, ist nicht ver-
ständlich.
78) Die beiden wahrsdieinlich zusammengearbeiteten Wunder müssen
übrigens Varianten gewesen sein, da der Krankheitsbericht Mk. 9, 18 dem
99
denheiluiig bei Jeridio {Mi. 20, 29—34; Mk. 10, 46—52; Lk. 18, 35
bis 43) ist die bei Matthäus (9, 27—51) berichtete an die Seite zu
stellen. Dabei zeigt sich, daß wir in der letzteren eine Wunder-
gesdiidite der alten prägnanten Form vor uns haben. Kein Zug —
vielleidit abgesehen von der Zweizahl der Kranken — kann als
nidit ursprünglich angesehen werden. Von den drei anderen Be-
richten ist die Lukasform wohl die älteste. Bedenken könnte liödi-
stens das einleitende Gesprädi zwischen dem Volk und dem Blin-
den und die zweimalige Wiederholung des Rufs erwecken. Bei
Markus ist außerdem sicher das belanglose Zwisdiengespräch, V. 49,
als sekundär anzusehen.
Es folgen die Wunder, bei denen ein unmittelbar folgendes Ein-
treten nidit berichtet ist. Sie müssen namentlich von den Gesichts-
punkten des ersten Kapitels aus beurteilt werden. Die Speisungs-
wunder (Mt. 14, 15—21; Mk. 6, 35—44; Lk. 9, 12—17; Mt. 15, 32—39;
Mk. 8, 1 — 10) haben zweifellos ihre Gestaltung nacht dem Vorbild
der Brotvermehrung durch Elisa bekommen '^^). Außerdem ist, be-
sonders bei dem ersten, eine Ausgestaltung durch. Gespräche un-
wesentlidien Inhalts erfolgt^"). Das zweite Wunder erweist sich
durch die Dialogisierung der Einleitung des ersten als sekundär ^^).
Doch ist für beide vorliegende Formen wohl späte Entstehung, und
zwar wegen der A.T.- und Talmudparallelen ^), auf jüdischem Bo-
den anzunehmen, — Gegen das Alter des Heilungswunders an den
10 Aussätzigen (Lk. 17, 11 — 19), das eine gemisdite Wunder- und
Aussprudierzählung ist, kann von unserer Untersuciiung aus nichts
gesagt werden. Nur ruft die Tatsache, daß sonst deri späte Charak-
ter der Wunder, bei denen nidit der sofortige Eintritt beriditet ist,
sich immer wahrscheinlich machen läßt, auch gegen diese Geschichte
einen Verdacht wach. — Die Erzählung von Petri Fisciizug (Lk. 5,
1 — 11) ist eine gemisciite Wunder- und AusspruchgeschiciLte. Auch
wenn nidit anzunehmen ist, daß in dem Wort vom Mensch.enf angen
das Wunder symbolisiert wird, wenn vielmehr nur der Beruf des
des Lukas 9, 59 parallel ist, während der zweite iVIk. 9, 22 dem, des
Mt. 17, 15 sehr ähnelt.
79) Siehe oben S. 77 f.
80) Siehe oben S. 15 f.
81) Siehe oben S. 12.
82) Siehe oben S. 80.
100
Fisdiers darin verbildlidit wird^^), so liegt trotzdem eine starke
Unterordnung des Wunders unter das Tkema der Berufung Petri
vor. Sein Gehorsam und seine Demut maclien ihn für die Jünger-
schaft reif. Das Wunder dient dazu, ihn zu prüfen und zur Aner-
kennung Jesu zu bringen. Diese inhaltliche Unselbständigkeit des
Wunders, die sonst auch, in den gemisditen Gesdiiditen nicht vor-
liegt, madbit seine junge Entstehung redtit wahrscheinlidb. — Wegen
der inhaltlidien Unterordnung des Wunders unter das Wort ist
auch, dem Satz von der Besciiaffung der Tempelsteuer (Mt. 17, 27)^'^),
der Gesdbiichte von Petri Meerwandeln (Mt. 14, 28 — 31) ^^), von der
Yerfludiung des Feigenbaums (Mt. 21, 18—22; Mk. 11, 12—14;
20 — 25) ^°) kein hohes Alter zuzugestehen. Ob sie auf jüdischem
oder griediisdiem Boden entstanden sind, läßt sich, kaum sagen, weil
die jüdisciien Wunder, mit denen sie Berührungen haben, aucii
schon unter orientalisch-hellenistisciiem Einfluß entstanden sein
können. — Die Erzählungen von der ^vnnderbaren Beschaffung der
Eselin (Mt. 21, 2 f.; 6; Mk. 11, 2—6; Lk. 19, 30—34) und des Abend-
mahlsraumes (Mt. 26, 18 f.; Mk. 14, 13—16; Lk. 22, 10—15) werden
gleidif alls nicht als alt anzusehen sein, da sie bereits eine legendäre
VerselbstverständliciLung des Wunders bedeuten^'). — Auf das
Konto der Evangelisten kommen selbstverständlicii alle sum-
marischen Heilungsbericiite, die aber deshalb trotzdem auf guter
Kunde beruhen können. — Nadi Form und Inhalt völlig abseits
steht die Gesdiichte vom Meerwandeln Jesu (Mt. 14, 22—27; 52 f.;
Mk. 6, 45 — 52). über ihre Entstehung ist von dieser Untersudiung
aus nichts festzustellen.
Zum Sciiluß sei noch^ zweierlei bemerkt: 1. Außer den Gesciiichten,
die eine Verselbstverständlichung des Wunders zeigen und denen,
bei denen Unterordnung des Wunders unter eine Ausspruciipointe
vorlag, sind bei sämtlich.en Berichten nur Feststellungen betreffs des
Alters der uns vorliegenden Fassungen gemacht worden. Während
bei den ersteren das Zurückgehen auf einen historischen Vorgang
nicht wahrscheinlich ist, ist bei den letzteren nichts darüber aus-
gesagt. Es kann theoretisdh ein Wundeir in ganz alter Form über-
83) Siehe oben S. 17.
84) Siehe oben S. 17.
85) Siehe oben S. 17.
86) Siehe oben S. 17.
87) Siehe oben S. 72.
101
liefert und dodb. erfunden sein und ein in junger Gestalt vorliegen-
des auf historisdie Ereignisse zuriickgeken. Dodb. ist die Wahr-
sdieinlidtikeit dafür selbstverständlidi bei den in alter Form erhal-
tenen Wundern größer. 2. Für die Bedeutung der formalen Paralleli-
tät der Wort- und Wunderüberlieferung ist es widitig, daß sämt-
liche Wundergesdiichten, in denen der sofortige Eintritt des wun-
derbaren Gesdh.ehens nidtit berichtet wird, denen also das wesent-
liche ZentDum des Parallelismus von A,usspruch- und Wunderge-
schidtite fehlt (mit Ausnahme der Heilung der 10 Aussätzigen), aus
wichtigen Gründen (Unterordnung unter die Ausspruchüberliefe-
rung, Verselbstverständlichung, alttestamentliches Vorbild) zum
mindesten in ihrer jetzigen Gestalt nicht für alt gehalten werden
konnten. Dadurch erfährt die Feststellung, daß dieser Parallelis-
mus ein Kennzeidben der alten Zeit ist, starke Bestätigung.
V. Antwort auf Einwände vom Standpunkt der Zweiquellen-
tbeorie.
Es wurde bisher bewußt vermieden, auf die Fragen einzugehen,
die sich vom Standpunkt der synoptischen Forschung im engeren
Sinne zu diesen Ergebnissen erheben. Was würde die Richtigkeit
der erarbeiteten Feststellungen für die synoptische Vergleichung be-
sagen? Es ergab sich, daß bei Matthäus einerseits, bei Markus und
Lukas andererseits eine veisdhiiedene Entwicklung einiger Wunder-
geschidbten vorlag. Bei Markus haben sie unter Einfluß der helle-
nistisdien Welt eine Ausgestaltung erfahren, die ihrem volkstüm-
lichen, zur Predig! auf heidnischem Missionsgebiet geeigneten Cha-
rakter steigert. Bei Matthäus ist der hellenistisciie Einfluß ganz
bedeutend geringer. Dafür sind seine Wundergesdbiditen schrift-
stellei'isch stärker verarbeitet, weisen weiteren Abstand A^on der
mündlichen Überlieferung auf. Auch dogmatische Einflüsse machen
sidi hin und wieder geltend. Lukas steht im ganzen dem Markus
näher. Seine Gestaltung der Erzählungen zeigt im einzelnen mancii-
mal eine über Markus hinausgehende Entwicklung^^). Einige auf-
fällige Berührungen mit Matthäus machen es wahrscheinlidi, daß
ihm audi die bei Matthäus vorliegende Form der Überlieferung
teilweise zugänglich war^®), was sich auf Grund des „erreiöriTrep
88) Z. B. Lk. 9, 38 fügt bei der Bitte des Vaters des epileptisdien Knaben
hinzu: öti )LiovoYevri<; |lio( ^<jtiv.
89) Hiermit ist nidit unser Matthäusevangelium gemeint.
102 -
TToXXoi eTTexeipricrav" (1, 1) leicht annehmen läßt. Die älteste er-
scMießbare Gestalt der Stücke liegt in vielen Fällen bei keinem
Evangelisten vor, sondern hat bei allen eine — in versdbiedener
Riditung gehende — Abwandlung erfahren.
Muß dies Ergebnis unserer Untersucbun^ sich durdi sicherere auf
dem Gebiet der im engeren Sinn synoptisdien Forschung eine Kor-
rektur gefallen lassen? Im ganzen herrscht immer noch die An-
schauung, daß wir bei Markus nicht nur den ältesten Aufriß des
Evangeliums, sondern aucli im einzelnen, von Ausnahmen abgesehen,'
die beste Gestaltung der Überlieferung vorliegen haben, die durch
die beiden anderen Evangelisten abgewandelt wurde ^). Diese
Theorie, die den allergrößten Teil des evangelisdien Stoffes aus
zwei Quellen, Markus und Q, ableitet, hat den Vorzug der Ein-
fachheit für sich. Die Einfachheit einer Hypothese kann aber nur
im Fall der gleichen sachlichen Wahrscheinlidikeit mehrerer vor-
handener den A.usschlag für sie geben. Nun sind aber — nicht nur
von den Ergebnissen dieser Untersuchung aus — große Bedenken
gegen die Annahme der Priorität der Markusüberlieferung im ein-
zelnen geltend zu machen. Sie haben nadi den älteren Verfechtern
der Urmarkushypothese in neuerer Zeit in zwei starken Angriffen
gegen ihre Position Ausdruck gefunden. Schlatter bekämpft sie in
seinem Matthäuskommentar mit ähnlichen Gründen, wie sie von
dieser Arbeit aus geltend gemacht werden müssen: die Annahme,
daß Markus einen jüdischen Text hellenisient habe, ist der, daß
Matthäus einen hellenistischen judaisiert habe, vorzuziehen. Die
Folgerungen, die er daraus zieht, sind vielleicht zu Aveitgehend®^).
Der erste Band des Bußmannschen Werkes erneut die Urmarkus-
theorie, indem er in Lukas die älteste, in Matthäus die zweite und
in Markus die jüngste uns erhaltene Entwicklungsstufe des Mar-
kusstoffes erblickt. Seine Anbeit ist vor allem im Negativen von
Bedeutung: der Aufzeigung des an vielen Stellen sekundären Cha-
rakters der Markusüberlieferung. Die Herstellung einer Entwick-
lungsgeschichte der Tradition, in der die drei uns erhaltenen Über-
lief erungsformen als drei Stufen dieser Entwicklung erscheinen,
90) Gegen die starre Zweiquellentheoric wendet sich Schniewind, beson-
ders S. 149 f.
91) Wenn er nämlich audi den Gesamtaufriß des Matthäus gegenüber
Markus als ursprünglich ansehen Mall (S. XI). Vgl. Sdiniewind S. 135.
103
kann aber wohl nidit als gelungen angesehen werden ^^). Vielmehr
zeigte unsere Untersuchung an den Wundergeschichten, daß wir -^
wenigstens bei Matthäus und Markus — nicht mehrere Stufen der
Entwicklung vor uns haben, sondern eine Veränderung der ur-
spinünglichen Gestaltung in versdbiiedenen Richtungen. Da der
Gesamtaufriß der Evangelien nidhit als dem historischen Verlauf
entsprechend angesehen werden und auch nictt sdtion in der münd-
lichen Tradition entstanden sein kann, muß ein Evangelium mit
dem Aufriß des Markus unseren drei Evangelien zugrunde gelegen
liaben^^). Auci. im einzelnen wird er vielfach gegenüber Matthäus
primär sein®*). So finden audi die bei Klostermann ®^) angeführten
Gründe für den sekundären Charakter des Matthäus gegenüber
Markus großenteils ihre Erklärung. Teilweise wird man sie freilich
nicht als berechtigt ansehen können ®°). Eine Entstehung der
Matthäusfassung durch Abänderung unserer Markusfassung ist
jedenfalls damit nicht bewiesen und sicher nicht historisch. Die
Lukasgestaltung zeigt überwiegend Merkmale der Markus-, teil-
^veise auch der Matthäusfassung®'). Ein näheres Eingehen auf die
Fragen des synoptischen Verhältnisses ist nicht Aufgabe dieser
A,rbeit. Es scheint aber bei der starken Unsicherheit, die die For-
sch.ung auf diesem Gebiete außerhalb der einfadken Grundthese
von der Ursprünglichkeit des Markusaufrisses beherrscht, nicht
richtig zu sein, sich bei der Untersudbung der Einzelstücke von
Theorien auf diesem Gebiet zu sehr abhängig zu machen. An
92) Eine Widerlegung im einzelnen zu geben, ist nicht Aufgabe dieser
Arbeit. Die Stellung, die Bußmanu dem Matthäus anweist, wird den an
den Wundern gemachten Feststellungen nicht gerecht. Zu Bußmanns
Konstruktion siehe audi Sdmiewind S. 137 f.
93) Siehe Sdimidt S. 217.
94) Siehe z. B. die Einzeluntersudiung der Wjundergeschichten oben
S. 93 ff.
95) Matthäus S. 20 f.
96) Siehe z. B. oben S. 96 Anm. 67; S. 97 Anm. 69; S. 98 Anm. 74. Audi
Gemütsäußerungen Jesu wegzulassen, kann nicht als Eigenart des Mat-
thäus bezeichnet werden, da er 20, 54 über Markus und Lukas hinaus
vom „Erbarmen" Jesu spricht.
97) Siehe oben S. 101. Eine genaue Untersuchung über die Entstehung
des Lukas, etwa über die Gründe des Fehlens von Markus 6, 45—8, 26
bei ihm, ist hier nidit am Platze.
104
manchen Stellen der Foirsdiung mödite man meinen, daß sie durdb.
zu weifgehende feste Voraussetzungen in der synoptisdien Frage
gelitten hat.
VI. Überblick über das Material einzelner Teile der
sjmoptischen Überlieferung.
Ein kurzer Überblick soll nodb über einzelne Teile der synop-
tisdien Überlieferung gegeben werden, um festzustellen, ob sidi
von da aus besondere Gesiditspunkte oder Folgerungen für unsere
Untersudiung ergeben.
Das den drei Synoptikeicai gemeinsame Material enthält den
größten Teil der gesamten Wunderüberlieferung. Da von den hier-
bei wegfallenden Gesdiiditen viele zu den in jüngerer Gestalt über-
lieferten gehören (Taubstummer, Blinder von Bethsaida, Speisung
der 4000, Meerwandeln Petri, Jüngling zu Nain, Heilung des
Wassersüditigen, Heilung den 10 Aussätzigen, der Stater im Fisdi-
maul, Petri Fisdbzug, die Verfluchung des Felgenbaums), tritt in
dieser Traditionsgruppe die alte Form der Wundergesdiiditen, die
sie den Aussprudhgesdiichten parallel macht, verhältnismäßig nodi
stärker in den Vordergrund. Außerdem erfährt das erarbeitete
Ergebnis dadurdbi eine neue Bestätigung, daß ein großer Teil der
als in später Gestalt vorliegend bezeidineten Erzählungen sich auch
durdi die Niditzugehörigkeit zu einem oder zwei unserer Evange-
lien verdächtig macht. Selten sind die Erwähnungen von Jesu Wun-
dern in seinen Worten. Das den drei Synoptikern gemeinsame
Material enthält davon nur die Erwiderung Jesu auf die Teufels-
anklage. Außerdem ist in der Aussendungsrede den Jüngern das
Heilen aufgetragen und der Sprudi von dem Glauben, dem alles
möglidi ist, sicher audi zu der allen drei Evangelisten gemeinsamen
Überlieferung zu redinen. — Für sie gilt audi darum nodi stärker
die Bemerkung, die über die formale Parallelität in der Tradition
von Wort und Wunder gemacht wurde, da der größte Teil der
ungerahmten Logien nicht dazu gehört. Im übrigen gelten die
gleidien Feststellungen wie für die Gesamttradition.
Bezüglich der sogenannten Bedequelle sind die Beobachtungen
von Bußmann ^^) über die Einheitlidikeit von Q so einleuchtend,
daß sie hier Berücksichtigung finden müssen. Er sdieidet, wesent-
98) Bd. II, S. 110-156.
105
lidi wegen der Versdiiedenlieit in der Überlieferung der Stücke
durdi Matthäus und Lukas eine Quelle T, deren Inhalt Matthäus
und Lukas in fast wörtlidier Übereinstimmung bieten und eine
Quelle R, bei der sehr weitgehende, wahrscheinlidh. auf Über-
setzungsvarianten beruhende Abweichungen zu beobachten sind®^).
In einem weiteren Kapitel ^^°) versucht Bußmann nachzuweisen,
daß T keine selbständige Quelle, sondern eine durch Überarbeitung
in die „Gesehichtsquelle" eingefügte Erweiterung ist. Doch sind die
Ergehnisse dieses Abschnitts zu wenig sicher, als daß sie zu der
Folgerung zwängen, daß T-Material nicht für sich, sondern gleidi
in Verbindung mit der allen drei Synoptikern gemeinsamen Tradi-
tion zu behandeln. T enthält ein ausführliciies Wunder, die Ge-
sdiichte vom Hauptmann zu Kapernamn^°^), außerdem die Dämo-
nenaustreibung, die die Teufelsanklage einleitet ^°^). Verhältnis-
mäßig zahlreich sind die Worte Jesu in T, in denen er von seinen
Wundern spricht: Das Wehe über die galiläischen Städte, die Selig-
preisung der Augenzeugen, die Abwehr der Teufelsanklage ^*^) und
die Antwort an den Täufer. Bei der Geringfügigkeit des Materials
an Wunder- und A,usspruchgeschichten sind an dieser Uberliefe-
rungsgruppe keine Feststellungen zu machen. — Das Material, das
bei Matthäus und Lukas in verschiedener Übersetzung erhalten ist,
stellt reine Spruchüberlieferung ohne oder mit sehr kleinem
Rahmen dar. Weder Ausspruch- noch Wundergeschichten sind darin
zu finden. Daß es audb. kein Wort übar die Wunder enthält, ist bei
seinem ganz aus aktiver Wirksamkeit genommenen Inhalt, der
keinen Rückblick, keine Reflexion über das Getane bringt, nicht
auffällig. Da es bei diesem Überlieferungsstoff unsicjher oder sogar
unwahrsdieinlich ist, daß er vor Lukas und Matthäus bereits zu
einer Sammlung vereinigt war — hierin ist Bußmann abzuleh-
99) Im einzelnen mag vieles an Bußmanns Darstellung anfechtbar
sein, die Grundtatsache der Notwendigkeit, Q wegen der Versciiieden-
heit der Überlieferung durch Lukas und Matthäus aufzuteilen, ist kaum
anzuzweifeln.
. 100) S. 157—203.
101) Daß es unberechtigt ist, das Wunder aus dieser Geschichte aus-
zuscheiden, wie es auch Bußmann tut, ist oben S. 94 Anm. 65 gesagt
worden.
102) Doch will Bußmann dies Stück überhaupt nicht zu Q rechnen.
1Ö6
men^*'^) — , kann man ihn nidit wie andere Traditionsgxuppen als
Einheit charakterisieren. Er enthält eine Menge von Einzelstücken,
die sich nidit mit dem Wunder befassen. Das Stück Ton der Ableh-
nung der Zeichenf orderung ist mit Harnack**'^) gegen Bußmann
aus dem hierher gehörigen Material auszusdieiden, da die sprach-
liche Überlieferung — Lk. 11, 29 b; 31 f. sind fast wörtlicii gleidh.
Mt. 12, 39 b; 42 f. — es nach T verweist. Das Dazwischenliegende
wird von einem der beiden Evangelisten überarbeitet sein. Das bei
Matthäus und Markus gemeinsam vorhandene Material, sowie die
Sonderüberlieferung der drei Evangelisten geben zu besonderen
Bemerkungen keinen Anlaß; nur daß hervorzuheben ist, daß die
in ihnen enthaltenen Wundererzählungen größtenteils Merkmale
später Gestaltung tragen (mit alleiniger Ausnahme der. Geschickten
von der verkrümmten Frau und der Kanaanitin).
Sehen wir auf die uns vorliegenden drei Evangelien, so können
die für die Gesamtüberlieferung gemachten Feststellungen bezüg-
lidi der getrennten und gemeinsamen Überlieferung von Wort und
Wunder und der parallelen und abweichenden Gestaltung der
Wunder- und AusspruchgesdiiciLten ziemlich gleichmäßig auch auf
jedes einzelne von ihnen übertragen werden. Auf die charakteri-
stischen Abweidiungen in den einzelnen Evangelien ist schon ein-
gegangen worden. Nur auf das eine ist noch hinzuweisen, daß in-
folge der großen Zahl der in längere Reden zusammengefaßten
Jesusworte bei Matthäus und Lukas sidi bei Markus der geringste
Teil der Wortüberlieferung der Parallelisierung mit den dialogisdi
gestalteten Wundergeschichten entzieht, während bei den beiden
anderen bei einem großen Teil der Worte eine formale Parallele
zu dem Wunder nicht besteht. Die parallele Auffassung zeigt sich
aber trotzdem in zahlreichen Sätzen über die Wunder und in der
Parallelität ihres Aufbaus mit dem der mit Markus gemeinsamen
Ausspruch^geschichten.
Über die Verteilung des Überlieferungsstoffes auf die einzelnen
Traditionsgruppen sei noch ein Überblick gegeben. Die Zahlen der
folgenden Tabelle beziehen sidi auf Zeilen im Nestletext. Dabei
103) Hierin ist Joadiim Jeremias (Theol. Literaturblatt 52. Jg. 1931,
S. 66 — 68) recht zu geben. Jedoch ist die Ablehnung der Ausscheidung
von T unberechtigt, da wir hier clurcJi die fast wörtliche synoptische
Übereinstimmung einen festen Anhaltspunkt für die Beurteilung haben.
104) S.20f.
107
sind bei jedem Stück angefangene Zeilen mitgezählt, so daß die
Gesamtlänge der Evangelien etwas größea? ersdieint als sie in Wirk-
lidikeit ist.
1. Reines Spruchgut ....
2. Ausspruchgeschichten . . .
3. Wundergeschichten ....
1. + 2. +3
Prozentsatz d. Wundergeschich-
ten von den Hauptgruppen der
Überlieferung 1., 2.,3. . . .
■i. Verbindende und zusammen-
fassende Sätze
5. Geschichtserzählung **) . .
4. + 5
Gesamtsumme
Mt.
Mk.
Lk.
zus.
1046
519
233
479
■ 1463*
'
239
368
350
957
1804
1080
1813
4697
13 'Vo
34%
19%
20%
149
100
141
390
587'
386
680
1653
736
486
821
2043
2540
1566
2634
6740
9%
230/0
130/0
14%
Prozentsatz d. Wundergeschich-
ten von den ganz. Evangelien
Dabei tritt hervor, wieviel stärker die Beteiligung der Wunder
am Gesamtstoff bei Markus gegenüber Matthäus, aber audi gegen-
über Lukas ist. Und zwar kommt dieser gewaltige Unterschied
nicht nur auf Rechnung des Redestoffes, den Lukas und Matthäus
über Markus hinaus haben, sondern Markus, das kürzeste Evange-
lium, hat audi absolut den größten WuLuderstoff. Das liegt nament-
lich daran, daß bei ihm einige Wundergeschichten sehr lang ausge-
führt sind. In dem stärkeren Interesse des Markus für das Wunder
kann man ein Merkmal seiner gegenüber den anderen Evangelisten,
besonders Matthäus, mehii' hellenistisciien Art sehen.
Bezüglich der Gesamtüberlieferung versuchte unsere Unter-
suchung nachzuweisen, daß in der alten Tradition eine starke f or-
*) Bei Lukas ist eine sichere Trennung von reinem Spruchgut und
Ausspruchgeschichten nicht möglich.
**) Hier sind Vorgeschichte, Geschichte vom Ausgang Jesu und erzäh-
lende Stücke aus den Mittelteilen der Evangelien zusammengefaßt, alles,
was sich in den Gruppen 1 — 4 nicht unterbringen ließ.
108
male Parallelität der Wunder- und Aussprudigesdiiditen anzuneh-
men ist, die HUP in den durdi den Inhalt bestimmten Charakteri-
stika der Wunder unterbrochen war. Daneben .standen die nidit in
Gesdiiditen gefaßten Logien. Die formale Trennung war in dieser
Zeit nicht: Wort (isoliert und in Geschichten) einerseits — Wunder
andererseits, sondern: isolierte Worte einerseits — Geschiditen (mit
Ausspruch- odea? Wunderinhalt) andererseits. Diese Einteilung wird
als historisch giltig erwiesen durch die uns erhaltene Überliefe-
rung, die gleichfalls eine logienenthaltende, halachische (R) und
eine Geschichten enthaltende haggadische Traditionsgruppe (G)
erschließen läßt^). Die Entwicklung geht dann so, daß sich bei den
freien Logien die Tendenz zeigt, sie in den Geschichten unterzu-
bringen oder ihnen eigene Rahmen zu schaffen, während die
Wundergeschichten durch Abwandlungen verschiedener Art von der
prägnant-dialogischen Form entfernt werden. Auch Neubildung
von Wundererzählungen, die diese Form dann nicht bekommen, ist
hin und wieder anzunehmen. Diese Umwandlung der Tradition —
die Rahmung der freien Logien einerseits und die Entfernung der
Wundergeschichten von den Ausspruciigeschichten andererseits —
bewirkt es, daß man bei den uns vorliegenden Evangelien zweifeln
kann, ob die Trennung Wortüberlieferung — Wunderüberlieferung
oder die Unterscheidung Logion — Geschichte vom formalen Stand-
punkt sachlicher ist. Bei Matthäus und Markus hat das zweite wohl
immer noch stärkere Berechtigung, während bei Lukas durch die
starke Verwischung der Grenze zwischen reinem Spruchgut und
Ausspruchgeschichten die Einteilung Wort — Wunder näher liegt. —
Entsprechend dieser formalen Entwicklung deutet sich die Entwick-
lung in der Auffassung an. In der alten Zeit und auch in unseren
Evangelien haben wir trotz des vollen Bewußtseins von dem Unter-
schied zwischen Wort und Wunder und Wahrung ihrer Eigenart
dodi die Verkündigung beider als der Gaben des Christus, die seine
Vollmacht offenbar machen. In den späteren neutestamentlichen
Schriften tritt audi hier Verw^ischung und Trennung ein ^).
1) Sehr deutlich tritt die enge Parallele mit der rabbinischen Überlie-
ferung hervor. Auch dort haben wir die Scheidung: Reden — Gesdiidi-
ten; nur daß die Geschichten keine Wunder, wenigstens nicht nach Art
der neutestanaentlidien, enthalten.
2) S. oben S. 89 ff.
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male Parallelität clor Wunder- imd Ausspriicligesdiiiditeii anzuneh-
men ist, die nur in den durdi den Intalt bestimmten Charakteri-
stika der Wunder unterbrochen Avar. Daneben standen die nicht in
Gesdiichten gefaßten Logien. Die formale Trennung war in dieser
Zeit nidit: Wort (isoliert und in Gesdiichten) einerseits — Wunder
andererseits, sondern: isolierte Worte einerseits — Geschiditen (mit
Aussprudi- oder Wunderinhalt) andererseits. Diese Einteilung wird
als historisch giltig erwiesen durdi die uns erhaltene Überliefe-
lung, die gleichfalls eine logienenthaltende. halachische (R) und
eine Geschichten enthaltende haggadisdie Traditionsgruppe (G)
ersdilielJen läHt '). Die Entwicklung geht dann so, daß sich bei den
freien Logien die Tendenz zeigt, sie in den Geschichten unterzu-
bringen oder ihnen eigene Ralimen zu schaffen, während die
Wundergeschichten durch Abwandlungen verschiedener Art von der
prägnant-dialogischen Form entfernt \verden. Auch Neubildung
von Wundcrerzählungen. die diese Form dann nicht bekommen, ist
liin und wieder anzunehmen. Diese Umwandlung der Tradition —
die Rahmung der freien Logien einerseits und die Entfernung der
Wundergeschichten von den Aussprudigesdiichten andererseits —
bewirkt es, daH, man bei den uns vorliegenden Evangelien zweifeln
kann, ob die Trennung Wortiiberlieferung — Wuncleriiberlieferung
ofUr die Unterscheidung Logion — Geschidite vom formalen Stand-
pnnkl sachiidier ist. Bei iVlatthäus und Markus hat das zweite wohl
immer noch stärkere Berechtiguug. während bei Lukas durdi die
starke Verwischung der Grenze zwisdien reinem Spi-udigut und
Ausspruchgeschichten die Linteilung Wort — Wunder näher liegi. —
l'jntsprediend dieser formalen llntwicklung deutet sich die Ent^vick-
lung in der Auffassung an. In der alten Zeit und audi in unseren
livangelien haben wir trotz des vollen Bewußtseins von dem Unter-
schied zwischen Wort und Wunder und Wahrung ihrer LJigenart
doch die Verkündigung beider als der Gaben des Christus, die seine
Vollmacht offenbar machen. In den späteren neutestamentlidien
.Sdiriften tritt auch hier Verwischung und Trennung ein ").
1) Sehi' deutlich tiitl die enge Parcdlelc mit der i'abbinischeji Überlie-
ieiung hervor. Audi dort liaben wir die Sdieidung: Reden — Gesdiidi-
teii: mir daß die Geschichten keine Wunder, \v'enig'.sten.s nidit nadi Art
der neutestameutlidieiu enthalten.
2) S. ol)en S. 89 ff.
Beifräge zur Wissenschaft
vom Alten und Neuen Testament
: Dritte Folge
I.Heft: Die Prpbleme des palästinischen Spätjüdentums und das
Urchristentum.
., V ypii Gierhard kittel. ,8". IV.u.200S. 1926., RM. 7.50
2. Heft: Gott und Mensch; im Alten Testament.
;i Von Johannes Hempel. 8". "\/IIIu. 224 S. 1926. RM. 8.60
3.Heft: Der Heilige Geist in den Lukasschriften.
Von Heinrich vonBaer. 8°. VIII u. 220 S. 1926. _ RM. 8.60
4V Heft: Studien ZU Ezechiel und, dem Buch der Richter.
Von Siegfried. Sprank und Kurt Wiese.. 8°. VII u. 74 S. und II u. 61 S
1926, RM. 6.30 .:
5. Heft: Untersuchungen zum Bundesbüch. \. -
-Von Alfred Jepsen. '8 ». VIIL u. io8 S, 1927. RM. 4.30 ^
6. Heft : Die Überlieferung von der Thronnachfo^^^^
Von Leonhard RosC 8^ IV u; 142 S, 1927. RM6.30 '
7. Heft: "Textstudien zum Buche Hiob. \.
Von Georg Richter. 8». IV u 92 S. 1927. RM. 4.30 _
8. Heft : Die Worte der Dänionen im Markusevangelium.
Von Otto Bauernfeind. 8". VIII u. 104 S. 1927. RM. 4.—
9. Heft: Die Einheit des Tritojesaiä! (Jesaia 56—66).-
VönKarlEiliger.8^ IVu. 126 S. 1929. RM.J.40\
lö. Heft: Die israelitischen Personennamen im Rahmen der gemein-
semitischen Namengebung.
Von Martin Noth; 8". XIXU.-260S. 1929. RM. 10.80
11. Heft: Das Gottesvolk im Deuteronomium.
Von Gerhard von Rad. 8°. IV U.1 00 S. 1920. RM. 4.80
12. Heft: Der Gott der Väter.
Ein Beitrag zur Vorgeschichte der israelitischen Religion.
"" Von Älbjecht Alt.,8^ IVü.,84S. 1929. RM.3.20
13. Heft : Texte und Untet-süchungen zur vormasoretischen Gramma-
tik des Hebräischenl III. Septüaginta-Prpbleme.
. Von Alexander Sperber. 8°. VIII u.IOI S.,1929. RM. 6.75
14. Heft :' Texte und Untersuchungen zur vormasoretischen Gramma-
- tik des Hebräischen. IV. Masoreten des Westens. IL Das
palästinische Pentateuchtärgum. Die palästinische Punk-
tation. D^r Bibeltext des Ben Naftali.
Von Paul Kahle. Mit einem Beitrag von Dr. R. Edelmanii und 16 Licht-
drucktafeln. 8°. XII, 68, 95 S. 1930. RM. 18.-.
15. Heft: Ambs. Versuch einer theologischen Interpretation.
Von Karl Cramer. 8°. IV u. 216 S. 1930. RM. 10.80
16. Heft: Beiträge zur Erklärung des salomonischen Spruchbuches.
Von Gottfried Kuhn. 8». IV u. 113 S. 1931. RM. 6.—
W. KOHLHAMMER / VERLAG IN STUTTGART
Beträge zur WissenscKaft -\;
-vom Alten und ]^^
'herausgegeben von Albreclit Alt uiid Gerhard Kittel L
r'^'^--'':''----y''i-,'-, ''■:'■'' yierteTFolge _"' ^ ^r- ' '.>i :/''■, i:^ ■'■\-'$^
I Jrleft: Das System der zwölf Stämme Israels, : -
Von Martin Noth/^^ IV und 1758^1930.; RM ; > ^v^ JJ-
2: Heft: Die Leidenstheöldgie. r ? ' ; ^^
' y?" Wolfgang WijchmaM^
3. Heft: Das Geschichtsbild des chrohistisehen: Werkes. I
- VonGer^rdv.Rad. 8»; VI u. 135 S/ 1930/ RMi 6^75 - ;^
4. Heft: Glaube und Geschichte im Alten Testament.
. Von Artur Weisen 8V VIII u. 99^«^^^ I930r RM; 4.--^- ' ; ^ "_
5l^Heft:Paulus' Stellung ZU i'rauüiid-E^ :^ :^
>Von Gerhard Deilmg. 8^. Xu^l 66 S^'i^^^ ~
Ö.HefttDas Förmülatader paülinischen Briefe. ' C
Von Otto-RoU«. 8^ ^OCXiru^^ :'
/.Heift: Der Tempel Salomos^ Eine- yntersuchüng seiner Stellung
-in derjSakralarchitektürdls Alten Orients; - j
. ; r Von Kr«tlMöhl(Bnbrinkv8°, XW > -
8 . Heft: Der Begrififder Kraft in der neutestamentlichen Gedankenwelt.:
. . Von-Walter Gniridmann. 8V:XI ü: 132 S.I932.,RM. 6.75 ^ 'f- :^:
9. Heft: Der Hiob-Dialog. Auftiss und Dieutung. ' c:
- Von^ FrwdricK IBaumgärtel. 8"^ VÖlMiiid 201 S. 1933. R.M^ 7.20 •
:iö.Heft: Jesaia 24r^27;- _ " . r
V^ Von Wilhelm Rudolph^ S». IV und 66 S^ 1933. RM.4.50 ^'
ii.Heft:Deuterojesäja in seinem Verhältnis zu Tritojesajä*
Von KariElligero8:V Xir% 308 S; 1933. RM:2I.~ ^ .,
i2.Heft:Die WunderüberHeferung der SynQptiker in ihrem Yerhält-
inis zur Wortüberlieferung^ r ^ "
Von Otto Pereis. i934 ^ > .
i3.Heft:Die Priesterschrift im Hexateuch. ^
Von Gerhard yöii Rad. 1934V " - r'~-;:C - ~
Das orientalische Seliätteritheater -
Herausgegeben, von Georg Jacob und Paul Kahle ^^ - ;^
1. Der Leuchtturm von Alexandria J ^
Ein arabisches Schattenspiel aus dein nwttelalterlichen Ägypten von Paul Kahle. Mit
Beiträgen von Georg Jacob. Text des -Spieles in Übersetzung und im arabischen Ur-
text. 1930. IX und 44, 94, 58 Seiten mit Fig. Gr. 8°. Ganzleinen R^
II. Das indische Schattentheater :.
Bearbeitet von Georg Jacob, Hans Jensen, Hans Lösch. 1932. VII und! 56 S. und 3 Tafeln
Gr. 8». Gänzleinen RM. 18.—
III. Das Schattentheater in China ^
Auf Grimd neu erschlossenen Materials dargestellt von Georg Jacob (in Vorbereitung)
W. KOHLHAMMER / VERLAG IN STUTTGART
Per eis, Otto
B^ie- inatider^xberliefer»
timg der Synoptiker in
ihrem Terlialtnis zixr wort-
M&erlieferung
1059672
{.■Ar /■'••'
..j' .-,/
MUK 22-33
BS '
355&
.P43
Ferels, Otto
Die mimdQrüb«r-lief'eruQg
der s^optiker in ihrem ver-
feältnis zur wortuherliefer-
img> iQsamz
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